Selbstfindung mal anders

Bild: GabboT / flickr.com (CC BY-SA 2.0) 

Autor: Amman Mohammed

Ein Film, in dem Jake Gyllenhaal gleich zweimal mitspielt? Für viele Kinofreunde sicher schon Grund genug, um sich mit “Enemy” einen netten Abend zu machen. Wer hierbei allerdings mit einer harmlosen Verwechslungskomödie in Hanni-und-Nanni-Manier rechnet, wird innerhalb von neunzig Minuten eines Besseren belehrt. So besticht der Thriller aus den Händen von Denis Villeneuve (u.  a. “Prisoners” und “Incendies”) viel mehr durch seine Spannung, seiner dichten Atmosphäre und einer gehörigen Portion Fragezeichen.

Vier Augen sehen mehr als zwei

Adam Bell (Jake Gyllenhaal) führt kein besonders abwechslungsreiches Leben. Als junger Geschichtsprofessor beginnt er seinen Alltag in einem halbvollen Hörsaal, um ihn beim allabendlichen Matratzensport mit Freundin Mary (Mélanie Laurent) ausklingen zu lassen – Woche für Woche. Wäre da bloß nicht dieser Film, der nach nur einer Szene einen dunklen Farbklecks auf jener Eintönigkeit hinterlässt. Zu seinem Erstaunen erkennt Adam sich in einem unauffälligen Nebendarsteller nämlich wieder. Handelt es sich etwa um einen Doppelgänger? Um das zu beantworten, setzt der in sich gekehrte Historiker alle Hebel in Bewegung, und wird letztlich fündig. Als dieser seinem charismatischen Ebenbild gegenübersteht, müssen beide jedoch erkennen, dass sich die verblüffende Ähnlichkeit lediglich auf ihr Äußeres beschränkt. Ihre Begegnung entpuppt sich als ein großer Fehler…

Irgendwo zwischen “Vertigo” und “Mullholland Drive”

Dass Enemy auf ein literarisches Werk basiert, mag angesichts der verworrenen Handlung nicht verwundern. Die Vorlage, die der portugiesische Autor José Saramago mit seinem Roman “Der Doppelgänger” liefert, gilt so als zeitgenössisches Paradebeispiel für die Dekonstruktion des klassischen Erzählens – ein Umstand, den man stellenweise auch dem Film anmerkt. Immer wieder ziehen sich Szenen scheinbar unnötig in die Länge, ohne neue Informationen zu liefern. In den Fußstapfen eines Alfred Hitchcocks schreitend, wenn es um die Suspense geht, schreckt der Regisseur nicht davor zurück, sich auch bei den Motiven eines David Lynchs zu bedienen, um dem Zuschauer einen ordentlichen Satz Verstörung zu verpassen. Mit surrealen sowie stimmungsvollen Bildern wird dieser zum Bewohner eines tristen Torontos, der den herausragenden Darstellern wie im Fieberwahn auf den Fersen haftet.

Fazit

Um bei “Enemy” in den Genuss eines vollwertigen Kinoerlebnisses zu kommen, gilt es, sich unbedingt vor etwaigen Spoilern in Acht zu nehmen. Ganz ohne Vorwegnahme der Wendung kann jedoch festgehalten, dass Villeneuve mit seinem erst zweiten groß budgetierten Film für reichlich Diskussionsbedarf gesorgt hat. So versuchen sich selbst die Darsteller in ihren Interviews regelmäßig an einer Interpretation ihrer Figur oder anderen Elementen der Geschichte. Wer das Gehirn also gerne eingeschaltet lässt, sobald das Licht ausgeht, wird ganz sicher auf seine Kosten kommen.

bonnFM-Redaktion

die bonnFM-Redaktion!

Kommentar verfassen