Vollbart mit Power – Alex Clare in Köln

Bild: Marlies Klugmann / bonnFM

„And it feels like I am just too close to love you“ Diese Zeile ging 2011 durch alle Köpfe. Schuld an dem Ohrwurm: der Windows Internet Explorer. Genauer gesagt, der Werbespotsong. „Too Close“ verhalf Alex Clare zum Durchbruch. Mit seinem dritten Album „Tail Of Lions“ spielte er nun im Luxor in Köln. bonnFM mischte sich unter die Menge und begegnete rauschenden Vollbärten und spirituellem Soul.

Sonntag, 20 Uhr, Februar, Regen. Ein solcher Abend ist normalerweise für das heimische Sofa bestimmt. Für den gebürtigen Briten sind dies jedoch keine ungewöhnlichen Umstände und so wartete bereits früh ein ausverkauftes Luxor auf Alex Clare. Ein kleiner Club im Herzen der Stadt, der seine Künstler auf eine fast ebenerdige Bühne stellt. Wer rechtzeitig kommt (oder keine Probleme hat, sich vorzudrängeln), kann beinahe selbst zum Mikro greifen.

Mittendrin statt nur dabei

Der lauschigen Stimmung und dem gemischten Konzertangebot verdankte das Luxor wohl auch an diesem Abend ein bunt durchmischtes Publikum. Von jung bis alt, von durchgestylten Hipstern und schmusenden Pärchen, von sekttrinkenden Frauengruppen bis zu grau-melierten Herren – Zielgruppe sind Alle. Während sich der Konzertsaal immer weiter füllte – bald war kaum mehr ein Durchkommen – hörte man hier und da: „Ich kenn‘ eigentlich nur das eine Lied, ich bin mal gespannt was der noch so zu bieten hat“.
Dabei schaffte es Alex Clare nach dem Erfolg von „Too Close“ mit Songs wie „Treading Water“ und „War Rages On“ in die internationalen Charts und auf die Playlists der großen Radiostationen. Sein Sound lässt sich größtenteils beschreiben als eine Mischung aus souliger Stimme und Dubstep-Elementen, die gekonnt den Flow eines Liedes anheben und emotionale Brüche bilden. Teilweise kann dieses Rezept aber auch etwas vorhersehbar wirken. Das im November 2016 veröffentlichte dritte Album „Tail Of Lions“ bietet dementsprechend nur wenige Überraschungen, ganz nach dem Motto: Altbewährtes schmeckt immer. Umso mehr ein Grund auf einen Live-Auftritt des in Jerusalem lebenden Clare gespannt zu sein.

Abwarten und Tee trinken?

Zunächst hieß es jedoch: Rumstehen. Zwei Vorbands, Umbaupausen und Soundchecks verzögerten den Start des eigentlichen Konzerts um beinahe zwei Stunden. Die erste Vorband, Ben Hobbes, spielte poppige Klänge und groovte die Zuhörer langsam auf einen Londoner Sound ein. Die angenehme Stimmung währte jedoch nicht lange. Die zweite Vorband, Luke Quinn, war kaum mehr als eine theatralisch weinerliche Schülerband, gekleidet in Schwarz. Nach einem Set, das dem Zuhörer brutal das Voranschreiten jeder einzelnen Minute bewusst machte, war die Stimmung merklich gedämpft. Fast hatte man schon Mitleid mit Alex Clare, der nun vor einem in den Schlaf geplärrten Publikum starten musste.
Vielleicht erklärt das den „Wumms“, mit dem der Brite schließlich auf die Bühne trat. Ein überraschend rockiger Schlagzeug-Sound präsentierte einen breit grinsenden, überaus sympathisch wirkenden Alex Clare. Mit rötlichem Rauschebart und Tasseln am weißen Hemd, rüttelt der Künstler den Saal aus dem Schlaf. Technisch absolut fein und abgestimmt klangen die Songs wie von der Platte. Mit seiner faszinierenden Stimmlage sang Clare sanft und kraftvoll zugleich. Immer wieder sprang er selbst dabei in die Luft, streckte die Arme und animierte zum Tanzen.

Zum Abschied ein Ständchen

Innerhalb weniger Minuten schaffte es Alex Clare, sich als geerdeter Künstler zu inszenieren. Inmitten der ersten Reihe sang er „Hummingbird“, sprach über seine Frau und Kinder, bat darum das Licht auf das Publikum umzulenken, damit er die Gesichter sehen könne und bezeichnete seinen größten Hit „Too Close“ als Wendepunkt in seinem Leben, den er nun teilen wolle. Obwohl der Sound größtenteils rockig und tanzbar war, kamen in dem kleinen Luxor spätestens bei der ausgedehnten, akustischen Zugabe Lagerfeuergefühle auf. So in den Abend entlassen, schien das Publikum äußerst zufrieden, dem grauen Februarabend eine Chance gegeben zu haben.

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