Heimelig, still und lautstark

Von Julia Müller und Götz Gericke

Zum mittlerweile 30. Mal finden vom 7. bis zum 17. August in Bonn die Internationalen Stummfilmtage statt. In der Geschichte der traditionsreichen Veranstaltung strömen jährlich bis zu 27000 Besucher in den Arkadenhof des Universitäts-Hauptgebäudes. Das Jubiläum bringt neben neuen Stühlen stolze Rück- und Ausblicke und so manche Anekdote.

1985 fand das erste Bonner Sommerkino statt, damals noch im Innenhof des Poppelsdorfer Schlosses. Matthias Keuthen und Stefan Drößler, heute Direktor des Filmmuseums München, luden zusammen mit dem Bonner AStA zu einer der wenigen Open-Air-Filmvorführungen in Deutschland ein. Schon damals wollten sie sich nicht auf Blockbuster und Klassiker beschränken und zeigten zwischendurch einen Stummfilm. Der Verpflichtung zur Abwechslung sind die Veranstalter bis heute treu geblieben.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – und schon dieser wurde von sensiblen Ohren begleitet. So sei die dreitägige Premiere des Bonner Sommerkinos so laut gewesen, dass „die Mehlwürmer aus ihren Becken sprangen“, wie Drößler anlässlich der Eröffnungsveranstaltung im Bonner Rathaus aus einer Beschwerde zitierte. „Meine Absicht war eigentlich von Anfang an, dort Filme zu zeigen, die anders sind, Filme, die man nicht zu sehen bekommt“, so Drößler. „Ein oder zwei Jahre geht das gut“, habe man ihm damals erklärt, dann werde das Publikum des Programms überdrüssig sein.

Doch die facettenreiche Programmauswahl, die sich keineswegs nur auf Stummfilm-Klassiker beschränkte, kam bei den Bonnern so gut an, dass der Veranstaltungsort zuerst zum Alten Zoll und schlussendlich in das ehemalige Kurfürstliche Schloss verlagert werden musste. Zehn Jahre nach der ersten Filmvorführung wurde das bislang gemischte Programm zu einem reinen Stummfilm-Festival und der Andrang wuchs beständig. Selbst Zuschauer, die im Alltag nie auf die Idee kämen, sich einen Stummfilm zu Hause anzusehen, kommen mit Freuden jedes Jahr aufs Neue. Denn wie jeder Besucher weiß: Bei den Internationalen Stummfilmtagen geht es um mehr als nur Filme. „Das Besondere hier in Bonn, was das Festival von allen anderen Stummfilm-Festivals in der Welt unterscheidet, ist, dass das hier ein Publikumsfestival ist. Alle anderen Veranstaltungen, die ich kenne, richten sich meistens nur an Spezialisten”, erklärte Stefan Drößler.

Internationale Stummfilmtage: Herzensräuber

Bis zu 1500 Zuschauer finden im Arkadenhof Platz. Früh trudeln die ersten Fans ein, um die besten Plätze für sich und ihren Anhang zu erobern. Bei Snacks und einem frisch gezapften Bier wird dann zusammen der Feierabend eingeläutet, bis die Dämmerung einsetzt. Dann die Durchsage: „Es werden noch Helfer benötigt, die das Piano in den Innenhof tragen.“ Schon springen die ersten los. Nirgendwo finden sich so schnell so viele Menschen, die freiwillig ein 500 Kilogramm schweres Musikinstrument schleppen, denn die Live-Musik-Begleitung gehört einfach dazu, sei sie einstudiert oder improvisiert. Die Musiker, allen voran der seit Jahren bei den Stummfilmtagen aktive Joachim Bärenz, schaffen es immer, die besondere Atmosphäre des Filmes im Arkadenhof lebendig werden zu lassen. Wenn zum Takt der Musik die Fledermäuse vor der Leinwand tanzen und das Publikum über Chaplins und Keatons zeitlose Komik ebenso lacht wie über die „Political Incorrectness“  vergangener Tage, hat man sein Herz bereits an die Internationalen Stummfilmtage verloren.

Heute wie morgen

„Stolz sind wir schon, denn viele Bonnerinnen und Bonner lieben das ausdrücklich“, gab Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch zur Eröffnung der Filmtage unumwunden zu und zählte zu den Besonderheiten des Bonner Sommerkinos neben der musikalischen Begleitung auch ausdrücklich jenes Motto der Veranstaltung, das den Besuchern seit jeher freien Eintritt beschert: „umsonst und draußen!“ Dass dies keineswegs für selbstverständlich gehalten werde, zeige die nachhaltige Spendenbereitschaft der Besucherinnen und Besucher wie gleichermaßen das fortwährende Engagement der Veranstalter und nicht zuletzt der Stadt Bonn, deren Förderung für einen solchen „Solitär“ von internationalem Ruf nicht zur Debatte stehe.

Wie sehr auch die Universität dem Projekt den Rücken stärke, betonte Sigrid Limprecht, Leiterin der Bonner Kinemathek: „Überhaupt nicht einfach“ sei es gewesen, den Arkadenhof, der zurzeit wegen der Sanierung der Uni-Garage als Parkplatz benötigt werde, zu nutzen. Hier habe die Universität unter Rektor Jürgen Fohrmann, in dessen Amtszeit die Zusammenarbeit der Bonner Alma Mater mit den Stummfilmtagen dankenswerterweise weiter intensiviert worden sei, eine Ausnahme ermöglicht. Zur Gründungszeit habe man mit solchen Problemen wohl kaum zu kämpfen gehabt, ebenso wenig wie mit neuen Auflagen durch den Klimawandel: So musste man in diesem Jahr erstmalig für den Fall von Starkregen neue Fluchtwege einrichten. Dennoch führe die Begeisterung, die das Publikum den Stummfilmtagen nach wie vor entgegenbringt, auch in der Kultur-Debatte zu einer „Veranstaltung, die Kultur legitimiert“: „Wir werden munter auch in den nächsten Jahren spielen.“

Dieses Jahr: Gauner und Göttinnen

So werden die Internationalen Stummfilmtage auch in diesem Jahr neue Verehrer für sich begeistern, denn sie präsentieren sich in bestem Licht. Im Eröffnungsfilm zeigte der unvergleichliche Charlie Chaplin bereits, dass der Tramp auch auf Rollschuhen eine gute Figur macht („The Rink“, 1916). Das Finale am 17.08. wird eine stumme Fassung von Ernst Lubitschs „Monte Carlo“ (1930) bestreiten. Das Musical rund um eine Gräfin, die ihren Verlobten verlässt, ihr Vermögen am Roulette-Tisch verliert und eine Affäre mit einem als Friseur getarnten Grafen beginnt, kam in Amerika schon vertont in die Kinos, für Europa wollte die Traumfabrik jedoch nicht synchronisieren.

Zum ersten Mal werden auf der Bonner Freiluft-Leinwand auch Stummfilme aus China gezeigt, eine Gelegenheit der 10 Jahre der werbenden Gespräche mit dem Filmarchiv in Peking vorausgingen. In „Das Blut der Liebe“ (13.08.) erhält der Sohn einer unterdrückten chinesischen Bauernfamilie die Möglichkeit, sich zu rächen, am 15.08. prostituiert sich „Die Göttin“, um ihrem Sohn ein besseres Leben zu verschaffen. Diese und weitere 20 Filme versprechen einen wundervollen Abend im Arkadenhof. Das vollständige Programm der 30. Internationalen Stummfilmtage und alle weiteren Informationen rund um das Festival finden sich auf den Seiten des Veranstalters.

In 30 Jahren waren auf der Bonner Open-Air-Leinwand 704 verschiedene Stummfilme zu sehen, wie Stefan Drößler zu Beginn der Stummfilmtage stolz zusammenfasste. So wie man sich zu Beginn Vielseitigkeit auf die Fahnen geschrieben habe, wolle man es auch in Zukunft halten: „Wir haben noch genüged Reservoir, um noch 30 weitere Jahre mit Stummfilmen zu füllen.“

Alle Bilder: Götz Gericke / bonnFM

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