Weihnachten im Prälat-Schleich-Haus

In der stationären Wohnhilfe im Prälat-Schleich-Haus laufen die letzten Weihnachtsvorbereitungen. Verschiedene Gefühle, Erinnerungen und Wünsche werden nun wach. Gedanken an die Familie, Zurückdenken an die Kindheit. bonnFM hat einige Bewohner des Prälat-Schleich-Hauses besucht und mit ihnen darüber gesprochen, was Weihnachten bedeutet, wenn man mit Menschen feiert, mit denen einen nur das Schicksal verbindet.

„Es ist die Zeit, wo es wehtut.“

Der große Weihnachtsbaum ist geschmückt, Plätzchen backen im Ofen, in einem kleinen Aufenthaltsraum werden noch die letzten Weihnachtslieder eingeübt. Wenn es draußen kalt und dunkel wird, ist es Zeit, nach Hause zu kommen, die Familie zusammenzutrommeln, Weihnachten steht vor der Tür. Das Fest der Liebe. „Es ist die Zeit, wo es besonders wehtut“, sagt Patrick leise. Gemeinsam mit zahlreichen anderen Bewohnern wird er den Heiligabend in diesem Jahr im Prälat-Schleich-Haus verbringen, in der stationären Wohnhilfe für Menschen, die versuchen, wieder auf die Beine zu kommen. Viel ist schiefgelaufen auf ihrem bisherigen Weg, oft ist dadurch das Verhältnis zur Familie zerbrochen, Wünsche wurden vergessen, Ziele aufgegeben. Die meisten von ihnen feiern Weihnachten deshalb hier, in ihren Wohngruppen, mit Menschen, die das gleiche Schicksal haben. Es ist eine Art von Verständnis, dass sie Zuhause nicht haben könnten. „Es ist nicht so, dass die Familie mich nicht fragt, ob ich kommen möchte“, sagt Patrick. „Aber ich gehöre doch gar nicht mehr richtig dazu, ich habe nichts mitbekommen das letzte Jahr. Und dann sitzt man da am Tisch und die Leute fragen, wie es einem geht, aber eigentlich hat man das ganze Jahr nichts von ihnen gehört und weiß, dass man nur dort ist, weil eben Weihnachten ist.“ In seiner Wohngruppe fühlt er sich eher verstanden, hier gehört er noch dazu. Auch Peter ist schon seit drei Jahren hier. Die Gedanken an die Familie lassen sich nicht ausblenden, sagt er: „An Weihnachten denkt man immer an die Familie. Ich nehme hier an der Weihnachtsfeier teil, um mich abzulenken, weil mir das nichts mehr bringt. Aber es gibt ja auch Klienten hier, die ganz allein sind. Was die für Gedanken haben, will ich gar nicht wissen.“

Weihnachten im Prälat-Schleich-Haus

In der stationären Wohnhilfe wird deshalb viel getan, um den Bewohnern ein Weihnachtsfest zu ermöglichen, das sie diese Gedanken vergessen lässt. „In den Gruppen gibt es individuelle, selbst vorbereitete Weihnachtsessen am Heiligabend, außerdem haben wir hier eine Messe in unserer Kapelle und danach wird immer noch zusammengesessen, das klingt dann langsam aus“, sagt Sozialarbeiterin Brigitte Mehlhose. „Das Highlight sind wahrscheinlich immer die Darbietungen der Sozialarbeiter, die dann Gedichte aufsagen oder Lieder singen, da sind die Lacher dann immer groß.“ Für ambulante Klienten sind am Heiligabend 400 Essen in fünf Schichten geplant, zusätzlich gibt es verschiedene Aktionen von Vereinen und Unternehmen, über die Süßigkeiten und Geschenke gesammelt und gespendet werden. „Es ist schon toll, was hier an Weihnachten für die Bewohner gemacht wird“, sagt Alex. Das Prälat-Schleich-Haus zahlt auch die Fahrkarten nach Hause, besonders an Weihnachten werden die Bewohner immer ermutigt, den Kontakt zu suchen. Bei Alex hat es geklappt, er erzählt: „Ich bin eigentlich ein Weihnachtsverweigerer, denn meine Mutter war schwer alkoholabhängig. Sie ist daran letztendlich auch gestorben und war auch zuvor nie in der Lage, ein Weihnachtsfest vorzubereiten. Mit ihren immer wechselnden Lebenspartnern endete der Heiligabend dann auch meistens in Gewalt.“ Bis heute kann er sich von diesen Erinnerungen nicht erholen, erst ab dem zehnten Lebensjahr lebte er bei seinem Vater, wo er zum ersten Mal wirklich Weihnachten feierte. „Aber ich konnte mich dem nie öffnen, weil immer diese ersten Jahre auftauchen, es hängen zu viele Erinnerungen daran.“
Hier im Prälat-Schleich-Haus hat Alex jetzt die Möglichkeit, Weihnachten wieder anders zu erleben. „Es ist das Schöne hier, dass es so locker ist und nichts perfekt ist, es hat mir gutgetan. Ich habe im letzten Jahr zum ersten Mal seit so langer Zeit mal wieder richtig gelacht. Du bekommst hier nicht diesen Stempel drauf, dass du jetzt konventionelles Weihnachten feiern musst, was du selbst ja gar nicht willst oder gar nicht kannst.“

„Wieder einen festen Tritt im Leben bekommen“

Dennoch fährt Alex jetzt jedes Jahr an Weihnachten zu seinem Vater. Angestoßen hat das Sozialarbeiterin Brigitte Mehlhose. „Es ist dann ein schöner Abend, ich bekomme sogar immer ein paar schöne Geschenke und komme immer sehr froh zurück“, sagt er. Im Prälat-Schleich-Haus sind die Mittel eingeschränkt, sodass Geschenke für Familie oder Freunde einfach nicht drin sind. Es ist ein weiteres Gefühl der Ausgrenzung für die Bewohner. „Es ist ein scheiß Gefühl, wenn man sich das einfach nicht leisten kann, auch wenn es Kleinigkeiten sind“, sagt Patrick. „Natürlich heißt es dann ‚Komm, das Geschenk ist jetzt auch von dir‘, aber man fühlt sich einfach, als würde man sich aufdrängen. Man gehört eigentlich nicht dazu.“ In der Wohngemeinschaft werden diese Gedanken aufgefangen, die Bewohner unterstützen sich gegenseitig. Man gönnt sich den Fortschritt, man weiß, wie sich die anderen fühlen. Alex ist einer der Bewohner, die dieses Jahr Weihnachten mit einem Teil ihrer Familie feiern werden. „Ich mag es manchmal gar nicht erzählen, wenn ich dann am ersten Weihnachtstag von meinem Vater komme, aber dann bin ich so froh und denke gar nicht drüber nach“, sagt er leise. „Dann denk ich selber nachher, ich hab so einen schönen Tag gehabt und die armen Schweine sitzen hier.“ Patrick widerspricht ihm. „Weißt du was, ich gönn es dir. Ich bin im Gegenteil sogar froh, wenn du mir von dem Weihnachtsfest erzählst, was ich nicht haben kann.“

Der langsame Weg der Bewohner zurück dorthin, was sie „draußen“ nennen, kann mit diesem ersten Schritt an Weihnachten beginnen. Langsam wieder einen Fuß auf den Boden bekommen, um sein Leben irgendwann wieder selbst regeln zu können, ein eigenes Weihnachtsfest zu haben. Wünschen tun sich die Bewohner das alle. „Man geht ja auch an den Häusern vorbei, sieht Leute dort sitzen mit ihren Familien. Es kann mir keiner erzählen, dass ihm das nichts ausmacht“, sagt Alex. „Das ist vielleicht auch ein Ziel für den Rest meines Lebens, das irgendwann mal hinzubekommen.“ Diesen Wunsch haben viele Bewohner, auch Frank, der erst seit zwei Monaten wieder im Haus ist. Er war schonmal hier, hat es dann draußen versucht. Dieses Jahr wird sein erstes Weihnachten im Prälat-Schleich-Haus. „Mein großer Wunsch ist, irgendwann mal gestanden im Leben zu stehen, dass ich meine Mutter dann auch mal einladen kann. Sie ist 81 Jahre und so lange wird sie nicht mehr da sein. Ich wünsche mir, dass sich das irgendwie auf die Kette bringen lässt, Familie, und wenn auch nur zu solchen Gelegenheiten, mal wieder um sich zu haben.“ „Dass sich das Verhältnis zu meiner Mutter bessert, dass sie mal sagt ‚Ich möchte dich sehen’, dass sie mal auf mich zukommt“, sagt Felix. Dieses Jahr hat es noch nicht geklappt, und Felix hat wie jedes Jahr den Weihnachtsbaum seiner Wohngemeinschaft geschmückt und die Plätzchen gebacken. „Ich versuche dann, hier ein bisschen Weihnachten reinzubringen, und wenn es den anderen dann schmeckt, dann freue ich mich natürlich.“ Die Bewohner versuchen, sich gegenseitig ein Stück Familie zu sein, besonders an Weihnachten. „Und wenn man dann in der Wohngruppe ist, ist es auch irgendwie nicht viel anders“, sagt Brigitte Mehlhose lachend. „Keiner hat Lust, den Baum zu schmücken und der eine isst dem anderen die Gänsekeule weg.“
„Und es ist das Schöne an der Sache, dass nichts perfekt ist“, sagt Alex. „Ich wollte immer nur für eine halbe Stunde kommen, und ich war immer der letzte. Und vielleicht ist das dieses Jahr auch wieder so.“

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