It‘s bigger than Hip-Hop

Von Amman Mohammed

Bild: Merlijn Hoek / Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0

Nicht lange ist es her, dass der US-Rapper Kendrick Lamar sein zweites Album „To Pimp a Butterfly“ veröffentlichte. Am 15. März erblickte es das grelle Licht des WWW, um hier gleich für ordentlich Wirbel zu sorgen. Was die Bewertung angeht, waren sich die Musikmagazine einig – viereinhalb von fünf möglichen Sternen beim Rolling Stone, im Billboard und auch bei Pitchfork kratzt der Künstler an der Höchstwertung. Doch was ist es an den knapp achtzig Minuten Musik, das sowohl Kritiker als auch Liebhaber des Genres derzeit förmlich die Revolution ausrufen lässt?

Es kommt so anders, als man denkt

Mit seinem Debüt „good kid, m.A.A.d city“, das nunmehr zweieinhalb Jahre zurückliegt, sicherte sich Kendrick Lamar Duckworth, so der Rapper mit bürgerlichem Namen, erstmals die Aufmerksamkeit der globalen Musiklandschaft – bereits hier sprach man von einem Meisterwerk. Mit dem damaligen Album, das inhaltlich einer Gesellschaftsstudie nahekommt, die vor allem seinem berüchtigten Heimatort Compton galt, setzte der „New King of the West Coast“ in der Musik neue Maßstäbe, wenn es um Narrativität geht. Der auch kommerziell wachsende Erfolg des Künstlers ließ jedoch die Skepsis wachsen. Zu häufig kam es schließlich schon vor, dass ein wirtschaftlicher Druck sich auch auf die Qualität der Musik auswirkt. Womöglich rechnete man mit seichteren Themen, der einen oder anderen fragwürdigen Kollaboration und Popanleihen en masse.

Weit gefehlt. „To Pimp a Butterfly“ ist das vielleicht sperrigste Stück Musik, das in den letzten Jahren die Spitze der Charts erobern konnte. Ein Umstand, der sich zunächst an der alles anderen als eingängigen Produktion bemerkbar macht, die sich fernab des derzeit allgegenwärtigen Traps bewegt und stattdessen mit chaotischem Free Jazz, reinstem Boom bap und Funk daherkommt. Schon der Auftakt „Wesley‘s Theory“, der von keinem geringeren als Flying Lotus produziert wurde, überrascht so mit einem Gastauftritt des in der Rock and Roll Hall of Fame verewigten P-Funk-Begründers George Clinton. Sechs Anspielstationen weiter beweist der Rapper jedoch, dass es auch zeitgenössisch funktioniert. Für „Alright“ setzte der Rapper so auf Hitgarant Pharell Williams, der neben der harmonischen Untermalung auch gleich die passende Hookline liefert.

„I know street shit, I know shit that‘s conscious, I know everything“

Angesichts der musikalischen Reife, die „To Pimp a Butterfly“ ohne Zweifel bietet, ist es nur schwer zu glauben, dass diese allein nicht für die außerordentliche Rezeption verantwortlich ist. Wie auf dem vorherigen Album sind es viel mehr die Gedanken des 27-jährigen, die auch jetzt für fallende Kinnladen sorgen. Der Künstler, der sich lyrisch irgendwo zwischen klassischem Rap, Storytelling, Spoken Word und dem Predigen bewegt, legt mit seinem Album nämlich ein Werk vor, das vor lauter Sozialkritik aus allen Nähten platzt. Während der Vorgänger sich thematisch kaum aus dem eigenen Viertel wagte, knöpft sich der Rapper mit seinem neuesten Streich einen weitaus größeren Kosmos vor – die afroamerikanische Identität.

Mit einem Scharfsinn, der seines Gleichen sucht, wird die eigene Subkultur sowohl historisch, soziologisch als auch psychologisch aufgearbeitet und hinterfragt. In welchen Bereichen sich der Musiker hierfür bilden musste, verheimlicht er nicht: „I know street shit, I know shit that’s conscious, I know everything. I know lawyers, advertisement and sponsors. I know wisdom, I know bad religion, I know good karma.“, lässt der Musiker so in seinem Song „Momma“ selbstbewusst verlauten. Dass das Porträt, welches hierbei entsteht, jedweder Romantik entbehrt, zeigt sich in aller Deutlichkeit im Song „The Blacker the Berry“. Die konfrontative Abrechnung mit Rassismus, kultureller Isolation und Justiz gleicht einem verzweifelten Hilfeschrei und bildet dabei den kompromisslosen Höhepunkt des Albums.

Ein Meilenstein, der womöglich weh tut

„To Pimp a Butterfly“ entspricht zunächst nicht unbedingt dem, was man gut und gerne als zugänglich beschreibt, und stellt die Aufmerksamkeit des Hörers auf eine Probe. Vergegenwärtigt man sich die Komplexität der Themen, die Kendrick Lamar in seinem – und diese Wiederholung sei erlaubt – erst zweiten Album angeht, sollte jedoch klar werden, dass eine einfache Aufarbeitung de facto auch gar nicht möglich ist. Allzu lange liegen sie schließlich nicht zurück, jene tragischen Todesfälle von Michael Brown und Eric Garner, die vor allem in den US-amerikanischen Medien mehrere Wochen die Schlagzeilen dominierten. Sogenannte ‚Rassenunruhen‘, wie sie anschließend in der missourischen Kleinstadt Ferguson stattfanden, zeugten unverkennbar von einem gesellschaftlichen Vakuum. Auch ein Album vermag es natürlich nicht, an diesem Umstand etwas zu ändern, doch es ist womöglich der gelungenste Versuch seit jeher.

bonnFM-Redaktion

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