Die Erwachsenen

Von Klaas Steinhart

Bild: David Ritter / pixelio.de

Sakko statt Trainingsjacke, graue Haare statt fettiger Strähnen – auch an der einstigen Vorzeigeband der sogenannten Hamburger Schule nagt der Zahn der Zeit. Dass sie trotzdem noch nicht zum alten Eisen gehören, beweisen Tocotronic Kritikern und Fans mit ihrem neuen Album.

Über 20 Jahre ist es her, dass das Debütalbum “Digital ist besser” veröffentlicht wurde und Lieder wie „Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk“ auf VIVA liefen. Während das Musikfernsehen durch das Internet überflüssig wurde und verschwand, gibt es Tocotronic noch immer. Doch den rauen Klang verzerrter Gitarren und die plakativen Songtexte von damals findet man schon seit einiger Zeit nicht mehr bei der Gruppe um Sänger Dirk von Lowtzow, Bassist Jan Müller und Schlagzeuger Arne Zank. Mit dem Gitarristen Rick McPhail wurde die Band 2004 zum Quartett und ihr Sound veränderte sich deutlich. Oftmals driftet die Musik der Hamburger, passend zu den immer kryptischeren Texten von Lowtzow, in psychedelische Räusche ab und scheint manchmal ganz die Bodenhaftung zu verlieren. Doch genau deshalb heimst Tocotronic seit Jahren die Lorbeeren der Kritiker ein.

Gereifte Rebellen

Trotz der großen musikalischen Veränderungen lassen sich thematisch noch immer Parallelen zwischen damals und heute finden. So schrie von Lowtzow auf der Debüt-LP “Digital ist besser”, er wolle Teil einer Jugendbewegung sein; heute singt er sanft, man könne „den Erwachsenen nicht trauen“. Und auch Titel wie „Prolog“, „Rebel Boy“ und „Sie irren“ machen deutlich, dass unter der Fassade der in Würde Gealterten noch immer die wütenden Jugendlichen schlummern, die mit Anfang 20 die Welt verändern wollten.

Zur leiser gewordenen Rebellion gesellen sich jedoch häufiger hoffnungslose, nahezu depressive Sequenzen. So singen Tocotronic in der vorab veröffentlichten Single „Prolog“: „Aus deinem Wohnsitz in der Tiefe / schreibst du deinen Freunden Briefe / Sie lesen jede Zeile / in der Oase der Langeweile“. Doch als Romantiker bieten von Lowtzow und Kollegen dem Hörer immer noch einen Ausweg: „Liebe wird das Ereignis sein“ heißt der letzte Vers des Titels und verweist in seiner plakativen Banalität noch einmal auf den über 20 Jahre alten Ursprung der Band.

Auch wenn sich die Texte zum Teil in kryptischer Abstraktion verlieren, liefern Tocotronic mal wieder ein absolut gelungenes Album ab. Musikalisch erinnern die Hamburger mehr denn je an The Smiths, verzichten größtenteils auf zu viel musikalischen Pomp und vertrauen auf Dirk von Lowtzows Poesie. Insgesamt ist das “rote Album” nicht nur eingefleischten Fans zu empfehlen, wobei ein Einstieg in den tocotronischen Kosmos mit anderen Alben einfacher gelingen könnte.

Im November in Köln

Wer das neue Album des Quartetts auch live erleben möchte, hat dazu am 11. November Gelegenheit, wenn die Band im Kölner E-Werk auftritt. Dort werden mit Sicherheit auch einige der alten Klassiker zu hören sein, schließlich macht die Band mit ihrem elften Album noch einmal deutlich, dass ihre Themen von damals noch immer von Bedeutung sind. Aus der Zeit der provokativen Direktheit sind Tocotronic herausgewachsen, aber die neuen Gewänder, in die sie ihren Protest kleiden, stehen ihnen ohne Frage genauso gut.

bonnFM-Redaktion

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