Progressive Rock als emotionales Gesamtkunstwerk

Von Florian Engels und Thomas Frerix

Foto: Florian Engels / bonnFM

Wenn das E-Werk in Köln schon seine Halle bestuhlt, dann muss es sich um ein ganz besonderes Konzert handeln. Das ist allerdings kein Wunder, wenn Steven Wilson kommt. Der Multiinstrumentalist, Jahrgang 1967, ist einer der einflussreichsten und genialsten Musiker im Progressive Rock. Schon seit den frühen 90ern hat sich Wilson als Kopf seines damaligen Projektes “Porcupine Tree” einen Namen gemacht. Das Projekt ruht mittlerweile. Wilson ist in den letzten Jahren vermehrt solo unterwegs.

So auch mit seiner diesjährigen Tour zu seinem Neuen Album “Hand. Cannot. Erase.”. Das Konzeptalbum handelt von Einsamkeit und Isolation in der Großstadt. Die Idee zu dem Album hat eine traurige reale Vorlage: Den Tod der Londonerin Joyce Carol Vincent, die erst nach zwei Jahren, neben verpackten Weihnachtsgeschenken, in ihrer Wohnung gefunden wurde.

Konzert, Kunst, oder Kino?

Dieses neue Album stellte das Grundgerüst für das Konzert am vergangenen Freitag. Doch die Setlist enthielt auch ältere Songs wie etwa „Harmony Korine“ von seiner ehemaligen Band “Porcupine Tree”. Kurz nach 20 Uhr ging es dann los. Ein etwa fünf minütiges Synthesizer-Intro stimmt den Saal ein, noch bevor überhaupt ein Musiker die Bühne betritt. An der Bühnenrückwand läuft ein Film, der Plattenbauten zeigt, in denen das Licht in den Fenstern im Zeitraffer an- und ausgeht. Steven Wilson geht es in seinen Konzerten nicht nur um die Musik. Er versucht mit zusätzlichen audiovisuellen Mitteln einen emotionalen Gesamteindruck zu schaffen. Und das gelingt. Beispielsweise bei dem Song „Routine“, der von einer Mutter handelt, die versucht nach dem Mord an ihren beiden Kindern den Alltag weiterlaufen zu lassen. Auf der Leinwand läuft die ganze Szene noch als animierter Film parallel zur Musik. Hart, aber passend!


Foto: Florian Engels / bonnFM

Steven Wilson UND Band!

Aber nicht nur Steven Wilson ist der Star des Abends, der sich sichtlich über die Begeisterung des Publikums freut: “Finally some enthusiasm!”. Auch seine Mitmusiker auf der Bühne sind keine unbeschriebenen Blätter. So hat der deutsche Drummer Marco Minnemann etwa bereits mit der Dream Theater Keyboard-Legende Jordan Rudess ein Album aufgenommen. Insgesamt harmoniert Wilson mit seiner Band (Marco Minnemann, Drums / Adam Holzman, Keys / Nick Beggs, Bass / Guthrie Govan, Gitarre) und erzeugt so einen andauernden Klangteppich der irgendwo zwischen pop-rock und progressive metal oszilliert, ohne zu seicht oder zu verkopft-anspruchsvoll zu werden.

Solche Musik zu komponieren und dann noch so zu präsentieren ist große Kunst. Die Einheit von Ton, Licht und Film hat einen an manchen Stellen schlicht umgehauen. So war es gut, dass es ein bestuhltes Konzert war und wir freuen uns auf Wilsons nächste Tour.

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