Stecknadel im Heuhaufen

Von Alessa Weber

Bild: © Universität Bonn

Alle Semester wieder verschicken die Unis ihre Bescheide. Auch die Universität Bonn. Und alle Semester wieder eröffnen sie damit den Kampf um günstigen Wohnraum. Marie hat das zum Surfer gemacht. Zum Couchsurfer. Während ihrer Wohnungssuche übernachtet sie mal hier mal dort und knüpft erste Kontakte in der neuen Stadt. Grade wohnt sie bei Tim. Die ersehnte eigene Wohnung? Fehlanzeige!

Mitte August lag der langersehnte Brief auf Maries Schreibtisch in Telgte: die Zusage für ihr Jurastudium in Bonn. Raus aus der Kleinstadt, rein in die Traumstadt. Das unbeschwerte Studentenleben genießen, neue Leute kennenlernen, sich nicht mehr permanent mit den Eltern absprechen müssen. Und, natürlich, endlich in die erste eigene Wohnung ziehen. Zwei Tage hat Marie ihre Zusage gefeiert. Dann begann die Wohnungssuche. Das ist jetzt fast vier Wochen her. Seit dem sucht Marie: fast täglich steht sie am schwarzen Brett in Mensa und Hauptgebäude, durchforstet das Internet. Auf ihrem provisorischen Schlafplatz bei Tim stapeln sich die Wochenendausgaben der regionalen Tageszeitungen. Es ist gar nicht so schwer Angebote zu finden. Das Problem ist, dass weder der Preis noch die Leistung stimmen. Ich habe jetzt schon zwölf Wohnungen angeschaut. Von Kellerloch, bis »ich muss das Bett hochklappen um an den Schank zu kommen«, war alles dabei, so das ernüchternde Zwischenfazit.

Von Preisen mit und ohne Leistung

Am liebsten wäre Marie nach Poppelsdorf oder in die Südstadt gezogen. Für Zimmer und kleinere Wohnungen zwischen 10 und 35 m² liegen die Mieten hier bei 15 bis 20 Euro pro Quadratmeter. Kalt. Das ist viel zu teuer. Ich habe ca. 700 Euro im Monat. Wie soll ich da 350 Euro nur für Miete zahlen?, fragt die 18-jährige. Selbst in weniger zentralen Stadtteilen wie Castell oder Tannenbusch liegen die Mieten im Schnitt noch bei 10 Euro/m². WG-Zimmer sind zwar günstiger, aber auch entsprechend stark nachgefragt. Marie hat sich auch für einen Platz im Wohnheim angemeldet. 35 solcher Anlagen gibt es in Bonn mit etwa 3800 günstigen Wohnungen. Das reicht grade mal für etwas mehr als 12 Prozent der eingeschriebenen Studenten. Ich habe mich auch nach alternativen Wohnprojekten umgeschaut. „Wohnen für Hilfe“ zum Beispiel. Aber das steckt in Bonn noch in den Kinderschuhen. Solche Projekte gibt es kaum und wenn, sind alle Plätze bereits vergeben, so Marie.

Zwischenlösung: Schlafen im Trabant

Eigentlich hat Marie noch Glück. Sie hat ein gutes Abitur gemacht und deshalb direkt einen Studienplatz bekommen. Für Nachrücker wird die Situation noch schwieriger. Die Universität Bonn kennt das Problem. Wegen der Wohnungsnot hat sie das Internetportal Zimmer freieingerichtet. Darüber sollen Vermieter und Studenten zusammengeführt werden. Aktuell stehen 56 Wohnungen und WG-Zimmer zur Vermietung an Studenten online. Auf den ersten Blick eine überschaubare Zahl. Aber bei der aktuellen Anspannung auf dem Wohnungsmarkt ist jede zusätzliche Wohnung, die über Zimmer freian einen unserer Studenten vermittelt werden kann ein großer Erfolg, findet Dr. Andreas Archut, Pressesprecher der Universität Bonn. Trotzdem geht es vielen Studienanfängern wie Marie, aber nicht alle können oder wollen couchsurfen. Deshalb werden auch kurzfristige Übergangslösungen benötigt. Die Uni Bonn empfiehlt für die erste Zeit in Hostels und Jugendherbergen zu übernachten, um vor Ort eine langfristige Lösung suchen zu können. Wie schon 2013 gibt es auch in diesem Jahr wieder die Kooperation mit dem Basecamp Hostel in Bonn Gronau. Ein besonderes Ambiente: In T1-Bussen, ausrangierten Schlafwaggons der Bahn oder auch umgebrauten Trabanten kann hier übernachtet werden. Für angehende Studenten werden 80 Schlafmöglichkeiten in den Schlafwaggons bereit gestellt. Für 70 Euro pro Woche inklusive Frühstück und WiFi können Studenten hier vorübergehend unterkommen.

Morgenstund hat Gold im Mund

Am ersten Oktober beginnt offiziell das Semester, inklusive Orientierungswoche. Die vermutlich härteste Zeit im Studium. Gefolgt von der ersten Vorlesung, eine Woche später. Tim hat Marie angeboten, dass sie die erste Woche auch bei ihm wohnen kann. Auf längere Sicht ist sein 20 m²-Zimmer einfach zu klein. Noch bleibt die Hoffnung, dass sie bis dahin etwas eigenes gefunden hat. Dafür nimmt Marie viel in Kauf. Auch, dass ihr Wecker am Samstag schon um 7 Uhr klingelt. Dann kann sie als Erste die aktuelle Tageszeitung am Kiosk abgreifen – und vielleicht ja auch endlich ihre erste eigene Wohnung.

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