Die UN zum Greifen nah

Den wenigsten von euch wird der Ausdruck “MUN” ein Begriff sein. Dahinter verbirgt sich das Konzept, UN- Konferenzen zu simulieren. Der Bonner Verein BIMUN/ SINUB hat es sich zur Aufgabe gemacht, genau diese Idee umzusetzen und jährlich eine solche Veranstaltung zu organisieren. bonnFM hat sich für euch die Umsetzung und das Konzept dahinter mal genauer angesehen!

„Gestern gab es am Morgen gegen acht Uhr einen Anschlag auf den Time Square in New York. Dabei sind mehrere Menschen ums Leben gekommen. Laut Behörden wurde bei dem Vorfall ein lebensbedrohlicher Virus freigesetzt, dessen Ausbreitung momentan nicht unter Kontrolle sei. Die Leute werden gebeten, in ihren Häusern zu bleiben und Kontakt zu anderen zu vermeiden. Der erste Todesfall wurde bereits 14 Stunden später verzeichnet. Experten sprechen aktuell von über 2,7 Millionen Infizierten. Vor allem Touristen sind von dem Anschlag betroffen.
Eine bolivianische Terror-Organisation hatte sich gestern zu den Anschlägen bekannt. Die US-Regierung antwortete daraufhin mit einem Angriff auf den Norden Boliviens in dem sich die Terrorgruppe aufhalten solle. Es ist von tausenden Opfern die Rede.“

Bild: Leandra Hoffmann

Halt! Bevor ihr jetzt panisch euren Laptop zuklappt und euch auf eine drohende Apokalypse vorbereitet, können wir euch Entwarnung geben. Was vielleicht ein wenig klingt wie Clickbait oder der Plot des neusten Dan Brown Romans, war in Wahrheit Teil der „BIMUN/ SINUB Conference“ in Bonn, und daher reine Fiktion. Aber was zur Hölle ist BIMUN/ SINUB? – Gute Frage an dieser Stelle. BIMUN/ SINUB steht für „Bonn International Model United Nations / Simulation Internationale des Nations Unies de Bonn“ – Langer Titel, hinter dem sich jedoch eine geniale Idee verbirgt! Um genau zu sein, ein Bonner Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, jedes Jahr eine Konferenz der vereinten Nationen so echt wie möglich zu simulieren. So auch dieses Jahr. Ab dem 23. November mietete die ausschließlich aus Studenten bestehende Gruppe das Wissenschaftszentrum in Bonn, für knapp eine Woche, um dort über 100 Studenten aus der ganzen Welt zu empfangen. Aber wie soll man sich das denn vorstellen? Und kann so etwas überhaupt spannend sein, oder besteht die Gefahr, dass das Ganze schnell in eine Aneinanderreihung dröger Diskussionsrunden abdriftet? Diese Fragen stellte ich mir anfangs auch – bis ich die Möglichkeit bekam, mir selbst ein Bild der Veranstaltung und des Konzeptes zu machen. Aber beginnen wir von vorne.

Die USA und Bolivien als Überthema

Alle Interessenten müssen sich vor ihrer Teilnahme anmelden und sich dabei für ein Land entscheiden, welches sie während der Konferenz vertreten wollen. Einzige Voraussetzung: Die Nation muss Teil der UN sein. Daraufhin bereiten sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen auf die anstehende Konferenz vor. Damit sie dabei nicht im Dunkeln tappen, läuft jede Konferenz unter einem bestimmten Überthema. Dieses Mal drehte sich alles um die USA und Bolivien. Darunter fallen jedoch auch andere global relevante Thematiken, wie beispielsweise die Koreakriese. Zusätzlich erhalten die Teilnehmer themenbezogene Dokumente und Texte, die garantieren, dass jeder mit den gleichen Grundvoraussetzungen in die Diskussionen startet. Nachdem die Konferenz offiziell mit einer großen Eröffnungsfeier beginnt, finden sich die einzelnen Landesvertreter in verschiedenen „Councils“ zusammen. Denn diskutiert wird nicht in einer riesigen Runde, sondern eben, wie in der UN auch, in kleineren Räten, die jeweils einen gewissen Aspekt des Überthemas abdecken. Dabei geht es beispielsweise um Wirtschaft, Sicherheit oder Menschenrechte. In den nun folgenden Debatten der nächsten Tage verfolgen die einzelnen Länder das Ziel, ein gemeinsames „Paper“ zu erstellen. Gemeint ist damit ein Dokument, das verschiedene Lösungsansätze zur gegebenen Thematik beinhaltet und damit die Teilnehmer gleichzeitig zwingt, während den Gesprächen Kompromisse einzugehen und die Entwicklungen voran zu treiben. Geleitet werden die Councils von den so genannten „Chairs“, welche meist durch erfahrenere Teilnehmer besetzt werden. Diese sind unparteiisch, schreiben für die jeweiligen „Councils“ den so genannten „Studyguide“, der die Vorbereitung auf die Debatten erleichtert und sorgen, neben vielen weiteren Aufgaben, außerdem dafür, dass die einzelnen Regeln und Formalia eingehalten werden. Davon gibt es nämlich ganz schön viele. Ein ganzen Heft voll, um genau zu sein. Um zu sprechen, steht man auf, die Redezeit ist auf ein festgelegtes Zeitlimit begrenzt, es gibt verschiedene Tagespunkte, und so weiter. Das verleiht den Debatten eine sehr starke Professionalität und man hat das Gefühl, wirklich Teil einer internationalen Konferenz zu sein.

Bild: Leandra Hoffmann

Diskutieren als Hochleistungssport

Dazu kommt das extrem hohe Niveau der Diskussionen, die allesamt auf Englisch gehalten werden. Die einzelnen Teilnehmer stehen währenddessen ständig unter Anspannung und legen ein Multitasking-Talent an den Tag, von dem viele nur träumen können. Sie recherchieren auf ihren Laptops Hintergrundinformationen zu den momentanen Themen, kommunizieren per kleiner herumgereichter Zettel untereinander, lauschen angestrengt den Reden der anderen Teilnehmer und planen simultan die eigenen – Hochleistungssport! Das heizt die Diskussionen natürlich wiederum zusätzlich an und erzeugt teilweise hitzige Streitgespräche, bei denen jedoch jeder in der Rolle seiner Nation und deren Werten und Ansichten bleibt. Darin liegt für viele Teilnehmer auch die Motivation und Faszination, sich in ein Land hineinzudenken, dessen Position man vielleicht selbst gar nicht vertreten würde. Das schafft die Möglichkeit, gewisse Thematiken auch mal aus einem anderen Blickwinkel heraus zu betrachten. Damit die Diskutierenden darüber im Bilde bleiben, was abseits ihres „Councils“ geschieht, gibt es eigens für die Konferenz arbeitende Journalisten (freiwillig verkörpert von Studenten), die die Ereignisse in den einzelnen Diskussionsrunden zusammenfassen und für jeden Tag der Konferenz eine eigene Zeitung mit Berichten online zur Verfügung stellen. Trotz aller Professionalität bleibt die Atmosphäre, vor allem während der regelmäßigen Pausen, locker, entspannt und freundlich. Viele der Teilnehmer scheinen sich bereits untereinander zu kennen. Zusätzlich zu den Diskussionen organisiert BIMUN/ SINUB, deren Mitglieder übrigens die gesamte Zeit vor Ort sind und dafür sorgen, dass alles nach Plan läuft, während der Woche verschiedene „Social Events“, wie Partys oder Abendessen, welche das Knüpfen von Kontakten und das Kennenlernen der anderen Teilnehmer erleichtert. Da BIMUN/ SINUB nicht der einzige Verein auf der Welt ist, der das Konzept dieser simulierten UN-Konferenzen, den „MUN´s“, umsetzt, treffen sich viele Teilnehmer auf Konferenzen überall auf der Welt immer wieder. Das Team des Bonner Vereins besucht selbst mehrere Events jährlich und kennt viele der diesjährigen Teilnehmer persönlich.

Bild: Leandra Hoffmann

Eine Krise á la Hollywood

Das ist ja alles schön und gut, wird sich der ein oder andere von euch jetzt sicher denken, aber wie passt ein Attentat auf New York und ein tödliches Virus denn nun bitte in dieses Konzept?
Globale Krisen, wie die bereits beschriebene, sind tatsächlich Teil vieler Konferenzen. Ein eigens dafür zuständiger „Cisis Manager“ konstruiert im Vornherein eine theoretisch mögliche Katastrophe, deren Eintreten dann überraschend an einem der Tage verkündet wird. Doch das geschieht nicht mal eben so. Knapp sechs Monate wird während der Vorbereitungsphase an der Krise gearbeitet, um auch jedes Detail überdacht und abgedeckt zu haben. Die Krise selbst bringt eine neue Wendung in die Gespräche und sorgt dafür, dass die Bündnisse und Lösungsansätze neu überdacht werden müssen. Aber nicht nur das machte die Konferenz in Bonn zu einer besonderen. Ein Alleinstellungsmerkmal, zumindest in Europa, ist das „Trilinguale Komitee“. Innerhalb dieser Diskussionsrunde wird auf Englisch, Französisch und gleichzeitig auf Spanisch diskutiert. Möglich wird das durch ein Dolmetscher-Team, welches von der TH-Köln gestellt wird. Diese übersetzen die Reden der einzelnen Teilnehmer in die jeweils gewünschte Sprache. Die Übersetzung hören die Diskutierenden dann simultan über ein eigens dafür zur Verfügung gestelltes Headset. Die Dolmetscher kommen jedoch nicht nur in diesem speziellen Komitee zum Einsatz, sondern begleiten auch die große Eröffnungs- so wie Abschlussfeier und übersetzen die dort gehaltenen Reden in jeweils Spanisch, Englisch oder Deutsch. Dass dieser ganze Aufwand nicht ganz billig ist, liegt auf der Hand. Daher sind die Organisatoren auch auf viele Partner angewiesen, welche die Veranstaltung unterstützen, da der Teilnehmerbeitrag verhältnismäßig gering ausfällt. Aber nicht nur das macht die Vorbereitung und Planung so anstrengend und intensiv. Fast ein halbes Jahr im Voraus beginnt das „ExCom“ also das Planungsteam, mit den Vorbereitungen für die Konferenz, damit in der entscheidenden Woche auch alles glatt läuft. Man merkt, dass jeder einzelne aus dem Verein sein komplettes Herzblut in die Konferenz investiert und das spiegelt sich auch in der Qualität der selbigen wider. Zwar spürt man, dass sich die Teilnehmer während der Simulation in einer eigenen kleinen Welt bewegen, man wird mit Fachbegriffen (die mir zumindest bis dato völlig unbekannt waren) bombardiert und kommt bei den vielen verschieden Ausschüssen, Regel und Vorschriften schnell mal durcheinander, aber jeder der Anwesenden geht völlig in seiner Rolle und in der Veranstaltung selbst auf. Vielleicht liegt es an der Leidenschaft mit der die Studenten an den Diskussionen teilnehmen, aber die Euphorie und Atmosphäre wirken so ansteckend, dass man selbst als vollkommener Laie davon angesteckt wird.

Bild: Leandra Hoffmann

Wer jetzt noch mehr über „BIMUN/ SINUB“ erfahren möchte, der hört sich am besten entweder unser Interview mit dem Vorstand, oder den Radiobeitrag zur Veranstaltung an!
Die eigene Website mit allen zusätzlichen Infos und Veranstaltungen des Vereins findet ihr übrigens hier.