Wenn junge Menschen helfen

Endlich Abitur! Und was jetzt? Viele frisch gebackene AbiturientInnen wollen sich erst mal noch Zeit lassen mit der Entscheidung, wie es denn nun im Leben weiter gehen soll. Ein Freiwilliges Soziales Jahr oder kurz FSJ kann da genau das Richtige sein – gibt es einem doch Zeit, sich über seine Stärken und Möglichkeiten bewusst zu werden und gleichzeitig etwas Gutes zu tun. Wir haben uns gefragt: Wie läuft eigentlich so ein FSJ ab? Was erwartet die jungen Menschen und für wen ist ein FSJ geeignet? Und deswegen haben wir den FSJler Lucas Pauels einen Tag lang bei seiner Arbeit begleitet.

Wo kann ich überall ein FSJ machen?

Ein FSJ kann man bei den meisten Organisationen machen, die bedürftigen Menschen oder der Gesellschaft helfen wollen. Während der Arbeit beschäftigt man sich also mit kranken Menschen, alten Menschen, Kindern und Jugendlichen (mit Migrationshintergrund) oder Menschen mit Behinderung. Außerdem kann man sich sozial auch im Ausland, in der Kultur oder im Natur- und Tierschutz engagieren. Am besten sollte man in dem Bereich, für den man sich interessiert, schon ein paar Erfahrungen gesammelt haben, damit man in etwa weiß, worauf man sich einlässt. Nicht jedem Menschen liegt zum Beispiel der Umgang mit behinderten Menschen oder blutigen Verletzungen.
„Wir glauben, dass ein FSJ eine gute Gelegenheit für junge Menschen ist, die noch nicht genau wissen, wohin es gehen soll, sich noch einmal zu besinnen. Sich Fragen zu stellen, wie: Wo möchte ich eigentlich beruflich hin? Was kann ich? Was bin ich bereit zu leisten? Und da können wir ein bisschen bei der Orientierung helfen“, erklärt Natalie Brincks, Abteilungsleiterin für Marketing und Kommunikation bei den Johannitern in Sankt Augustin.
Tatsächlich gibt es immer mehr Abiturienten, die zwar viel gelernt und viel im Kopf, aber keine genaue Vorstellung davon haben, was sie im Berufsleben erwartet und wo ihre Stärken liegen.

Ein FSJ beim Hausnotruf der Johanniter in Sankt Augustin

Ich wollte es natürlich genau wissen und habe mich auf den Weg nach Sankt Augustin zum Regionalverband der Johanniter für den Kreis Bonn/Rhein-Sieg/Euskirchen gemacht.

Bild: Natalie Brincks

Bild: Natalie Brincks

Dort habe ich viele junge Menschen getroffen, die in einer lockeren Atmosphäre zusammen mit den Festangestellten in einem Team arbeiten. Einer von ihnen ist der 19-Jährige Lucas Pauels, der sich bereit erklärt hat, sich einen Tag von mir bei seiner Arbeit begleiten zu lassen. „Als ich 17 Jahre alt war, hatte ich einen schweren Motorradunfall. Dadurch ist bei mir das Interesse an medizinischen Berufen und der Wunsch zu helfen geweckt worden“, erzählt er. Auch er wusste nach dem Abi nicht so richtig, wohin. Durch Zufall ist er in der Zeitung auf die Johanniter aufmerksam geworden und hat seine Entscheidung nicht bereut. Im Gegenteil: „Ich möchte mein FSJ auf anderthalb Jahre verlängern, um eine Ausbildung zum Rettungssanitäter zu machen. Wenn alles gut klappt, möchte ich danach Medizin studieren.“
Immer wieder hört man die Kritik, dass die FSJler von den Organisationen nur als billige Arbeitskräfte eingestellt werden, aber an Lucas‘ Beispiel sieht man, dass ihn das FSJ nicht nur menschlich, sondern auch in seiner beruflichen Planung voran gebracht hat.
„Inhaltlich bieten wir bei uns im Hausnotruf eine Dreiteilung an. Zum einen arbeiten die FSJler im technischen Bereich, wenn sie Geräte warten oder anschließen. Sie haben aber auch viel im Büro zu tun und begleiten die Mitarbeiter zu Vertriebsterminen und können so für sich abchecken, ob sie vielleicht eine kaufmännische Laufbahn interessieren könnte. Den größten Teil macht natürlich die Arbeit im medizinischen Bereich aus. Und daraus kann man für sich auch vieles ableiten. Ist ein medizinischer Beruf was für mich? Kann ich mich gut auf verschiedene Menschen mit verschiedenen Problemen einlassen? Bei uns darf man auch mal Fehler machen und sich unter Anleitung oder im Team einer neuen Herausforderung stellen“, so Brincks.
Zu den Notfallpatienten darf ich natürlich nicht mitkommen – die Privatsphäre der Kunden soll gewahrt bleiben. Aber Lucas nimmt mich mit zu einer Dame, bei der das Notrufgerät ausgewechselt werden soll.

Was erwartet mich bei einem Freiwilligen Sozialen Jahr?

„Es ist ein sehr vielseitiger Job. Man muss sich einerseits darauf einstellen, dass man Schichtdienst hat. Da hat man auch mal Tage, wo man 24 Stunden im Dienst ist. Außerdem gibt es manchmal Tage, an denen man so viel zu tun hat, dass man danach einfach total müde ins Bett fällt und erst mal einen ganzen Tag schlafen möchte. Das kann man natürlich nicht vorhersehen und auch auf so etwas muss man sich bei einem FSJ einstellen.“, erzählt Lucas mir, während er seine Erste-Hilfe-Tasche auf Vollständigkeit kontrolliert. Damit beginnt er jeden Arbeitstag, damit im Einsatz auf jeden Fall alles griffbereit ist. „Also ich habe eigentlich nie das Gefühl, dasselbe zu machen, wie am vorherigen Tag. Diese Abwechslung gefällt mir besonders gut.“
Wer sich für einen Hausnotruf entscheidet, bekommt einen Knopf, den sogenannten Funkfinger, den er oder sie um den Hals oder am Handgelenk trägt und im Notfall drücken kann. Damit wird die Hausnotrufzentrale kontaktiert, die klärt, um welche Art Notfall es sich handelt. Nun wird ein zuvor festgelegtes Familienmitglied informiert, ein ausgebildeter und qualifiziert geschulter Mitarbeiter der Rufbereitschaft zum Kunden geschickt und/oder der Rettungsdienst alarmiert.
„Wenn man älter wird und vielleicht auch allein lebt, wird man oft von vielen Ängsten verfolgt und dann werden auch schon mal Schatten oder Geräusche zu einem sehr bedrohlichen Ereignis“, erklärt Natalie Brincks. „Ältere Menschen wollen dann nicht gleich den Rettungsdienst rufen – da ist die Hemmschwelle immer sehr groß – und für solche Menschen ist der Hausnotruf eine prima Gelegenheit, sich ohne Reue Hilfe holen zu können.“
Von Lucas erfahre ich, dass er auch immer wieder gerufen wird, weil jemand einsam oder traurig ist und sich „einfach

Bild: Natalie Brincks

Bild: Natalie Brincks

mal wieder unterhalten“ möchte. Dann sind auch psychologische Fähigkeiten gefragt bei denen man lernen muss, berufliches nicht zu nah an sich heran zu lassen. Aber nicht alle Fälle laufen so glimpflich ab. Florian Trompeter (25), der nach seinem Zivildienst als Festangestellter übernommen wurde, erzählt mir von einem Einsatz, bei dem er einen Mann vorfand, der gestürzt war und sich den Kopf angeschlagen hatte. „Die Angehörigen haben sich geweigert, ihn ins Krankenhaus bringen zu lassen. Da musste ich dann handeln und den Rettungsdienst rufen. Eigentlich dürfen wir das nicht gegen den Willen der Kunden, aber die Verletzung war so schlimm, dass ich keine andere Möglichkeit gesehen habe. Und hinterher war ich wirklich froh, so gehandelt zu haben. Da merkt man dann, dass man etwas Wichtiges macht.“
Auch Lucas hat schon solche Fälle erlebt: „Eine Frau beteuerte immer wieder, es ginge ihr sehr gut und es sei ein Fehlalarm gewesen. Wir haben dann Vorsorgeuntersuchungen gemacht und festgestellt, dass ihr Blutdruck so stark erhöht war, dass wir den Rettungswagen rufen mussten. Aber manchmal kommt man leider auch zu spät.“ Auch solche tragischen Fälle gehören zu der Arbeit beim Hausnotruf dazu.
Die FSJler im Hausnotruf bei den Johannitern und Maltesern machen einen wichtigen Job, in dem sie verantwortungsbewusst und selbstständig schnelle Entscheidungen treffen und auch in Krisensituationen einen kühlen Kopf bewahren müssen.
Bei unserem Besuch bei der älteren Dame läuft aber alles ganz entspannt ab. Während Lucas das Gerät austauscht, kann ich mich mit der Dame und ihrem Sohn unterhalten. „Meine Mutter ist zwar noch ganz schön fit für ihr Alter, aber wir sind ja auch nicht immer Zuhause. Und dann ist es schon beruhigend zu wissen, dass sie sich schnell Hilfe holen kann, wenn doch mal was passieren sollte.“ Damit die Helfer auch ins Haus kommen, wenn die Dame zum Beispiel gestürzt ist und niemand die Tür öffnen kann, vereinbart Lucas einen Platz am Haus, wo für den Ernstfall ein Schlüssel hinterlegt wird. Solche Informationen müssen ganz genau notiert und in das System aufgenommen werden, damit der diensthabende Mitarbeiter darauf zurückgreifen kann. Die Schlüssel und die nötigen Informationen werden in einem einbruchssicheren und videoüberwachten Raum aufbewahrt.

Wie bewerbe ich mich und wie läuft das FSJ ab?

Wer Interesse an einem FSJ bei den Johannitern oder einer anderen Organisation hat, sollte sich im Vorfeld über die Bewerbungsfristen informieren. Dazu reicht oft ein Anruf oder ein Blick auf die Homepage. Als Voraussetzungen nennt Natalie Brincks, dass man mindestens 18 Jahre alt sein und einen Führerschein haben sollte. Außerdem sollte man natürlich Interesse an der Arbeit im Team und mit älteren Menschen haben
„Wenn sie dann anfangen, werden die FSJler bei uns zunächst sehr gründlich ausgebildet, bevor es überhaupt zu den Kunden und in den Arbeitsalltag geht. Das heißt, sie machen erst mal zwei Wochen lang den Rettungshelferschein, der eine wichtige Grundlage für die Rufbereitschaft ist. Dann gibt es noch drei fünftägige, pädagogische Seminare, die in erster Linie der Betreuung der FSJler dienen. Wer möchte, kann darüber hinaus noch spezielle Schulungen machen, die je nach Interesse angeboten werden.“ Viele der FSJler hängen, so wie Lucas, eine Ausbildung zum Rettungssanitäter an.

Fazit

Ein FSJ lohnt sich auf jeden Fall für alle, die sich nach der Schule oder vielleicht auch nach dem Bachelor noch einmal Zeit nehmen möchten, um herauszufinden, wo ihre Stärken und Interessen liegen. In dem Jahr reifen die jungen Erwachsenen an den immer neuen Herausforderungen, die die soziale Arbeit mit verschiedenen Menschen so mit sich bringt. Es werden nicht nur medizinische oder organisatorische Kompetenzen vermittelt, sondern auch Werte wie Teamfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Selbstständigkeit gefördert. „Ich bin mir sicher, dass unsere FSJler durch diese Kompetenzen Vorteile im späteren Berufsleben haben werden. Und wenn man nach dem Jahr für sich sagen kann: Eine Tätigkeit im sozialen Bereich ist überhaupt nichts für mich, dann hat man doch trotzdem was gewonnen. Das hätte man nämlich während eines mehrjährigen Studiums ohne echte Praxiserfahrung vielleicht nicht gemerkt.“

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