Hip-Hop mal anders

Von Adrian Ladenberger

Bild: Roxana Miranda /  Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0 CL

Musikgenres sind oft mit Vorurteilen überzogen, besonders der Hip-Hop steht dabei nicht allzu gut da. „Das ist doch gar keine echte Musik“, schallt es da schon mal aus der Rockerecke, „die sampeln doch alle nur.“ Die Fronten scheinen festgefahren. Aber Hip-Hop muss nicht immer aus gesampelten Versatzstücken bestehen über die dann gangstermäßig gerappt wird, um gleich noch ein Vorurteil aufzugreifen. Ana Tijoux besticht da mit ihrer ganz eigenen Note.

Gitarre, Bass und Schlagzeug. Alles da, was man für ein ordentliches Rockkonzert braucht. Aber Moment, stand da im Programmheft nicht etwas von Hip-Hop? Und tatsächlich steht ein wenig abgelegen am Rand der Bühne ein DJ samt Turntable und Synthesizer, den man im Rock eher seltener antrifft. Da stürmt auch schon Ana Tijoux auf die Bühne und reißt die Menge mit ihren auf Spanisch gerappten Texten mit. So könnte ein Konzert der chilenischen Rapperin aussehen. Die Samples halten sich auffällig im Hintergrund, die Begleitung wird komplett live von der Band gespielt. Ohnehin scheint die Band im für Hip-Hop eher ungewöhnlichen Maße aktiv. Teilweise zieht sich Tijoux auch in den hinteren Teil der Bühne zurück und überlässt die Show ihrer Band, die dann anfängt einen jazzigen Zwischenpart zu spielen oder auch schon mal ein kleines Gitarrensolo folgen lässt. Das klingt insgesamt allerdings weder skurril noch abwegig, sondern vermengt sich tatsächlich äußerst harmonisch mit dem bald wieder einsetzenden Rap-Gesang.

Dass man mit solcher Musik auch kommerziellen Erfolg haben kann, hat sie schnell gezeigt. Ihr letztes Album “Vengo” (2014) war sogar für einen Grammy nominiert. Mit ihrer Single “1977” schaffte ihre Musik es dann auch zu größerer Berühmtheit und wurde bereits in Serien wie “Breaking Bad” oder “Broad City” verwendet. Auch in dem Computerspiel “FIFA 11” ist sie zu hören.

Politische Botschaft statt Gangsta-Image

Selbstbewusst rappt Ana Tijoux alle ihre Texte auf Spanisch. Dabei handeln sie selten über sie selbst als Person, sondern sind meist politisch aufgeladen. Ihre Themen sind vielfältig und reichen von feministischen Texten über Probleme beim Umweltschutz und der sozialen Gerechtigkeit bis hin zu Fragen des Postkolonialismus. Gerne redet sie während eines Konzerts über die Kraft der „palabras“, der Worte und für wie wichtig sie Poesie hält. Jede Musik sei schließlich irgendwie politisch und mithilfe von Worten ließe sich eine Botschaft am besten verbreiten. So wird dann kurzerhand während eines Konzertes ein Stück den afrikanischen Flüchtlingen gewidmet, die bei ihrer Reise über das Mittelmeer ertrunken sind. In dem Song “Shock” beschäftigt sie sich mit den chilenischen Studentenunruhen aus dem Jahr 2011 und lässt in ihrem Musikvideo dazu auch Studenten zu Wort kommen.

Ebenso wie ihre Texte war auch ihr Leben geprägt von politischen Umbrüchen. Ihre Eltern flohen vor der chilenischen Diktatur Pinochets nach Frankreich, wo Ana Tijoux 1977 geboren wurde und aufwuchs. Nach dem Ende der Diktatur 1993, siedelte sie zurück nach Chile, wo sie sich schnell in Richtung Hip-Hop orientierte. Es folgte eine Zeit in verschiedenen Bands, von denen ihre Zeit 1997 – 2006 bei der Hip-Hop Gruppe “Makiza” zu der erfolgreichsten zählt. Aufgrund persönlicher Differenzen löste sich die Gruppe schließlich auf und Tijoux entschied sich für eine Solokarriere. Nach einigen Kollaborationen mit Pop-Künstlern fand sie mit ihrem zweiten Soloalbum “1977” wieder zurück zu ihren Rap-Wurzeln. Dort ist sie auch bis heute geblieben und hat es auf eine einzigartige Art geschafft Hip-Hop sowohl mit live gespielter Musik als auch mit politischem Inhalt zu verbinden.

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