Abseits von Raclette und Bleigießen

Von Adrian Ladenberger

Der Mensch neigt bekanntlich zum Aberglauben: Wie an allen Festtagen findet man auch an Silvester zahlreiche mal mehr oder weniger sinnvoll erscheinende Bräuche. Zeit, einige Traditionen unter die Lupe zu nehmen und einen Blick über die Landesgrenzen zu wagen.

Bild: Mit Material von Jacinta Lluch Valero (CC BY-SA 2.0)

Silvester markiert das Ende des Jahres und liegt dementsprechend stets am 31.Dezember. Dass das aber nicht immer so war, zeigt schon ein kleiner Blick in die Vergangenheit. Bis ins späte Mittelalter war es nämlich noch keinesfalls klar, an welchen Tag denn das neue Jahr eigentlich beginnt. Mal feierte man an Weihnachten den Neujahrsbeginn, mal auch erst an Ostern. Dieses Chaos beendete die Einführung des Gregorianischen Kalenders in Jahr 1582, denn er setzte die Länge eines Jahres exakt fest und legte den letzten Tag des Jahres auf den 31. Dezember, den Todestag des Papstes Silvester I., der dem Tag auch seinen Namen bescherte. Um den im 4. Jahrhundert amtierenden Papst rankt sich so manche Legende. So soll er zum Beispiel  den kranken römischen Kaiser Konstantin von Lepra befreit oder gar einen Drachen niedergestreckt haben. Auch sollen Ungläubige in seiner Gegenwart an Fischgräten erstickt sein, deshalb heißt es noch heute, dass man an Silvester Fisch nur mit Vorsicht genießen sollte.

Von Weintrauben und Reiskuchen

Tatsächlich drehen sich auch viele Bräuche ums Essen. Während bei uns in Deutschland meist Fondue oder Raclette am Silvesterabend gereicht wird, haben andere Länder ihre ganz eigenen Bräuche. In Spanien kommt der Weintraube eine ganz besondere Bedeutung zu. Zu den Mitternachtsglocken soll man nämlich zwölf Trauben essen, also bei jedem Schlag eine. Damit man sich nicht verzählt (das bringt nämlich großes Unglück im neuen Jahr), werden die Weintrauben an Silvester auch gleich im handlichen 12er-Pack verkauft, kurz vor Mitternacht gibt es sie sogar in Kneipen zu kaufen – dann meist zu horrenden Preisen.

Eine andere Frucht findet in Teilen Chinas ungewöhnliche Verwendung. Dort werfen nämlich Unverheiratete Mandarinen ins Meer und erhoffen sich dadurch das große Liebesglück im nächsten Jahr. Silvester kommt in China aber eher eine kleinere Bedeutung zu, größer feiert man dort das traditionelle chinesische Neujahrsfest. Am Vorabend des Festes gibt es kleine Teigtaschen zu essen, die aussehen wie alte chinesische Geldstücke und deshalb Reichtum und Wohlstand im neuen Jahr bringen sollen.

Ähnlich bei den japanischen Nachbarn, wo traditionell sogenannte Mochis, kleine Reiskuchen am Silvesterabend verspeist werden und Glück fürs neue Jahr bringen sollen. Durch die extrem klebrige Konsistenz der Mochis kommt es allerdings immer wieder zu Erstickungsfällen, auch da nach der Tradition derjenige mit den meisten gegessenen Mochis am meisten Glück im neuen Jahr bekommt.

Ungefährlicher ist da schon das Essen im Süden der USA, wo man am New Year’s Eve häufig Linsensuppe isst. Die Linsen erinnern nämlich an kleine Pennys und sollen natürlich einen Geldsegen herbeizaubern. Außerdem gibt es da noch die Regel „Nothing Goes Out“. Die besagt nämlich, dass absolut nichts (nicht einmal der Hausmüll) das Haus am Neujahrstag verlassen darf, ansonsten wird man im nächsten Jahr Dinge verlieren. Ausnahmen sind nur erlaubt, wenn zuvor etwas ins Haus gebracht wurde.

Auch in Teilen der USA, aber auch in Schottland sagt man der ersten Person, die man im neuen Jahr trifft, nach, das ganze kommende Jahr zu beeinflussen. Besonders viel Glück bringt dabei ein junger, großer Mann mit einer Flasche Whiskey, einem Rosinenbrot und einem Stück schwarzer Kohle im Gepäck.

Die wilde Jagd

Natürlich gibt es an Silvester auch viele Bräuche, die gar nichts mit Speisen zu tun haben. Wer in Italien zum Jahreswechsel rote Unterwäsche trägt, dem ist das Liebesglück im neuen Jahr gewiss. Was man aber auch bei uns auf keinen Fall tun sollte, ist in der Nacht vom 31.12 auf den 01.01 seine Wäsche zu waschen oder gar draußen aufzuhängen. Nach einer alten Legende beginnt nämlich in dieser Nacht die wilde Jagd des germanischen Gottes Wotan und durch den Brauch soll sichergestellt werden, dass er mit seinem Geisterheer auch in Ruhe durch die Gärten ziehen kann.

Einen Brauch, der auch ohne Geister ein wenig an Halloween erinnert, findet jedes Jahr in Bulgarien statt. Dort ziehen nämlich Kinder von Haus zu Haus und schlagen den Bewohnern auf den Rücken. Als Gegenzug gibt es dafür auch noch Süßigkeiten und Geschenke. Klingt nach einem guten Deal – oder? Für diesen weit verbreiteten Brauch wird ein Ast des Kornelkirschbaums bunt geschmückt und wird dadurch zur „Surwatschka“, übersetzt in etwa Neujahrsrute. Die Erwachsenen erhoffen sich durch die Schläge auf den Rücken Gesundheit und Reichtum und für die Kleinen sind die ganzen Süßigkeiten natürlich Anreiz genug.

Was vom letzten Jahr übrig bleibt

Was bleibt bei all den glücklichen Neujahrssegen eigentlich noch übrig, außer sich von den alten Lasten des Jahres zu befreien? In Argentinien nimmt man sich nämlich seine alten Unterlagen und Papiere zusammen, schreddert das Ganze und wirft die Papierschnipsel kurzerhand aus dem Fenster. So hat man nicht nur wieder Platz im Haus geschaffen, sondern sich auch sprichwörtlich von seinen alten Sorgen befreit. Beruhigt kann man jetzt in ein neues Jahr starten, dem Jahr 2014 den Rücken zuwenden und das Jahr 2015 mit dem ein oder anderen Neujahrsbrauch gebührend empfangen.

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