Kunst durch die Kamera

Von Julian Neitzert

Bitte keine Kameras. Kein Blitzlicht! Veröffentlichung untersagt. Das Anfassen ist strengstens verboten: Kunstaustellungen sind häufig sehr elitär. Hohe Eintrittsgelder und strenge Regeln machen den Zugang zur Kunst nicht einfach. Dass das auch anders geht, zeigt eine neue Ausstellung in Köln. Die Interaktion ist ausdrücklich erwünscht.

Kunst. Was ist das eigentlich? Ist nicht alles Kunst? Brauchst es nicht einfach nur jemanden der sagt: So, ich habe reiflich überlegt, mir alles ganz genau angesehen und bin zu dem Schluss gekommen, dass das Kunst ist.

2013 fand in den Berliner Opernwerkstätten der erste Photography Playground statt. Rund 27.000 Besucher tollten auf dieser photographischen Spielewiese. Sie entdeckten die ausgestellte Kunst durch ihre Kameras, beziehungsweise mit den Kameras, die der Veranstalter Olympus den Interessierten lieh. Nichts anderes als eine schick getarnte Verkaufsveranstaltung? Ein bisschen mehr ist es dann doch. Ungewöhnliche Orte, außergewöhnliche Kunstinstallationen, nach diesen Prinzipien organisierte Olympus in Amsterdam und In Hamburg weitere Playgrounds. Mehr als 100.000 Menschen folgten dem Ruf, Kunst (neu) zu entdecken.

Jetzt also Köln. Genauer gesagt eine abgelegene, nicht ganz so ansprechende Ecke des Szene-Stadtteils Ehrenfeld. Mit einem Discounter und alternden Industrieanlagen in direkter Nachbarschaft nicht der wahrscheinlichste Ort für Kunst. Auf dem Gelände gab es mal einen Güterbahnhof, der Weg dorthin wird jetzt flankiert von Gebrauchtwagen, an denen der Staub der Zeit zeigt, dass Sie wohl schon länger auf einen neuen Besitzer warten. Weiter hinten steht Ausrangiertes aller Art.

 

Ist das jetzt schon Kunst?

Ein ausgeschlachteter Fernseher steht neben einem steinernen Löwen, der wohl einst einem China-Restaurant als Dekorationselement gedient hat. Direkt daneben steht ein blauer Sockel, auf dem eine aufgemalte Brezel die einstige Bestimmung erahnen lässt – das ist viel zu zufällig um nicht bewusst so arrangiert worden zu sein. Doch erst weiter hinten steht das Schild „Eingang“. Dort beginnt also erst die Kunst. Das war also keine Kunst. Zu der geht es nach Anmeldung, Bändchen, Chip und damit fast freiem Eintritt durch einen alten Verladecontainer.

Eine große Ansammlung an Spiegeln – Das MUSS Kunst sein.

Aber der Pfeil zeigt in eine andere Richtung. Ein großer, schwerer Vorhang. Dahinter geht es los. Eigentlich nur eine große Halle, roher Betonboden, Ziegelwände, nicht verputzt, weiß gestrichen. Rechts Menschen mit verzerrten Mündern, links ein Bartresen, weiter drin ein großer, frei hängender Quader mit unterschiedlich großen, geometrisch, abstrakt geformten Spiegeln. Ich komme an einen Stand mit freundlichen Mitarbeitern, die Kameraausleihe: Welches Modell? Personalsausweisnummer da bitte eintragen, hier die Adresse und E-Mail. Bitte sehr, die Kamera – Das war ja einfach! Brauchen Sie eine Einführung? Das geht schon! Keine Zeit zu verlieren! Schließlich gibt es ja einen Auftrag: Kunst entdecken.

Erstes Foto: Ein kleiner Raum auf einem Sockel, eine Miniatur: Mann am Fenster. Ganz schön dunkel hier. Zum Glück steht da ein Kamerastativ.

Ein bisschen mehr Licht wäre schön

Da ist ein Vorhang aus Licht. Lichterketten. Nebeneinander, hintereinander, von der Decke hängend. Ein Mann schreitet durch diesen Lianenwald. Hinter ihm gehen die Ketten an und wieder aus. Das Licht folgt ihm. Spiegel, Licht und jetzt Formen und Muster. Interaktion ist gewollt, aber bitte ohne Schuhe und MIT passenden Overall. Menschen in Overalls lassen sich photographieren, sie verschmelzen mit dem Hintergrund. Eine Treppe hinauf: der Showroom. Schicke Vintage-Möbel, Glaskästen mit Kameras, Objektiven und Zubehör. Keinerlei Verkäufer. Ein neues Schild: Lightpaintingbox. Drinnen Menschen, die mit Licht malen.

„Hi, warst du schon im Keller?“

Zurück zum Anfang, Treppe runter. Nächster Vorhang. Menschen, die vor einer Wand stehen, auf der Muster zu sehen sind. Die Menschen bewegen sich – die Muster auch. Totale Interaktion. Das war dann schon alles. Aber schön war es. Spaß hat es gemacht.

„Die Kamera geht zurück, die Speicherkarte darfst du behalten!“

Olympus Photography Playground: Bis zum 5. Oktober auf dem Gelände von „Jack in the Box“, Vogelsanger Straße 231, Köln-Ehrenfeld,  Eintritt frei.

Alle Fotos: Julian Neitzert / bonnFM

bonnFM-Redaktion

die bonnFM-Redaktion!