Vom Suchen und Finden des Anspruchs: Die Kölner Band Neufundland im Portrait

Bild: Martin Lamberty

Geistreiche Texte und Musik, die verschiedene Genres perfekt miteinander vereint und dabei niemals langweilig wird, sind das Ziel vieler Bands. Ein Bruchteil vermag dies letztendlich zu vollbringen und eine noch viel kleinere Anzahl mit einem Resultat, das man guten Mutes im Radio spielen kann. Morgens um 8:00 Uhr, wenn die meisten Menschen zuhören. Eine dieser Bands kommt aus Köln und heißt Neufundland.

Die Vielfalt und die Herausforderung in der deutschen Radiolandschaft liegt im Jahr 2016 auf der Intensivstation. Während sich öffentlich-rechtliche Sender einem andauernden Sparzwang ausgesetzt sehen und dadurch meinen, Musik mit Ecken und Kanten weitestgehend abschaffen zu müssen, finden Bands und Künstler außerhalb von musikalischen und lyrischen Nichtigkeiten im meistgenutzten Musikmedium des Landes so gut wie gar nicht mehr statt. Die zentrale Frage zur Lösung dieses Problems könnte lauten: Was ist eigentlich Pop? Die Antwort darauf ist erstaunlich einfach, vorausgesetzt man denkt die Thematik ein wenig weiter als es momentan im Formatradio getan wird. Sie begegnet uns tagtäglich auf der Straße, auf dem Weg zur Arbeit, in der Uni, in den sozialen Netzwerken. Man muss sich nur umschauen. Vor allem aber begegnet sie uns in uns selbst. Die Reflexion über das, was uns umgibt und wie wir als Konsequenz dessen mit unser Umwelt umgehen, wie wir mit ihr interagieren; genau das ist Pop, denn wir alle tun dies.

Gesellschaftsbetrachtung aus der Vogelperspektive

Neufundland ist eine Band, die diese Beobachtungsgabe auf ihrer selbstbetitelten EP mit Bravour zur Sprache bringt. Beim Hören der Texte gewinnt man schnell den Eindruck eines Monologs, den Sänger und Gitarrist Fabian mit Blick auf sich selbst und seine Lebenssituation hält, die exemplarisch für die viel besprochene Generation Y stehen kann. Dass er dies mit einer Scharfsinnigkeit und oftmals melancholischen Ruhe tut, würde nicht nur der oberflächlichen Augenwischerei im Tagesprogramm vieler Rundfunkanstalten gut tun. Vielmehr liefert er damit dem zweiten Fabian der Band, der ebenfalls singt und Gitarre spielt, die Steilvorlage für seine energiegeladenen Zeilen, woraus ein starker, ungemein abwechslungsreicher Kontrast entsteht. Auf den Punkt bringt es das Lied „Rückenwind Pt. II“. Im Spoken-Word-Stil werden die Wirren unserer Gegenwart derartig zugespitzt, dass man die „Josef-Stalin-kauft-Uniformen-bei-Primark-Flut“ wie in einer Miniaturwelt vor sich ausgebreitet bekommt. Niemals aber entfernt sich die lyrische Ausdrucksweise zu weit von der Musik. Sie bedingen sich gegenseitig und erzeugen eine Wechselwirkung, die ihresgleichen sucht. Beispielsweise folgt den Worten „wer ein Monopoly-Brett besitzt weiß, dass man nur gewinnen kann, wenn alle anderen verlieren – und alle müssen sich daran gewöhnen zu verlieren“ ein derart eingängiger, beinahe fröhlicher Instrumentalpart, der den Zynismus unserer Gesellschaft in grandioser Weise widerspiegelt.

Kluge Musik, die nicht überfordert

Ohne dabei jemals die Balance zu verlieren, wandeln Neufundland musikalisch auf dem Grad zwischen Indie-Rock, elektronischen Klängen und Atmosphären, die man für gewöhnlich im Post-Rock findet. Darüber hinaus überzeugen nicht nur die live eingespielten Versionen der Songs „Raus Raus“ sowie „Und Reicht Dir Das“, die auf Youtube zu finden sind, durch ihre handwerkliche Versiertheit. In Sachen Songwriting gehen kluge, kurzweilige Ideen mit dem ständigen Blick auf das Gesamtgefüge Hand in Hand. Das durch Keyboard und Schlagzeug komplettierte Quartett bricht immer wieder aus dem Schema F Diktat der zeitgenössischen Popmusik aus und wird seiner Bezeichnung als Band wahrhaft gerecht. Es wird miteinander Musik gemacht, nicht nebeneinander. Nach eigener Aussage orientieren sich Neufundland in ihrem Sound an international beachteten Bands wie Moderat oder Notwist und auch dort werden die Kölner ihrem Anspruch gerecht.

Allgemein verwendet Studiogast Fabian (der zweite) im bonnFM-Interview häufig den Ausdruck „Anspruch“. Zum einen sind die geäußerten Ziele eine Blume in der Asphaltwüste der deutschen Popszenerie, zum anderen – und das ist noch um einiges bedeutsamer – scheitern Neufundland nicht an diesen Vorsätzen. Dieses Qualitätsmerkmal lässt ein hervorragendes Album erahnen, das im kommenden Herbst aufgenommen werden soll.

Weitere Details und Informationen könnt ihr euch im Podcast anhören, da gibts nochmal das ganze Interview!

 

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