„Kein Wissenschaftsproblem“

Von Götz Gericke

In einer seiner letzten Reden als Rektor der Universität Bonn nahm Prof. Dr. Jürgen Fohrmann kein Blatt vor den Mund: Die Interessen der Wissenschaft und der Politik seien nur noch schwer zu vereinen. Grund zu Optimismus und Freude gaben hingegen die universitätsinterne Zusammenarbeit und preiswürdige wissenschaftliche Leistungen.

Kostüme verweisen im Rheinland seit Kirche und Karneval auf eine lange Tradition. Auch die Universität Bonn, die 2018 auf eine 200-jährige Geschichte zurückblicken darf, pflegt inzwischen (wieder) Traditionen. Neben der sommerlichen Absolventenfeier, im Bonner Volksmund „Hütewerfen“ genannt, gehört zu diesen auch die feierliche Eröffnung des akademischen Jahres, zu der sich zahlreiche Studenten und Wissenschaftler, Politiker und Vertreter der Wirtschaft in der Aula einfanden. Die DekanInnen der Universität Bonn erscheinen hierzu im farblich auf Ihre Fakultät abgestimmten Talar, ein Brauch, der in Bonn mit spöttischem Stolz bedacht wird. Der Wissenschaftsbetrieb befindet sich indes nach wie vor im Umbruch.

Laufbahnmanagement

In seiner Ansprache kam Rektor Prof. Dr. Jürgen Fohrmann, der seine Amtszeit über das laufende Semester hinaus nicht verlängern wird, nicht umhin zurückzublicken und schlug pessimistische Töne an. Stetig steigenden Studierendenzahlen werde in Nordrhein-Westfalen nicht mit zusätzlichen Lehrkräften und Betreuern begegnet, im Bundesvergleich gebe man für universitäre Bildung in vielen Ländern weit mehr aus. Während die Politik versuche, die Hochschulen, etwa Fachhochschulen und Universitäten, aneinander anzugleichen, würden unterschiedliche Bildungsgrade kaum durch differenzierte Bildungsangebote aufgefangen. Gleichzeitig fordere NRW mehr Hochschulabschlüsse: „Die mittlere Lage muss dann mit entrümpeltem Stoff hergestellt werden.“ Die Antwort auf die Frage, „warum unsere Studenten so angepasst sind“ sei auch in der „Entdifferenzierung des Wissens und damit der Teilnehmer“ universitärer Lehre zu suchen.

Die von Universitäten und Studentenwerken in den letzten Monaten immer wieder kritisierten Entwürfe zum Hochschulzukunftsgesetz (Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung) spiegelten vorgeblich das Konzept eines Wissenschaftsbetriebs, der sich gesellschaftlichen Bedürfnissen anpasse, ohne dabei das Potenzial zu erkennen, mit dem Wissenschaft auf gesellschaftliche Entwicklungen Einfluss nehmen könne: ein „sehr kurzer Gesellschaftsbegriff“, dessen Politik einen „neuen Studierendenhabitus im Umgang mit Wissen kaum reflektiert“: „Wir haben kein Wissenschaftsproblem.“ Statt Professionalisierung und Teilhabe plane das Ministerium mit einer „Kultur der Unterstellung“, die Hochschulen trotz ausgewiesen erfolgreicher Arbeit in das Licht mangelnder Transparenz zu stellen. Selbstverantwortung und Autonomie könnten so weder auf Seite der Studierenden noch in den Universitäten gefördert werden, die bereits 40 Prozent ihres Personals aus Drittmitteln finanzieren müssten. „Ein Gewebe mit vielen losen Enden: finanziell, politisch, wissenschaftlich.“ Vielleicht hätte er sich in seinem Amt, mit Kafka zu sprechen, „doch wohl früher darum kümmern sollen, wie es sich mit dieser Treppe verhielt, was für Zusammenhänge hier bestanden, was man hier zu erwarten hatte und wie man es aufnehmen sollte“, gestand Fohrmann ein.

Trotzdem sei die Universität Bonn gut aufgestellt: Was internationale Vernetzung betreffe, liege die Kleinstadt Bonn beispielsweise nur hinter den Großstädten München und Berlin, so Fohrmann. Zu seinem Bedauern – „mea culpa“ – gebe es jedoch nach wie vor zu wenig Professorinnen in Bonn.

Gefühl der Verunsicherung

Jonas Janoschka, AStA-Vorsitzender der Universität Bonn, bemerkte in seiner folgenden Rede aus „Sicht der Studierenden“ ein „Gefühl der Verunsicherung“, das sich aus häufigen Wechseln der Prüfungsordnung oder andauernder Wohnraumknappheit und Finanzierungsschwierigkeit speise, so würden über 1/3 der monatlichen Einnahmen inzwischen für die Miete verbraucht: „Stellen Sie sich vor, Sie sind dauerhaft auf der Suche nach einer Anschlussfinanzierung“, so Janoschka, und erinnerte damit auch an die prekäre Situation vieler im Saal versammelter Wissenschaftler.

Dass auch die Zahl der angebotenen Sprachkurse abnehme, ermögliche kaum außerplanmäßige Weiterbildung neben dem Studium. Auch universitätsinterne Turbulenzen trügen nicht zur Sicherheit der Studierenden bei – womit Janoschka an die Auseinandersetzungen um das Collegium musicum erinnerte, in Folge derer das Kollektiv ehemaliger und aktuell studierender Musiker zurzeit nicht mehr unter dem Dach des zum neuen Semester eingerichteten Kulturforums arbeitet. (Die musikalische Begleitung der Veranstaltung besorgte somit nicht, wie angekündigt, der „Klangkörper des Kulturforums der Universität Bonn“, sondern die Bigband der Universität unter der Leitung von Oliver Pospiech.)

Ausdrücklich lobte Janoschka hingegen die Zusammenarbeit der Universität mit dem AStA, wie sich sich am Beispiel der Fahrradwerkstatt und der Kinderbetreuung zeige.

Engagement und wissenschaftliche Exzellenz

Für ihre Leistungen und ihr Engagement erhielten insgesamt neun Studierende und WissenschaftlerInnen Preise, darunter Dr. des. Désirée Cramer für ihre Dissertation zu französischen Boethius-Übersetzungen im Mittelalter (Preis der Französischen Republik), die Chirurgin Dr. Anna Rieger für ihre Promotion über die „Regulation des NLRP3-Inflammasoms durch microRN-223“ (Preis der Universitätsgesellschaft Bonn) sowie die Studenteninitiative OXIS für die Ausrichtung eines lateinamerikanischen Filmfestivals und ihre Foto-Ausstellung „Copa para quem“, die sich mit den sozialen Folgen der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien auseinandersetzte.

Den Preis für MINT-Lehrerbildung der Deutschen Telekom Stiftung erhielt Annette Scheersoi, Professorin für Fachdidaktik Biologie der Universität Bonn. Laudator Niek Jan van Damme betonte in seiner Rede die „Zukunftsfähigkeit Deutschlands durch gute Ausbildung der Lehrer“, die insbesondere in den MINT-Fächern begründet werde. Die Frage, warum insbesondere „Begeisterung, Neugierde und Verständnis für Naturwissenschaften“ gefördert werden müsse, nicht aber für Psychologie, Politologie oder Sprach- und Literaturwissenschaften, blieb dabei offen.

Starke Wechselwirkung auf der Waage

Mit einem Zitat aus Goethes Faust überschrieb Professorin Ulrike Thoma ihre, die Veranstaltung abschließende akademische Rede „Was die Welt im Innersten zusammenhält – ein Blick ins Innere von Proton und Neutron“ und plädierte eindrücklich für die Grundlagenforschung am Bonner Elektronenbeschleuniger ELSA. Diese beschäftigt sich zurzeit mit den noch ungeklärten Bindungszuständen der Nukleonen, also der Atomkern-Bausteine Proton und Neutron, die ihrerseits aus Quarks zusammengesetzt sind, deren Masse lediglich rund 5 Prozent des Nukleons ausmacht. „Der Rest entstammt der Bindungs- und Bewegungsenergie der Quarks. Denken Sie einmal daran, wenn sie morgens auf der Waage stehen.“

„Und ich blieb einen Augenblick stehen und dachte über diesen Einwand nach.“ (Kafka)

Alle Bilder: Götz Gericke / bonnFM

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