Vergiss mein nicht

Von Stefan Lienert

Simple Minds – 35 Jahre Musikgeschichte

Zu so einer langen Zeit im Geschäft muss nicht viel gesagt werden. Daher beschränkten sich Jim Kerrs Gespräche mit dem Publikum auch fast ausschließlich auf die Aufforderung „Let me see your hands“ und die Frage „Everything ok?“ Stattdessen kümmerte sich der Sänger um sein Mikro, wirbelte es an der Schnur durch die Luft oder legte es sich um den Hals, während er die Zuschauer dirigierte und ihnen freundlich zuwinkte.

Die „Simple Minds“ feierten ihre Premiere auf dem Kunst!Rasen mit knapp 3500 Menschen, die zumeist noch die Hochphase der schottischen Rocker in den 80er-Jahren erlebt hatten.Das 100-minütige Konzert in der Gronau ließ nahezu keine Wünsche offen: Getreu dem Motto der Tour spielte die Band fast sämtliche „Greatest Hits“, nur „Belfast Child“, der in Deutschland immerhin erfolgreichste Song der Truppe mit einem dritten Platz in den Charts, fehlte in der Songliste. Stattdessen nahmen die sechs Musiker „Stars will lead the way“ aus dem 2009 erschienenen Werk „Graffiti Soul“ in ihr Programm auf. Der Chorus des Liedes untermalt derzeit eine Bier-Werbung, „Belfast Child“ war sein Vorgänger.

Pünktlich zur Primetime um Viertel nach acht legten Kerr, Gitarrist Charlie Burchill, Drummer Mel Gaynor, Keyboarder Andy Gillespie, Bassist Ged Grimes und Sängerin Sarah Brown (mit Triangel-Ohrring) mit „Waterfront“ los. Auch „Someone, Somewhere“ und „The American“ sollten im regulären Teil folgen. „Don’t You (Forget About Me)“, der Ohrwurm aus dem „Breakfast Club“ beschloss um halb zehn das Hauptprogramm. Doch mit „Alive and Kicking“ oder auch „Sanctify Yourself“ legte die Band noch einen kleinen Bonus obendrauf.

Kunst!Rasen als Jazzclub

Bereits einen Tag später verwandelte sich der Kunst!Rasen in den wohl größten Open-Air-Jazzclub Deutschlands. Mit Chick Corea und Stanley Clarke statteten zwei Jazzlegenden der Bundesstadt einen Besuch ab und begeisterten mit ihrem virtuosen und ganz eigenen Klavier- und Bassspiel etwa 500 Personen. Cool und lässig präsentierten sich die beiden, die in den 1970er-Jahren zur Gründungsbesetzung der Fusion-Formation „Return to Forever“ zählten und in einer Reunion schon 2008 auf dem Bonner Museumsplatz gastierten: Clarke kam im Kapuzenpulli, Corea schoss während des Auftritts mit seinem Smartphone Fotos von den Zuschauern. Auch ein Selfie war ganz am Ende dabei. Corea, der zwischen 1976 und 2009 insgesamt 15 Grammys erhielt, bewies, dass sogar das Säubern der Klaviertasten mit einem Handtuch zu Musik werden kann, und Clarke funktionierte die Saiten seines Kontrabasses mit ausgereifter Slaptechnik kurzerhand zum Schlaginstrument um.

Mit „Sometime Ago“, das in „La Fiesta“ mündete und auf dem ersten Album von „Return to Forever“ von 1972 zu hören ist, begannen die beiden. Auch „Waltz for Debby“, das der Jazz-Pianist 1961 für seine Nichte schrieb, nahmen Corea und Clarke ins Programm auf. Ganz persönlich wurde es, als Corea für seinen Vater „Armando’s Rhumba“ intonierte und Clarke für seine Frau „La Canción de Sofia“.  Ohnehin zählte dieses Konzert wohl zu den intimsten Veranstaltungen der bisherigen Kunst!Rasen-Geschichte, und hatte seinen heimlichen Höhepunkt bei der ersten Zugabe, als aus der drittletzten Reihe eine Frau den Rhythmus der beiden Musiker aufnahm und auf einmal laut zu singen begann. Fortan übernahm sie die Melodie, Clarke und Corea steuerten nur noch die Begleitung bei.

Kunst!Rasen in Sommerpause

Nun geht die Kunst!Rasen-Saison in eine kleine Sommerpause. Ab Ende August finden die nächsten Veranstaltungen statt. Am 23. August kommt „Unheilig“, einen Tag später die „Parov Stelar Band“. Beim Klassik!Picknick am 31. August spielt kostenlos das Beethovenorchester Bonn auf, ehe „The BossHoss“ (5. September), Gregor Meyle (6. September) und Adel Tawil (7. September) den diesjährigen Schlusspunkt setzen.

Weitere Informationen, auch zum Programm im Kunst!Garten, gibt es unter kunstrasen-bonn.de.

Alle Bilder: Stefan Lienert / bonnFM

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