Das Hochstapler-Syndrom

Von Alessa Weber

Bild: Lisa Spreckelmeyer / pixelio.de

Die Klausuren und Hausarbeiten sind überstanden. Die Noten wurden bekannt gegeben. Nicht immer ein erfreuliches Ereignis. Aber was ist, wenn die 1,0 in der Statistik-Klausur oder die 15 Punkte im öffentlichen Recht als pures Glück abgetan werden? Wenn die Bescheidenheit des klugen Kommilitonen im Seminar unerträglich ist? Was im ersten Moment aussieht, als fische jemand nach Komplimenten, kann auf ein ernstes Problem hindeuten.

Psychologen der Uni Heidelberg haben in diesem Jahr eine neue Studie zum sogenannten Impostor-Syndrom, auf deutsch Hochstapler- oder Betrüger Syndrom, veröffentlicht. Betroffene halten ihre wiederholt sehr guten Leistungen für Glücks- oder Zufälle. Und egal wie die Ergebnisse aussehen, der Gedanke Das ist nicht genugschwingt immer mit. Das Resultat: Die Betroffenen stellen immer höhere, utopische Anforderungen an sich selbst. Gleichzeitig haben sie das Gefühl, permanent überschätzt zu werden. Daraus ergibt sich für sie die Gefahr als Hochstapler aufzufliegen. Aus dieser Angst heraus wächst die Anspruch, noch bessere Leistungen zu bringen mit der Folge, dass bis zur Erschöpfung gearbeitet wird. Im schlimmsten Fall kann das Syndrom zu Angststörungen, Depressionen oder sogar Suizidgedanken führen.

Hochstapler überwiegend weiblich

Die Heidelberger Studie zeigt, dass besonders häufig erfolgreiche Frauen betroffen sind und bestätigt damit amerikanische Studien aus den 1970er-Jahren. Den Grund hierfür sehen die Forscher im unterschiedlichen Umgang mit Misserfolgen. Geht etwas schief, suchen Frauen den Fehler eher bei sich. Männer hingegen neigen dazu, externe Faktoren verantwortlich zu machen. Aber auch ein geringes Selbstwertgefühl erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass das Syndrom auftritt. Besonders problematisch ist es, wenn der Bereich, in dem Leistungen erbracht werden, als Teil der Persönlichkeit gesehen wird. Wenn also der Beruf, oder im Falle von Studenten: das Studium, zum zentralen Punkt wird, über den sich der Betroffene definiert. Die neue Studie zeigt, wie verbreitet das Syndrom ist: 70 Prozent der Untersuchten hielten sich zeitweise oder situationsabhängig für Hochstapler.

Problem erkannt. Gefahr gebannt?

Als Krankheit ist das Hochstapler-Syndrom bisher nicht anerkannt. Der Leidensdruck aber bleibt. Unter den Studenten sind die Leistungsträger zu Beginn des Studiums besonders engagiert. In den Seminaren arbeiten sie intensiv mit. Vom Hochstapler-Syndrom betroffen, wächst, mit steigender Leistung, die Angst in einer Diskussion etwas Falsches zu sagen. Deshalb ziehen sich die Betroffenen immer weiter zurück. Die Psychologen der Uni Heidelberg haben verschiedene Strategien entwickelt, die helfen sollen, aus dieser Spirale auszubrechen. Sie raten Betroffenen zu hinterfragen, wie wahrscheinlich es ist, dauerhaft gute Leistungen zu erbringen, wenn sie tatsächlich nur auf Glück zurück zu führen sind. Außerdem seien Rückmeldungen von Freunden wichtig. Oft stehe man mit Selbstzweifeln nicht allein da. Offene Gespräche könnten helfen, das Selbstwertgefühl zu stärken. Auch ein Erfolgstagebuch könne helfen. Darin werden alle Erfolge und positiven Rückmeldungen notiert. Kehren Zweifel an der eigenen Kompetenz zurück, können die Notizen helfen, die Angst zu lindern. Ein bewusster und offensiver Umgang mit dem Syndrom verspricht die besten Heilungschancen, so die Forscher.

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