Dialekte in Deutschland am Aussterben

Was Sprachforscher schon seit geraumer Zeit beschäftigt, ist uns vielleicht etwas weniger bewusst ebenfalls schon aufgefallen: Dialekte in Deutschland sind divers. Und sie sterben langsam aus.

Wo spricht man überhaupt Deutsch?

Deutschland ist mit seinen 80 Millionen Einwohnern kein kleines Land, doch in der Europäischen Union gilt Deutsch sogar als die meistgesprochene Muttersprache. Der deutschsprachige Raum erstreckt sich auch weit über die deutsche Landesgrenze hinaus. Zu den Regionen, in welchen Deutsch gesprochen wird, gehören neben Deutschland auch Österreich, Liechtenstein, der deutschsprachige Teil der Schweiz, Luxemburg, Südtirol in Italien, Grenzgebiete Belgiens und Frankreichs wie etwa das Elsass oder das östliche Lothringen – mal ganz von Minderheiten in anderen Staaten und auf anderen Kontinenten sowie Auswanderern abgesehen.

Anhand dieser Vielfalt an unterschiedlichen geographischen Regionen sind auch die regionalen Dialekte nicht wegzudenken. Besonders Gebiete, welche an ausländischen und damit anderen Sprachräumen grenzen, unterliegen der Mundart betreffend stark differierenden Einflüssen, da sich der Sprachgebrauch von anders abstammenden Sprachen gleichfalls vermischen kann.

„Sprache ist der Schlüssel zum Verstand einer Kultur.“

Von der Nordsee bis zur Zugspitze gibt es über 50 verschiedene Mundarten. Martin Lobst, ein Radiomoderator aus Leipzig, erforscht in der SPIEGEL Open Doku „Muttersprache“ welchen Dialektanteil die junge Generation in ihrem alltäglichen Sprachgebrauch zulässt. Mitunter fährt er nach Schwaben, Hamburg, Friesland sowie in seine eigene Heimat, Sachsen. Auffällig ist vor allem der hohe Anteil an Hochdeutsch in Ballungsräumen beziehungsweise Städten. Dort gelten Dialekte oft als ländlich, hinterwäldlerisch und sogar ungebildet. Was jedoch außer Acht gelassen wird ist, dass ein Dialekt die eigene Identität prägt, ein Gefühl der Zugehörigkeit verleiht und deshalb nicht versteckt werden darf. Von den Hörern verurteilt und in eine Schublade gesteckt zu werden, ist den jüngeren Deutschen, die von Haus aus einen Dialekt erlernt haben oder zumindest mit ihm aufwuchsen, unangenehm. Die leichteste Art, diese Unannehmlichkeit zu vermeiden, ist, sich seinem Gegenüber anzupassen. In den meisten Fällen ist es das Hochdeutsch, das siegt und somit die Oberhand nimmt – nicht nur in der Literatursprache, sondern auch im alltäglichen Sprachgebrauch.

Hochdeutsch. Ablöse der Muttersprache?

Die Schule ist eine Institution, die Deutsch als einheitliche Sprache lehrt. Kinder, die bis zu ihrer Einschulung eine deutsche Mundart – ihre Muttersprache – sprechen, sind fortan mit diesem hochgestochenen Etwas einer perfektionistisch orientierten Hochglanzgesellschaft konfrontiert: Hochdeutsch. Sie wachsen von nun an bilingual auf, was aufgrund der schnellen Lernfähigkeit in dem jungen Alter ohne weiteres gut klappt.

Im späteren Berufsleben ist die Fähigkeit einer gewählten Ausdrucksweise das A und O. Zumindest in Deutschland gilt Hochdeutsch als Statussymbol. Martin Lobst kann dies bestätigen, da auch er in seinem Berufsfeld, dem Rundfunk, mitbekommt, dass Dialekte im weitestgehend verpönt sind. Wunderlich ist es also keineswegs, dass Dialekte immer mehr in Seltenheit geraten und damit auch weniger gepflegt werden. Oft kennen und verstehen jüngere Generationen zwar Ausdrücke, doch sie nutzen diese nicht in ihrem Alltagssprachgebrauch. Im Kabarett oder in Comedy-Shows dienen sie oft als Hauptauslöser für Lacher.

Dialekte in Zukunft: Ein Plädoyer zur Gewähr der Sprachenvielfalt

Süddeutsche Dialekte werden laut Expertenuntersuchungen noch am häufigsten gesprochen. Norddeutsche Dialekte sind angeblich mehr vom Aussterben bedroht. Dass die Sprache ein Heimatgefühl vermittelt, wird vielen oft bewusst, wenn sie ihrem Zuhause einmal für längere Zeit den Rücken gekehrt haben. Dieses Heimatgefühl schätzen zu lernen ist ein wichtiger Schritt, um auch zukünftig die reiche Sprachenvielfalt zu bewahren. Wenn eine Sprache mehr und mehr zu einer Art Einheitsbrei wird, werden dadurch wertvolle und einzigartige Mundarten eingestampft, was auf lange Sicht ein Verlust für alle Beteiligten bedeuten würde. Denn Kultur geht uns alle etwas an. Und es liegt an uns, diese zu entfalten und nicht der Einfachheit halber auf Kultiviertheit zu verzichten. Ein Beispiel könnte sich Deutschland dabei an Ländern wie Norwegen nehmen, das für seine ausgewogene Sprachenvielfalt bekannt ist – noch mehr aber dafür, dass sich Sprecher von Dialekten gegenseitig nicht zwanghaft anzupassen versuchen. Nur so kann auch ein respektvolles Verständnis für Sprache von beiden Seiten entstehen. Dialekte sind kein Grund der Schmach, sondern sollten als Bereicherung gesehen werden.

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