Der Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen

Der irakische Geflüchtete Abd Alsattar Altaee verließ mit sechzehn Jahren seine Heimat. Im Interview mit bonnFM erzählt er uns eine Geschichte von einem traurigen Schicksal und eine Geschichte von gelungener Integration.

Mit sechzehn Jahren seine Familie, Freunde und Heimat hinter sich lassen – sich alleine auf eine Reise mit unbekanntem Ziel machen –  eine Reise, die gefährlich ist und vielleicht sogar den eigenen Tod bedeuten könnte – das können sich die meisten von uns nicht vorstellen. 

Und warum auch? Die meisten Menschen in Deutschland wachsen behütet auf. Freiheit und Sicherheit sind uns hier, wie in fast keinem anderen Land der Welt, garantiert. Doch so unbeschwert, wie in Deutschland lebt man eben nicht überall. Mit dem Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen soll jedes Jahr am 20.06. auf die Menschen aufmerksam gemacht werden, die ihre Heimat wegen Krieg und humanitären Krisen verlassen. 

Steigende Zahl von Geflüchteten

Heute ist dieser Aktionstag wichtiger denn je. Die Zahlen von Geflüchteten sind so hoch, wie lange nicht mehr. Ende 2017 waren insgesamt 68,5 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Noch vor zehn Jahren waren es 37,5 Millionen. Die meisten Geflüchteten sind zwar Binnenflüchtlinge oder fliehen in benachbarte Länder von Krisenregionen. Doch spätestens seit 2015 bekommt auch Europa das Elend der Geflüchteten hautnah zu spüren. 

Interview mit einem Geflüchteten aus dem Irak

Eines der Länder, aus dem Menschen fliehen, ist der Irak. Das Land hat eine lange Geschichte, geprägt von Gewalt und humanitären Krisen. Zuletzt zwang die Besetzung durch den Islamischen Staat im Westen und Norden des Landes Hunderttausende zur Flucht. Einer von ihnen war Abd Alsattar Altaee. Der junge Iraker floh mit sechzehn Jahren alleine vor dem IS. Er ließ dabei alles, was er kannte, zurück. Seit 2015 ist er nun in Deutschland. Und meint, er ist angekommen. 

bonnFM hatte die Chance mit Abd Alsattar Altaee ein Interview zu führen. Er hat uns erzählt, warum er den Irak verlassen hat, wie die Flucht bis nach Deutschland verlief und wie er heute in Deutschland lebt. Er erzählt eine Geschichte von einem traurigen Schicksal und eine Geschichte von gelungener Integration. 

Die Flucht vor dem Islamischen Staat

Als Abd Alsattar Altaee sechzehn Jahre alt war ging er in der nordirakischen Stadt Mossul zur Schule. Seine Familie lebte in einem Dorf 30 km außerhalb der Stadt. Doch dann nahm der IS die Stadt ein und Sattar war von heute auf morgen von seiner Familie abgeschnitten. Eineinhalb Monate lang versuchte er zu ihnen zurückzukehren. Aber der Weg war ihm versperrt. In dieser Zeit kamen Kämpfer des IS immer wieder in seine Schule, um die Jugendlichen zu rekrutieren. Abd Alsattar Altaee hat uns erzählt, er stand vor der Wahl: entweder dem IS beitreten oder von ihnen getötet werden. Doch unterstützen wollte er die Besetzer nicht. Sein Ausweg war die Flucht. Er ließ seine Familie, seine Freunde und seine Heimat hinter sich. Ohne zu wissen, ob es seiner Familie gut geht und ob er sie je wiedersehen würde, verließ er den Irak. Sein erspartes Geld, mit dem er einen Führerschein und ein Auto bezahlen wollte, musste er nun in die Flucht investieren. Das Ende seiner Reise war ungewiss, doch seine Entscheidung alternativlos. Über Kontakte und Freunde lernte er Schleuser kennen, die ihn in die Türkei bringen sollten. 

Von Syrien über die Türkei nach Deutschland

Der erste Stopp auf Sattars Fluchtroute war die syrische Stadt Aleppo. Auch Aleppo war zu diesem Zeitpunkt vom Krieg gezeichnet. Laut Sattar war die Situation dort schlimmer als in Mossul: „Was ich in Mossul erlebt habe, das ist noch nichts (im Vergleich zu dem) was ich in Aleppo gesehen habe“. Er wollte von dort unbedingt weg, wenn es sein musste sogar lieber zurück in den Irak. Doch er hatte Glück, dass es nach zwei Nächten im zerstörten Aleppo für ihn weiter in die Türkei ging. Dort sollte er ein ganzes Jahr bleiben, untergebracht in einer Minderjährigenunterkunft. Weil Sattar in der Türkei aber keine Zukunft für sich sah und nicht zur Schule gehen konnte, beschloss er aus der Unterkunft abzuhauen, um arbeiten zu gehen und anschließend weiter nach Europa zu fliehen. 

Sein nächstes Ziel war Griechenland, für ihn nur über das Meer zu erreichen. Unter Versprechungen der Schleuser die Überfahrt würde nur eine halbe Stunde dauern, willigte er ein, die unsichere Überfahrt auf sich zu nehmen. Alles sei besser als die Türkei. Aus der versprochenen halben Stunde wurden am Ende vier Stunden. Mit 67 Menschen, darunter 17 Kinder, und vier Schlauchbooten machten sie sich um vier Uhr morgens auf den gefährlichen Weg. Den Anblick, der ihn erwarten würde als die Sonne aufging, würde er nie wieder vergessen. Aus vier Schlauchbooten wurden zwei. Um sie herum sah man nur noch die Leichen der Menschen, deren Boote untergegangen waren. „Ich habe gedacht, ich komme hier nicht raus“. Doch er kam raus. Sie wurden von den griechischen Behörden aufgegriffen und erreichten endlich Europa. 

Von dort aus ging es zu Fuß weiter bis nach Deutschland. Als er am 15. August 2015 in Passau ankam war Sattar am Ende seiner Kräfte. Er erreichte Deutschland überanstrengt, mit verwundeten Füßen und ohne Geld. Sein ursprüngliches Ziel England war in weite Ferne gerückt. Ein Cousin, der dort lebt, sollte ihm helfen sein neues Leben aufzubauen. Doch in Deutschland angekommen, war er auf sich alleine gestellt und begann sein neues Leben selbstständig zu gestalten. 

Sattars neues Leben in Deutschland

Sattar sagt, seine Fluchtgeschichte hat sein neues Leben geprägt. Er war ein Kind, als er seine Heimat verlies, und musste auf dem Weg ein Mann werden. Er fühlt sich nun stärker als zuvor und motiviert sein eigenes Leben in die Hand zu nehmen. Heute engagiert sich Sattar bei den Maltesern, bei der Freiwilligen Feuerwehr und bei Amnesty International. Außerdem hat er bei einem deutschen Betrieb mittlerweile eine Vorausbildung aufgenommen und wird dort bald eine richtige Ausbildung machen. Sattar hat hier inzwischen einen festen Freundeskreis und scheint angekommen zu sein. Als Vorzeigebeispiel für gelungene Integration, hält er Vorträge und macht auf die Lage Geflüchteter aufmerksam. Er möchte den Deutschen so ein besseres Verständnis dafür vermitteln und anderen Geflüchteten helfen. 

Er schätzt an Deutschland besonders, dass er hier sicher und frei leben kann. Er hat das Gefühl, in Deutschland kann jeder machen, was er möchte, ohne von anderen verurteilt zu werden. Das gebe es in seiner Heimat nicht. So kann er sich auch nicht vorstellen, irgendwann wieder im Irak zu leben. Sein Zuhause sei die ganze Welt, denn inzwischen sei er es gewohnt, frei zu sein. 

Der Irak – die zurückgelassene Heimat 

Als Sattar floh, musste er seine Eltern, sechs Schwestern und zwei Brüder zurücklassen. Weil er nicht mehr minderjährig ist, kann er seine Familie aber nicht nach Deutschland nachholen. Zwar hat sich die Situation im Irak seit der Besetzung des Islamischen Staates verbessert, aber immer noch stehen sich feindliche Milizen gegenüber. Die Schiiten, welche zuvor vom IS verfolgt wurden, verfolgen nun ihrerseits die Sunniten. Ein Ende der Gewalt scheint nicht in Aussicht. Auch Sattars Familie wird von den jetzigen Verhältnissen im Irak beeinträchtigt. Sein Bruder, ein sunnitischer Araber wurde von schiitischen Milizen verhaftet und sitzt nun seit August 2017, genau wie insgesamt 30 Männer aus seinem Dorf, im Gefängnis. Einen Prozess oder ein rechtskräftiges Urteil haben sie bis heute nicht erhalten. Abd Alsattar Altaee wünscht sich, dass mit den Wahlen, die im Mai stattfanden, sich die Situation im Irak verbessert. 

Sattar zeigt Menschen verlassen ihre Heimat nicht aus einer Laune heraus. Sie lassen ihre Familie, Freunde und alles, was sie kennen, nicht gerne hinter sich, um unter größten Strapazen in eine ungewisse Zukunft zu starten.