Klänge aus der Wüste

Von Adrian Ladenberger

Bild: Jan-Simon Krüger

Der Südosten Marokkos bietet zunächst erstmal eines: nämlich ganz viel Sand! Im neuen Dokumentarfilm der Regisseure Robert Krieg und Monika Nolte begleiten wir den deutschen Sinti-Gitarristen Lulo Reinhardt auf seiner Reise die Kultur der Berber näher kennenzulernen und lernen dabei selbst, dass die Sahara mehr als nur Sand zu bieten hat.

Musik als Spiegel der Seele

Inmitten der weiten Dünen taucht sie plötzlich auf wie eine einsame Insel in einem Meer aus Staub und Sand: eine Oase. Es entfaltet sich ein Gewirr aus Palmen und Lehmhäusern, dazwischen ein System aus Kanälen, die das kostbare Wasser nach einem komplexen, uralten Verteilungsschlüssel auf die Felder verteilen. Hier ist das Volk der Berber heimisch, ein ehemaliges Nomadenvolk, deren traditionelle Kultur angesichts eines stetig wachsenden Einflusses des Westens unterzugehen droht. Genau hier setzt „Desert Inspiration“ an, das uns in einer authentischen, aber auch angenehm unaufgeregten Weise diesen Konflikt näherzubringen versucht. Lulo Reinhardt tritt hierbei weniger als Protagonist auf, sondern mehr wie eine übergeordnete Sinnebene, die Struktur in den sonst eher beobachtenden Film bringt. Es wird versucht möglichst wenig in das Geschehen selbst einzugreifen, stattdessen versucht die Kamera vielmehr das Geschehen selbst einzufangen, sodass man alsbald glaubt, selbst dabei zu sein.

Die Handlung beginnt mit einem Besuch Reinhardts bei seinem marokkanischen Freund Cherif El Hamri. „Als Sinti-Gitarrist“, so sagt er zu Beginn des Films selbst, „bin ich daran interessiert, auch andere nomadisch lebende Völker kennenzulernen.” Genau diese Einsicht, die er in die traditionelle Kultur der Berber, von denen heute jedoch kaum noch welche nomadisch leben, bekommen hat, möchte er dem Zuschauer weitergeben. So zum Beispiel das Ahwash – ein Ritual, das zur Reinigung und Erneuerung der Seele dient und ein wesentlicher, aber langsam verschwindender Teil der Berber-Kultur ist. Zum Klang von Trommeln und einer zu Beginn ruhigen, dann immer hektischer werdenden Musik, die bis zur Ekstase reicht, verschmelzen die Anwesenden zu einem großen Körper. Die Musik, so erzählt Reinhardt uns später, spielt hier eine ganz besondere Rolle, sie spiegle das Verhältnis der Menschen zum Leben und zur Natur selbst wieder.

Ernste Töne in der Musik

Die Berber leben im Einklang mit der Natur. Eine westliche Kultur des Überflusses, wie wir sie bei uns vorfinden, sind sie nicht gewöhnt. Alles findet hier Verwendung und sei es noch das kleinste Palmblatt – schon den Kindern, die früh auf den Feldern mithelfen müssen, wird das bereits von klein auf gelehrt. Klar, dass die westliche Zivilisation ihre Spuren hinterlassen muss. Der Film führt uns in den Konflikt ein, in dem vor allem die junge Generation steckt, ein Spagat zwischen dem Leben in der modernen Großstadt und dem eher konservativen Dorfleben. In einer ruhigen Weise, die mehr ein faires Bild als eine große Sensation zeichnen möchte, werden uns alle Seiten des Problems näher gebracht, aber besonders eine Gruppe marokkanischer Jugendlicher wird länger von uns begleitet. Eindrücklich verfolgen wir eine junge Frau, die sich selbst stolz als „City-Girl“ bezeichnet und zusammen mit Lulo Reinhardt zum ersten Mal den traditionellen Markt in ihrer Heimat besucht. Sie kann mit der Tradition auf dem Land nicht viel anfangen, fühle sich mehr zur Stadt hingezogen. Als es plötzlich zu Tanz und Musik auf dem Markplatz kommt, fängt die Kamera eine Frau in traditioneller Kleidung ein, die ihr Smartphone zückt und dem Treiben nur noch beiläufig Beachtung schenkt. Unter den Jugendlichen gibt es aber auch andere Stimmen und auch die sollen gehört werden: nämlich jene, die sich trotz westlicher Bequemlichkeiten wieder zurück aufs Land flüchten. Robert Krieg und Monika Nolte zeichnen hier ein Porträt, das beide Seiten zeigt und die Einschätzung lieber dem Zuschauer selbst überlässt, als die Antworten auf einem Silberteller zu präsentieren.

Können wir etwas aus der Kultur der Berber für die Zukunft, vielleicht sogar für uns selbst lernen? Oder hat die junge Generation keine andere Chance als sich dem westlichen Einfluss hinzugeben? Eine Antwort darauf finden wir in „Desert Inspiration“ zwar nicht, aber der Film gibt uns doch einen Einblick in die Kultur und Tradition der Berber und regt uns zum Nachdenken an. Wir werden dazu angehalten, unseren eigenen Standpunkt einmal zu verlassen und kommen dabei den Jugendlichen im Film auf ihrer Suche nach kultureller Identität und der eigenen Zukunft ein Stückchen näher.

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