Wenn, dann häppchenweise

Da steht es tatsächlich, schwarz auf weiß: das böse P-Wort. Aber so böse muss es eigentlich gar nicht sein. Das dachte sich auch Maike Brochhaus und drehte den postpornographischen Experimentalfilm „häppchenweise“.

Ästhetische Bilder von nackten Menschen an den Wänden. Ein aus Pappmasche rekonstruiertes, männliches Geschlechtsteil in der Ecke des Raumes. Mehr erinnert in der Kölner Wohnung von Maike Brochhaus und ihrem Freund Simon eigentlich nicht an das, was die beiden schon zweimal gemacht haben – einen Porno gedreht.
Der YouPorn-Generation ist der sogenannte „Rein-Raus-Film“ längst ein Begriff. Aber genau diese Assoziation von Pornographie wollen Maike und Simon erneuern. „Es gibt viele Frauen, die Pornos gegenüber feindlich eingestellt sind“, sagt die Regisseurin im bonnFM Bettgeflüster Interview. „Ich möchte mit meinen Filmen einfach einen komplett neuen Zugang zu dem Thema schaffen.“

Wenn, dann häppchenweise

Von jetzt auf gleich ist das natürlich nicht möglich. Deswegen starteten Maike und Simon erst einmal häppchenweise mit dem gleichnamigen postpornographischen Experimentalfilm.
Ihr erstes Filmprojekt unter dem Slogan „Ein Abend, sechs Körper, wie weit würdest du gehen?“ hat Maike als Experiment inszeniert. Der Plot: Drei Frauen und drei Männer, sitzen in einem Raum und wissen, dass sie gefilmt werden. Alle haben eine Vorahnung, worauf ihr Zusammenkommen an diesem einen Abend hinauslaufen könnte: auf Sex.
„Häppchenweise ist kein direkter Spielfilm, aber auch keine Doku“, sagt die kunstwissenschaftliche Doktorandin. Es gab weder ein Drehbuch noch konkrete Regieanweisungen vor der Aufzeichnung. Die Grundidee war lediglich, dass sich sechs Leute im Alter zwischen 20 und 35 Jahren treffen und während eines Flaschendreh-Spiels gemeinsam über Sexualität reden und eventuell auch vor der Kamera Sex haben.

Der große Bruder

Die Kameras merkten die DarstellerInnen allerdings gar nicht so genau. „Wir haben das Ganze als eine Art Big Brother-Szenario inszeniert“, erklärt Maike. „Wobei ich den Big Brother-Vergleich eigentlich gar nicht mag. Ich habe meine Darsteller ja nicht wie Versuchskaninchen behandelt.“ Um das komplette Setting hatte Maike einen weiteren Raum konstruiert, in dem sie als Regisseurin mit den Kameraleuten sitzen konnte.

Persönlichkeiten-Porno

Hautnah dabei: Ein Setfoto der neuen Produktion „schnick schnack schnuck“ (Bild: © Schnick Schnack Schnuck / Maike Brochhaus)

Hautnah dabei: Ein Setfoto der neuen Produktion „schnick schnack schnuck“ (Bild: © Maike Brochhaus / Schnick Schnack Schnuck)

Die Darstellersuche für das gewagte Projekt entpuppte sich anfangs allerdings als ziemlich schwer. Maike und ihr Freund Simon suchten überall – bei Bekannten von Bekannten von Freunden und deren Cousinen. Am Ende fanden sie drei Männer und drei Frauen, die bereit waren, ihr Projekt zu verwirklichen – einschließlich Simon selbst. Auf die Frage seiner Freundin, ob er denn nicht mitspielen wolle, sagte er damals: „Warum nicht. Wäre ja bescheuert, da nein zu sagen!“
Keiner der Darsteller in „häppchenweise“ hat vorher schon einmal in einem Film mitgespielt. „Das sind ganz normale Leute, die einfach als sie selbst auftreten“, erklärt Simon. Normale Menschen mit normalen Körpern. Wer aufgepumpte Brüste und unnatürliche Muskeln sucht, sucht vergebens.

Ein fairer Film

Aber warum machen die sechs Auserwählten eigentlich mit? Linus zum Beispiel reizt es, dass sich an einem Abend eine intime Beziehung aufbaut. Franzi betrachtet das Ganze als ihr neues persönliches Projekt. Till wiederum macht mit, weil er einfach mal seine Komfortzone verlassen will.
Es gab schließlich auch gar keinen Zwang. „Meine Pornos sind Fairtrade-Pornos“, sagt die Regisseurin. Die Darsteller hatten die Möglichkeit jederzeit den Drehort zu verlassen. Die einzige Pflicht war, dass sie pünktlich zum Drehbeginn anwesend sind. Es musste also weder professionell abgeliefert noch ein Text eingeübt werden.

Das Ergebnis

Im März 2013 war es dann soweit: „Häppchenweise“ stand zum Verkauf bereit. Am Ende entpuppte sich das Experiment als eine Art Metaporno – ein Porno über Pornos. Es wird über Sex philosophiert, aber auch viel Haut gezeigt.
Finanzieren konnten Maike und Simon ihr Herzensprojekt durch Crowdfunding. „Wir wollten erst abwarten, ob wir den Film überhaupt finanzieren können“, sagt Simon im Interview. Am Ende gab es sogar noch ein kleines Plus für die Filmemacher.

Es wird weiter Liebe gemacht

Nach ihrem ersten Projekt wollten sich Maike und Simon aber nicht auf ihrem Erfolg ausruhen, denn es wird weiter Liebe gemacht: Mit „schnick schnack schnuck“ versuchten die Kölner sich erstmalig an einem Spielfilm.

Maike und Simon (vorne) mit einigen Darstellern des neuen Projekts. (Bild: )

Maike und Simon (vorne) mit einigen Darstellern des neuen Projekts. (Bild: © Maike Brochhaus / Schnick Schnack Schnuck)

Als Vorbereitung schauten die beiden sich mehrere 70er Jahre Pornos an – zu reinen Recherchezwecken natürlich. In den damaligen Filmen gibt neben dem expliziten Sex auch eine Story mit Witz. Wie das dann am Ende aussieht, werden wir noch in diesem Jahr erfahren. „Wir sind noch nicht ganz fertig, aber wir bleiben dran“, erklärt Simon. Ein Geschenk unterm Tannenbaum ist also auf jeden Fall schon mal gesichert.