Stress, Angst und Depression

Von Raphael Heumann

Bild: M.E. / pixelio.de

Die Belastung und der Leistungsdruck, denen junge Menschen im Alltag oder in der Ausbildung ausgesetzt sind, steigen. Ob dieser von der Gesellschaft ausgeübt wird oder selbstgemacht ist, macht kaum einen Unterschied. Es können durchaus schwerwiegende gesundheitliche Probleme entstehen. Eine gravierende Folge ist auch, dass immer mehr Studenten unter einer Depression leiden. Inzwischen gibt es allerdings für jeden Hilfesuchenden gute und professionelle Hilfsangebote.

Immer mehr Studierende kämpfen mit seelischen Problemen. Der Druck ist seit der Bachelor/Master-Einführung gestiegen und erhöht sich zunehmend. So haben immer mehr junge Akademiker Depressionen oder mit Mitte 20 bereits ein Burn-Out. Die aktuelle (20.) Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks erklärt, dass von sieben Prozent der Studierenden mit erschwerenden Gesundheitsbeeinträchtigungen knapp die Hälfte mit psychischen Problemen kämpft. Die Suche nach der Ursache dieses hohen Anteils wirft Kritik am momentanen Studensystem auf. Denn der Bachelor soll nach gerade mal sechs Semestern einen Berufseinstieg möglich machen. Dabei sollen neben dem großen Studienpensum in dieser Zeit zusätzlich Praktika absolviert werden und, wenn möglich, ein Semester im Ausland verbracht werden. Die psychosoziale Belastung steigt dabei, weil die Studenten sich selbst Höchstleistungen abverlangen, um nicht zurückzubleiben. Die Gesellschaft vermittelt ihnen, dass ein Studium allein heute bei weitem nicht mehr ausreicht. Wer nebenbei arbeitet oder ein Ehrenamt ausführt, hat kaum noch Freizeit, um auch mal abzuschalten. Die einstigen Studenten, die in den Tag hinein leben, sich ausprobieren und für das Leben lernen, gibt es kaum noch. Es geht nur noch um das Bestehen der nächsten Prüfung, nicht mehr um das eigenständige Denken.

Ursachen für Angst und Stress

Doch nicht nur der tatsächlich gestiegene Druck und die verkürzte Zeit, in der ein Studium zu absolvieren ist, verängstigt die Studenten, sondern auch die Leistungen, die sie sich selbst abfordern, steigen. Nur gut sein reicht schon lange nicht mehr aus, was zu einer chronischen Überbelastung führt. Dass immer mehr Studierende seelische Probleme haben, hat laut Prof. Dr. Dr. Rene Hurlemann, Leiter der Abteilung für Medizinische Psychologie am Uniklinikum Bonn viele verschiedene Gründe und ist nicht allein auf die Auswirkungen der Bologna-Reform zu schieben. Stress und Angst würden durch viele verschiedene Faktoren und eben nicht durch nur einen Auslöser hervorgerufen: Besonders bei jungen Menschen verändere sich nämlich oft das komplette Umfeld. Auf diese Weise treten neue, ungewohnte Anforderungen auf und man ist häufig gezwungen, seine Lebensverhältnisse diesen anzupassen. Durch einen Umzug beispielsweise kann es zum Verlust des gesamten sozialen Umfelds kommen. Die Stadt ist unbekannt, in jeder Veranstaltung sitzen neue Menschen und neben der ständigen harten Arbeit für gute Noten entstehen große Zukunftsängste. Die Studierenden verlieren außerdem den Kontakt zu Freunden und Familie, Heimweh entsteht. Durch das Fehlen von Bindungen fehlt der Austausch und es kann sich ein Einsamkeitsgefühl einstellen.

Dazu kommt besonders in der Universität, dass vor allem weniger selbstbewusste Studierende dazu neigen können, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu verlieren. Sie haben Prüfungsangst oder auch Lampenfieber, etwa bei Präsentationen. Die Symptome, so Hurlemann, seien das allgemein bekannte Herzrasen, Zittern und Angstschweiß. Gefährlich werde es, wenn Betroffene vor lauter Angst dazu übergehen, Prüfungen zu verschieben oder den gelernten Stoff zu vergessen: Das Furchtgefühl herrscht und lähmt. In solchen Fällen gibt es exakt zwei Möglichkeiten: „Fight or Flight“ (Kampf oder Flucht). Die erste Methode sei die richtige, denn nur durch positive Erfahrungen könne es zur Extinktion, also der Aufhebung der Furcht, kommen. Studenten sollten Prüfungen also mehr als Möglichkeit zur Profilierung sehen, als Angebot, ihr Wissen unter Beweis zu stellen. Dadurch besiegt man nicht nur die Angst, sondern entwickelt allmählich sogar Lust an diesen Situationen. Bringt diese Form der Selbsthilfe nicht die erhoffte Positivität zurück, empfehle sich eine angeleitete Psychotherapie unter Zuhilfenahme von Betablockern.

Interessant sei es auch, soziale Ereignisse wie Studentenpartys einmal auf psychologischer Ebene zu durchleuchten. Unterbewusst existiert nämlich eine gewisse Angst und Zurückhaltung gegenüber dem anderen Geschlecht. Aus diesem Grund greifen sowohl Männer als auch Frauen vorzugsweise zu Alkohol, der das Furchtzentrum im Gehirn betäubt und uns so scheinbar selbstbewusster agieren lässt.

Wie entstehen Depressionen?

Auch diese Frage ließe sich nicht genau beantworten, versichert Hurlemann, denn es gibt unterschiedliche Formen von Depression. In Fachkreisen spricht man vom „Vulnerabilitäts-Stress-Prinzip“. Dieses besagt, dass Stress alleine nicht ausreicht, damit es zu einer Depression kommt. Es muss eine Vorbelastung genetischer Natur vorhanden sein, also eine durch Vererbung angeborene Anfälligkeit für Stress und Ängste. So kann eine vorbelastete Person zum Beispiel weniger gut mit finanziellen Problemen umgehen und es entsteht so genannter „existenzieller Stress“. Dieser ist in diesem Beispiel der Auslöser der Depression. Die Person ist verzweifelt, sie verliert schnell die Hoffnung und den Glauben an sich selbst. Das Gefühl des Dauerstresses führt eventuell zu Schlafstörungen oder Konzentrationsverlust. Ein sehr kennzeichnendes Symptom ist Antriebslosigkeit, da der Alltag als stressig und „maschinenartig“ empfunden wird. Der Begriff „Anhedonie“ bezeichnet den Verlust von Freude im Leben, die Person ist traurig und niedergeschlagen. Werden diese seelischen Probleme dann zu groß, können sich rasch Suizidgedanken einstellen. Das Leben wird nicht mehr als lebenswert empfunden, sich selber sieht der Kranke als Belastung für die Außenwelt. Doch Hilfe sollte man sich bereits viel früher suche.

Was sollte man bei den ersten Anzeichen tun?

Zunächst reagieren viele Betroffenen erfahrungsgemäß mit einer Steigerung ihrer Aktivitäten, um sich von dem aufkommenden Problem abzulenken. Das allein hilft allerdings nicht weiter. Die Enttäuschung ist oft noch höher, wenn großer Arbeitsaufwand dennoch keine Erfolge bringt. Es folgt ein sozialer Rückzug. Doch wenn die oben genannten Symptome anhalten und man nur noch allein sein möchte, sollte man sich Hilfe suchen. Es ist ein richtiger und wichtiger Schritt, rät Prof. Hurlemann, auf Verwandte oder Freunde zuzugehen und mit ihnen über die Sorgen zu reden. Oft haben auch Kommilitonen gute Ratschläge, die zu einer Linderung der Angst führen und diese sogar besiegen können. Unterstützung wird aber auch direkt an der Uni von der Zentralen Studienberatung (ZSB) angeboten und stetig mehr genutzt. So verzeichnet sie in den letzten 12 Jahren einen Beratungsanstieg von 38% für Bachelorstudenten.

Sich eine Beratung zu suchen, ist unabdingbar, weil man ohne professionelle Hilfe kaum aus dem Abwärtssog heraus kommen kann. Persönliche Ansprechpartner wie eben Freunde können nur unterstützen und eben nicht die Krankheit heilen. Soziale Bindungen werden durch diese Krankheit auf harte Proben gestellt und so ist es am Besten, sich so schnell wie möglich um professionelle Betreuung zu kümmern. Auch bei Stressproblemen oder Prüfungsangst kann die ZSB weiterhelfen. Jeder Studenten kann dort einfach vorbeigehen oder anrufen, um sich über das Hilfeangebot zu informieren und diese zu nutzen. Ob medizinische Hilfe in Form einer psychotherapeutischen Behandlung notwendig ist, kann dann entschieden werden. Bei mittelschweren Depressionen wird diese durch Medikamente ergänzt, die zusammen mit der Therapie auf lange Sicht wieder zu einer Normalisierung der Alltagsumstände führen. Man sollte jedoch die Möglichkeit eines Rückfalls nicht außer Acht lassen, der nach einer erfolgreichen Behandlung weiterbesteht.

Aktuelle Studie zur Furchtextinktion

Eine aktuelle Studie der Abteilung für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Bonn hat unter der Leitung von Professor Hurlemann interessante Entdeckungen gemacht. Erforscht wurde die Wirkung des Hormons Oxytocin bei der Bekämpfung von Furcht. Es wird sowohl in den Blutkreislauf als auch ins Gehirn selbst freigesetzt und generiert Gefühle von Bindung, Vertrauen und Partnerschaft. Normalerweise ist Oxytocin Auslöser von sexueller Stimulation, die Ärzte wiesen jedoch nach, dass es ebenfalls erfolgreich als Medikament zur Furchtextinktion eingesetzt werden kann. Im Verlauf der Studie führten sie ein Modellexperiment durch, an dem Studenten der Bonner Universität freiwillig teilnehmen konnten. Der erste Schritt war die Konditionierung (das Erzeugen) von Angst bei den Probanden. Diese führten die Forscher durch eine Art negativen Lerneffekt herbei. In einem MRT zeigten sie den jungen Männern und Frauen Häuser und menschliche Gesichter, die sie manchmal gezielt mit leichten Elektroschocks kombinierten. So verknüpften die Studenten die Bilder, bei denen sie den kleinen Stromschlag bekamen, mit dem unangenehmen Gefühl. Eine regelrechte Angst vor den Häusern bzw. Gesichtern stellte sich ein. Auf diese Konditionierung folgte die Behandlung einer Hälfte der Probanden mit Oxytocin, dem anderen Teil wurde ein Placebo-Medikament verabreicht. Bereits nach einer halben Stunde konnten die Forscher durch erneute Tests auf die positive und heilende Wirkung des Oxytocins schließen. Die Hälfte, die mit dem Hormon behandelt wurde, hatte weniger Angst vor den Bildern. Ein sogenanntes Imaging machte den Wirkungsbereich des Botenstoffs im Gehirn sichtbar. Es hemmt nachweislich das Furchtzentrum im Gehirn und schränkt so das Angstgedächtnis ein. Durch die Erkenntnisse der Studie kann in Zukunft die Psychotherapie von traumatisierten Patienten verbessert werden. Die belastende Gedächtnisspur wird durch das Oxytocin allmählich überschrieben, was die Extinktion merklich beschleunigt.

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