65daysofstatic

Von Adrian Ladenberger und Thomas Frerix

Bild: Thomas Frerix / bonnFM

Im September gab sich die häufig mit Post-Rock in Verbindung gebrachte Band 65daysofstatic in Köln die Ehre. Im Gepäck hatte die Band ihr aktuelles Studioalbum „Wild Lights“. Adrian Ladenberger und Thomas Frerix mischten sich unter die jubelnde Menge und entführten 65dos-Frontmann und Gitarrist Joe Shrewsbury auf ein Interview.

bonnFM: Eure momentane Tour ist noch für „Wild Light“, oder?

Joe Shrewsbury: Ja genau, das ist so ziemlich das letzte Konzert der Tour, wir haben morgen noch eins und dann noch eins in England, aber sonst keines mehr dieses Jahr.

bonnFM: Wie ist es gelaufen? Was sind Deine Eindrücke der Tournee?

Joe: Es war cool, definitiv die beste Zeit überhaupt, um mit 65 live aufzutreten. Wir haben einen Punkt erreicht, an dem wir nicht mehr ganz so sehr vom Programming abhängig sind. Es fühlt sich also insgesamt viel mehr an wie „live“. Für uns ist das natürlich viel riskanter, aber ich denke, wenn wir das richtig hinbekommen, dann sind diese Songs verdammt gut. Die Haupttour letztes Jahr war ziemlich lang, aber es war cool, nach Amerika zu kommen, auch wenn das ein schwieriger Ort zum Touren ist. Für eine Band unserer Größe ist es dort schwierig, die richtigen Konzerthallen zu finden, wo wir genau den Sound rausbekommen, den wir haben wollen. Dieses Jahr war allerdings auch ziemlich gut, wir waren zum Beispiel auch in Japan. Ich würde mir aber wünschen, in Zukunft mehr auf großen Festivals auftreten zu können, da ich das Gefühl habe, dass 65 eher noch zu den Outsidern in der Musikszene gehört. Es wär schön auf Mainstream-Festivals auftreten zu können, um den Leuten mal einen ganz anderen Eindruck von Musik zu geben, aber ich glaube so funktioniert die Musikindustrie momentan nicht.

bonnFM: Du meintest gerade, dass Euer neues Album sich mehr „live” anfühlt, dabei ist es doch insgesamt viel elektronischer. Wie passt das zusammen?

Joe: Also, unsere Alben haben alle mehr oder weniger dasselbe Level an Elektronik, aber „Wild Light” hat insgesamt weniger Instrumente. Meistens hört man vielleicht 6 oder 7 Elemente, also zum Beispiel Gitarre, Bass, Piano, zweite Gitarre, Live-Drums, V-Drums und vielleicht noch ein bis zwei Keyboard-Elemente. Bei dem Album „The Destruction of Small Ideas” haben wir noch 40 verschiedene Kanäle benutzt, also viele verschiedene Soundscapes und sehr viel Programming. Dieses Album ist also wahrscheinlich das mit dem meisten Programmier-Aufwand, aber es klingt insgesamt am wenigsten elektronisch. Aber um die Wahrheit zu sagen, haben wir als Band glaub ich einen Punkt erreicht, wo wir versuchen Musik mit so wenigen Elementen wie möglich zu machen. Es ist keine Minimal Music, aber für 65 ist es ziemlich minimal in dem Sinne, dass wir nur noch eine oder zwei Melodien verwenden, um den Song voranzubringen. Vorher hättest Du Layer über Layer gehört und Du hättest wahrscheinlich Dinge gehört, die Du noch nie vorher gehört hast.

bonnFM: Also ihr habt Eure neuen Songs nicht extra dafür optimiert, dass man sie live spielen kann?

Joe: Es ist perfekt, um live gespielt zu werden, da wir auch alle gleichzeitig spielen. Ich bin kein Purist, ich hab kein Problem damit, etwas wirklich Schwieriges zu programmieren und es dann live über einen Computer abzuspielen, während wir die anderen Elemente spielen. Ich glaube, Du kannst uns nicht wirklich beschuldigen, nicht authentisch zu sein. Ich weiß, dass es andere Leute da draußen gibt, die einfach auf Play drücken und das wars, aber so sind wir nicht. Mit „Wild Light” sind wir immer mehr in eine Richtung gekommen, wo Du wirklich zuhörst, was gerade auf der Bühne gespielt wird. Wir benutzen immer noch vorprogrammierte Elemente, aber es fühlt sich viel mehr „live” an.

bonnFM: In welchen Konzerthallen würdet Ihr denn gerne mal spielen? Einfach in größeren Orten?

Joe: Nicht unbedingt. Ich habe auch schon in großen Hallen gespielt wie in der Wembley Arena, von der ich als Teenager immer dachte, dass die total cool sei. Aber nach 13 Jahren Banderfahrung denke ich, dass die großen Hallen gar nicht unbedingt die besseren sind, in kleinen Hallen hast Du oft eine viel außergewöhnlichere Stimmung. Allerdings auf einem Bandlevel denke ich, wäre es auch schön ,mehr Leute zu erreichen, um auch eine größere Bandbreite an Hörern anzusprechen.

bonnFM: Hast Du irgendeinen besonderen Ort, an dem Ihr schonmal aufgetreten seid, der sich fest bei Euch eingebrannt hat? Einen Lieblingsclub vielleicht?

Joe: Es gibt da einen Club in Brighton, „The Concord”. Die Foo Fighters haben da ironischerweise letztens ein geheimes Konzert gespielt, es ist ein ziemlich kleiner Club mit Platz für vielleicht 600 Leute. Es war ziemlich cool da zu spielen, aber es gibt wirklich viele verschiedene Konzerthallen, es ist hart sich da auf eine festzulegen. Am Ende des Tages bin ich meistens schon glücklich, wenn wir den Sound rausbekommen, den wir wollten und dann gehts mir gut.

bonnFM: Wenn ich mich nicht irre, ist „Wild Light” bereits letzten Oktober erschienen. Wie ist Dein Eindruck zum Album? Ist es bei den Fans gut angekommen?

Joe: Ich bin mir nicht sicher, ich denke viele Fans sehen es ähnlich wie wir, dass „Wild Light” unser bisher bestes Album ist. Man kann natürlich immer an Sachen herumschrauben, aber insgesamt bin ich sehr zufrieden damit und wie ich eben schon gesagt habe, ist es mein Lieblingsalbum, um es live zu spielen. Ich bin immer ein wenig enttäuscht, dass es oft als Post-Rock oder Progressive Rock aufgefasst wird, da ich mich mit diesen Genres nicht wirklich identifiziere. Genres sind bestimmt nützlich für Journalisten, um über Musik zu schreiben, aber ich finde sie sehr einengend. Ich stehe Leuten sehr skeptisch gegenüber, die versuchen, ein bestimmtes Genre zu konservieren und sich dagegen wehren, etwas neu zu erfinden. Das ist einfach der falsche Weg über Musik zu denken und ich denke es wird zu stumpfsinniger Musik führen, die umso lebloser wird, je mehr man versucht, ein bestimmtes Genre zu bewahren.

bonnFM: Also ordnet Ihr euch gar nicht in ein Genre ein?

Joe: Nein, absolut nicht und auch die Bands, die ich persönlich bewundere, lassen sich nicht in ein Genre pressen. All die großen Bands tun etwas, was kein anderer tut, und ich möchte nicht sagen, dass wir das genauso machen, aber das ist unser Ziel. Ich respektiere die Musik und die Power, die Musik hat, daher versuchen wir uns auch nicht zu wiederholen und uns stattdessen immer neu zu erfinden.

bonnFM: Was sind Eure Pläne fürs nächste Album?

Joe: Ich beantworte die Frage immer, wenn wir ein neues Album rausbringen und die Antwort ist, dass wir einfach keinen Plan haben. Wenn wir einen Plan hätten, würden wir uns wahrscheinlich stetig selbst wiederholen. Normalerweise fühlen wir uns sehr erleichtert, wenn wir ein Album rausgebracht haben, dann denken wir, wir habens geschaft und können auf Tournee gehen. Aber nach „Wild Light” haben wir uns wie eine neue Band gefühlt, als ob wir gerade angefangen hätten Musik zu schreiben, wie wir sie noch niemals zuvor geschrieben hatten. Es fühlt sich momentan sehr aufregend an und wir freuen uns darauf, Musik auf eine für uns völlig neue Art und Weise zu schreiben. Musik zu schreiben, ist aber auch der schwerste Teil unserer Arbeit. Ich würde nie auf die Idee kommen zu sagen, dass wir alle Genies sind und dass uns das Schreiben ganz leicht von der Hand geht. Im Gegenteil, 90% davon sind sehr schmerzhaft und die anderen 10%…,  da kannst Du sagen: Da ist etwas Gutes dabei.

bonnFM: Habt Ihr schon mit etwas Neuem angefangen?

Joe: Ja, wir schreiben momentan an neuen Songs, aber arbeiten ohne Druck und schauen wohin sich unsere Musik entwickelt.

bonnFM: Irgendwas Konkretes?

Joe: Ja, wir haben auch schon konkretere Vorstellungen, aber die kann ich Dir noch nicht verraten. Ich denke, wir werden im Dezember neue Infos dazu veröffentlichen.

bonnFM: Kannst Du uns vielleicht was über die Richtung verraten? In der Art von „Wild Light”?

Joe: Ich hoffe doch, besser vielleicht sogar. „Wild Light” fühlt sich für mich nicht wie etwas komplett Neues an, es ist mehr die Verschmelzung von unseren alten Alben. Ich denke, es ist am nächsten dran zu unserem „Fall of Math”-Album. Das Herz, der Spirit, erinnert uns stark an „Fall of Math”. Es würde mir gefallen, mehr Musik in der Richtung zu schreiben, Musik, die minimaler ist, aber immer noch laut und irgendwie großflächig.

bonnFM: Wie wichtig ist es Euch, mehr Leute mit eurer Musik anzusprechen?

Joe: Man muss das auseinanderhalten. Es ist natürlich wichtig, dass wir auf größeren Shows spielen und unsere Miete bezahlen können. Aber wenn Du ein Album schreibst, solltest Du niemals an solche Dinge denken. Wenn Du ein Album schreibst, heißt das, dass vielleicht jeder Dich hassen und niemand Dein Album kaufen wird, aber Du solltest es trotzdem tun, weil Du ehrlich sein willst. Ich denke, Du kannst es raushören, ob ein Album für Geld geschrieben wurde oder nicht. Uns ist es wichtig, das Album so zu schreiben, wie wir es haben wollen, dann erst machen wir uns Gedanken über die anderen Sachen.

bonnFM: Könnt Ihr denn von Eurer Musik leben oder arbeitet Ihr nebenbei?

Joe: Nein, 65 ist unser Vollzeitjob. Wie schaffen wir das? Wir arbeiten sehr, sehr hart und ich denke, wir haben auch wirklich großartige Familien hinter uns. Aber wir machen uns oft Gedanken, ob wir nicht aufhören und einen festen Job annehmen sollten. Es ist hart, aber wir ziehen es durch. Es sind meist kleine Summen, von unseren Alben, den Tourneen, Film- und Computerspielsoundtracks, aber es kommt genug zusammen.

bonnFM: Also produziert Ihr auch Soundtracks?

Joe: Oft lizenzieren Leute Songs, die wir schon geschrieben haben, aber wir würden sehr gerne mal an einem Filmsoundtrack arbeiten. Ich fände es fantastisch, an so einem Projekt zu arbeiten, aber du brauchst erst mal ein Filmstudio und einen Regisseur, der Dir die Chance gibt, sowas zu verwirklichen.

bonnFM: Inwieweit ist es wichtig für Euch, oft auf Tour zu sein?

Joe: Ich denke schon, dass es wichtig ist und unser Manager natürlich auch. Leute kaufen unsere Alben ja auch oft während der Konzerte am Merchandise-Table. Aber es ist nicht so, als würde uns das Touren keinen Spaß machen. Wir schreiben unsere Songs natürlich zum einen, weil wir gerne Musik zusammen machen, aber zum anderen lieben wir es einfach live zu spielen, weil wir glauben, dass Musik erst live ihre ganze Power ausbreiten kann.

bonnFM: Vielen Dank für Deine Zeit.

Joe: Kein Problem, Euch auch vielen Dank für das Interview.

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