Crash! Boom! Bang!

Gerade gegen Ende des Semesters häuft sich bei Studenten oft der Stress. In der Klausurphase verbringen manche gefühlt den ganzen Tag in der Bibliothek und pauken für die lebenswichtigen Prüfungen. Andere sitzen entnervt zuhause und feilen an ihren Facharbeiten. Spätestens wenn dann noch der Kater nach der Party am Samstag Abend dazukommt, wünschen sie sich, dem Alltag für einen Augenblick zu entfliehen. Bloß wie?

Auswege aus dem Unistress

Den ruhigeren Gemütern reicht dafür schon eine Runde Joggen oder ein Abend im Kino. Aber bei einigen ihrer hitzigen Kommilitonen haben sich Aggressionen angestaut, die sich nicht so einfach entladen lassen. Sie träumen davon, einmal ordentlich Dampf abzulassen. Alle guten Manieren und Gepflogenheiten der Gesellschaft zu vergessen. Jegliche Hemmungen fallen zu lassen, die sie im Alltag einsperren. Es gilt, ein Ventil für ihren Frust und Unistress zu finden. Ohne in die Kriminalität abzudriften, versteht sich.

Speziell für ein solches Klientel ist im August des vergangenen Jahres endlich der erste Wutraum Deutschlands in Halle an der Saale eingerichtet worden. Jähzornige Kunden können bei „Schlag Dich Fit“ ihre Gefühle an Schränken, Tischen, Vasen und sogar Fernsehern auslassen. Zerstört werden ausrangierte Möbel, beispielsweise von Wohnungsauflösungen. Die Inhaber Ronny Rühmland und Marcel Braun sorgen höchstpersönlich für das gewisse Spießer-Feeling und dekorieren den Raum selbst. Passende Atmosphäre entsteht allein schon durch den Standort im Hinterhof einer leerstehenden Metzgerei.

Der Weg der Wuträume nach Deutschland

Der Trend des Wutraums kommt ursprünglich aus den USA und erfreut sich nun auch hier in allen Altersgruppen großer Beliebtheit. Die bekannteste Location ist wohl der „Anger Room“ in Dallas. Auf dessen Website kann man sich mit dem Spiel „Sofa Bash“ auf den bevorstehenden Gefühlsausbruch vorbereiten. Virtuell zerfetzt, zertrümmert oder zersägt man dabei binnen 30 Sekunden eine Couch und kann sein Aggressionspotenzial in einem Ranking mit anderen Spielern vergleichen. Die Auswahl der Waffen von Morgensternen über Kettensägen bis hin zu Katana-Schwertern gibt es aber nur online. Dennoch ist das Sortiment an Golf- und Baseballschlägern sowie Vorschlaghämmern auch hierzulande nicht zu verachten. Es ist sogar erlaubt und sogar gern gesehen, mit seinen eigenen Lieblingswaffen alte Vasen oder Bilder zu zertrümmern. Nur bei Kettensägen und Schusswaffen setzt ein Verbot an. Mittlerweile reisen die Besucher bei „Schlag Dich Fit“ dafür aus allen Ecken der Bundesrepublik an. Wer den weiten Weg scheut, darf auf eine Expansion des kleinen Unternehmens hoffen. Die Betreiber hatten bei einem Interview mit der „Welt“ die Planung eines zweiten Wutraums in Berlin in Aussicht gestellt.

In München existiert das Geschäftsmodell unter dem Leitspruch „Zerstörung aus Leidenschaft“. Hier gibt es sogar Specials für Firmenfeiern, Rendezvous , Geburtstage und Junggesellenabschiede. Ein Filmmitschnitt der eigenen Brutalität ist hier sogar im Preis inbegriffen. Das kontern die Betreiber in Halle jeden Monat mit zum Totalschaden verurteilten Autos, die auf dem Hinterhof wütenden Besuchern zum Opfer fallen. Im Freistaat Bayern scheint die Nachfrage im Allgemeinen aber besonders hoch zu sein, denn auch Nürnberg kommt zukünftig in den Genuss eines „Rage Rooms“. Seine ganz persönliche Zelle des Zorns reserviert man übrigens vorab online oder telefonisch. Die Kosten für 30 Minuten liegen sowohl in Halle als auch in München bei 139 Euro. Im Preis inbegriffen sind bei beiden Anbietern individuelle Musikwünsche. Metal-Fans zum Beispiel können also zu ihrer eigenen Playlist mit schrägen Gitarrentönen und wüstem Geschrei Kleinholz produzieren.

Von Schlägerbräuten und Hemmschwellen

Das Phänomen Wutraum ist aber auch aus gesellschaftlicher und gesundheitlicher Sicht interessant. So finden sich bei „Schlag Dich Fit“ in allen Altersklassen latente Choleriker, die Frauenquote sei laut Inhaber Marcel Braun jedoch überraschend hoch. Er deutet diese Beobachtung durch die vielen verschiedenen Stressfaktoren, die auf Frauen wirken können. Das schöne Geschlecht muss im Alltag oft die Rolle als Hausfrau und Mutter übernehmen, gleichzeitig Karriereziele verfolgen und zudem noch gut aussehen. Dieser Druck entlädt sich dann im Wutraum. Die Ausraster seien sogar oft von aufmerksamen Ehemännern finanziert, sagt Braun. Unabhängig vom Geschlecht reagiere aber jeder bei den ersten Schlägen zaghaft. Natürlich liegt das an der ungewöhnlichen Situation, in der Sachbeschädigung auf einmal legal und schlechtes Benehmen nicht verborgen, sondern ausdrücklich erwünscht ist.

Wissenschaftliche Kritik am Geschäft mit der Wut

Unter Psychologen dürfte sich darüber jedoch eine heiße Diskussion entfachen, da es selbst in Fachkreisen unterschiedliche Meinungen und Ratschläge zum Umgang mit Aggressionen gibt. Auf einer Seite könnte man argumentieren, der Wutraum biete ähnlich einer Therapie ein Ventil für Stress oder aufgestaute Wut. Den ganzen Ärger einmal rauszulassen, helfe womöglich mehr als nur darüber zu reden und ihn letztendlich immer wieder runterzuschlucken. Fakt ist, dass nach dem Abreagieren ein entspanntes Gefühl einsetzt und die Sorgen vergessen sind. Auf den Wutrausch folgt so auch für gewöhnlich eine Art friedliche Erschöpfung. Kritiker sehen genau in diesem positiven Erlebnis eine Gefahr. Dadurch könnte der Trugschluss entstehen, dass Probleme im echten Leben mit Gewalt zu bewältigen seien. Diese werde so zu einem angewöhnten Verhaltensmuster und als normal erachtet. Die Erfahrung hat bis jetzt jedenfalls keine negativen Auswirkungen gezeigt. Vorbelastete oder gar kriminelle Menschen leben ihre Aggressivität wohl eher auf den Straßen aus, als dafür Geld auszugeben.

Wem der Preis wirklich zu happig ist, dem sei bei der Stressbekämpfung besonders zu körperlicher Anstrengung, also sportlicher Betätigung geraten. Auch Praktiken wie Autogenes Training oder Progressive Muskelentspannung können zum gewünschten Erfolg führen. Zur Not können gestresste Studenten aber auch zu allgemein bekannten Beruhigungsmitteln wie Schokolade oder Baldrian greifen.