„Wir kämpfen für mehr Sichtbarkeit und bessere Infrastruktur“ – Critical Mass Bonn im Interview

Im Rahmen unserer Fahrrad-Sondersendung war Yannick von Critical Mass Bonn bei uns im Studio. Er hat mit uns über Teilnehmerzahlen, Organisation und Konflikte mit anderen Verkehrsteilnehmern gesprochen.

bonnFM: Du bist Teilnehmer der Fahrradaktion Critical Mass, man kann dich jeden letzten Freitag im Monat gemeinsam mit ganz vielen anderen Fahrradfahrern durch Bonn fahren sehen. Du kannst uns aber bestimmt viel besser erklären, was es eigentlich mit der Critical Mass auf sich hat: Wie kam es denn zur ersten Critical Mass, nicht nur in Bonn sondern generell?

Yannick: Die erste Critical Mass fand 1992 in San Francisco statt, aus denselben Gründen wie auch heute noch: Fahrradfahrer wollten gerne im Straßenverkehr gesehen werden, wie Autos wahrgenommen werden und auch eine entsprechende Infrastruktur haben. Ähnliche Veranstaltungen gab es auch vorher schon, zum Beispiel in Stockholm seit den 1970er Jahren. Die hießen allerdings nicht Critical Mass, sondern waren einfach so lose Verbände, die sich für mehr Aufmerksamkeit im Straßenverkehr eingesetzt haben.

bonnFM: Das klingt nach vielen Städten, wie sieht es in Bonn aus? In Bonn fuhr die erste Critical Mass im Jahr 2012, weißt du denn wie es dazu kam?

Yannick: Leute haben sich verabredet, weil sie gedacht haben, hier in unserer Stadt läuft etwas nicht ganz richtig mit der Infrastruktur oder mit der Wahrnehmbarkeit der Fahrradfahrer im Straßenverkehr. Dann haben sie sich angefangen zu verabreden, immer am letzten Freitag im Monat. Am Anfang waren es um die 50 Teilnehmer, also noch nicht die große Masse, aber immerhin.

bonnFM: Gibt es denn die Critical Mass inzwischen in fast allen großen Städten oder nur in einigen?

Yannick: Jetzt von Deutschland gesprochen, gibt es in fast allen großen Städten eine Critical Mass. Berlin, Hamburg, Köln… Aber auch in kleineren Städten wie Wuppertal oder Siegburg. Ich war in Köln dabei, hier in Bonn und auch einmal in Siegburg. In allen Städten wo es noch keine Critical Mass gibt, wird das aber mit Sicherheit irgendwann noch kommen.

 „Die Verantwortlichen in Bonn werden reagieren“

bonnFM: Du hast jetzt viele Städte genannt, wo du auch schon warst. Wieviele Teilnehmer gibt es in Bonn und wie ist das im Vergleich zu den anderen Städten?

Yannick: In Köln fahren manchmal bis zu 1000 Leute mit, in Siegburg sind sie gerade bei 50 bis 100, die gibt es aber auch erst seit einigen Monaten. Ich habe mal ein paar Zahlen zu unserer Bonner Critical Mass: ich bin seit knapp zwei Jahren dabei und wir waren zum Beispiel im September 2016 85 Leute. Im Juli 2017 waren wir dann schon 280 Leute. Im April dieses Jahres hatten wir die bisher größte Critical Mass mit 766. Es gab auch im Mai das Franziskanerstraßenfest, dass wir mit der Critical Mass mitorganisiert haben und seitdem sind die Zahlen schon sehr stabil weit oben. Wir waren die letzten Monate immer mehr als 500 Leute und so im Jahresschnitt 250. Das liegt natürlich daran, dass es im Winter auch Critical Masses mit nur 30 Leuten gibt.

bonnFM: Glaubst du denn, damit etwas erreichen zu können? Würdest du sagen, der Aufwand den ihr betreibt lohnt sich im Vergleich zu dem was ihr damit erreicht?

Yannick: Auf jeden Fall. Gerade nach den Zahlen sieht man hier in Bonn, dass es sich auch lohnt Werbung dafür zu machen. Wir haben eine Organisationscrew, wir machen ein bisschen Werbung für die Critical Mass mit Flyern und informieren die Leute darüber, dass sie kommen können und zum Beispiel Freunde mitbringen. Anhand der steigenden Zahlen sieht man natürlich, dass sich der Aufwand lohnt. Und ich denke, wenn es so weitergeht, werden auch die verkehrsverantwortlichen Leute hier in Bonn darauf reagieren.

bonnFM: Wer darf denn überhaupt alles mitmachen bei euch? Auf eurer Homepage steht „nicht motorisierte Fahrräder“, ist dann in dem Bereich wirklich alles erlaubt?

Yannick: Den Begriff „nicht motorisierte Fahrräder“ sollten wir möglichst bald von dort streichen, denn natürlich dürfen auch E-Bikes mitfahren. Alle dürfen mitfahren: jeder, der ein Fahrrad hat und im Stande ist damit zu fahren – im Winter auch gerne mit Beleuchtung. Wir hatten auch schonmal Inlineskater oder Longboarder mit dabei. Ansonsten natürlich Rikschas, Lastenräder, Liegeräder usw.

„Wir haben bewusst keine Organisationsstruktur“

bonnFM: Das klingt nach einer ganz schönen Masse an Leuten, die da zusammenkommen kann. Es gibt keine offiziellen Organisatoren oder Veranstalter, warum ist das so?

Yannick: Wenn wir eine Organisation hätten oder eine Veranstaltung anmelden müssten, wäre es wie eine Demonstration. Dafür müsste man dann eine Route vorgeben, wo wir lang fahren. Das machen wir bei der Critical Mass aber gerade nicht. Sondern derjenige der vorfährt sagt, wo es lang geht: wenn jemand sagt ich möchte da vorne links abbiegen, dann biegen alle da vorne links ab. Das geht natürlich nicht, wenn wir eine Route vorgeben. Wenn wir eine Route haben, dann müsste man eventuell Polizeibegleitung haben, eine Absperrung haben, möglicherweise am Zielort noch Toiletten aufstellen… Das wäre natürlich jeden Monat ein riesiger Veranstaltungsaufwand und das möchten wir nicht. Das widerspricht auch den inoffiziellen Grundregeln einer Critical Mass, dass man zu viel Organisation in die Sache reinbringt.

bonnFM: Du bist also kein Organisator, aber du betreibst die Facebook-Seite. Wie lange bist du denn schon dafür zuständig und wie kam es dazu?

Yannick: Ich bin ungefähr seit einem Jahr zuständig, wir sind jetzt drei Admins und haben die Facebook-Seite von jemand anderem übernommen, das wurde jetzt schon zweimal weitergereicht. Wir bekommen Fotos zugeschickt, drucken Flyer, um zum Beispiel Passanten aufzuklären oder verteilen Aufkleber, damit die Leute sich diese an die Fahrräder kleben können. Also wir informieren und dokumentieren, aber wir organisieren eben nicht. Wir schicken auch Rundmails und erinnern die Leute daran, dass es nächsten Monat wieder eine Critical Mass geben könnte.

bonnFM: Es gibt also doch sehr viele organisatorische Aufgaben. Kann man denn als normaler Teilnehmer auch Organisationsaufgaben übernehmen?

Yannick: Das kann man, das ist auch sehr erwünscht. Wir verteilen zum Beispiel Flyer, damit die Teilnehmer die wiederum an Passanten verteilen können. Oder man kann „korken“. Das erkläre ich kurz: wenn wir als Critical Mass durch die Stadt fahren, müssen wir natürlich gucken, dass von den Seitenstraßen nicht zu viele Autofahrer oder andere Verkehrsteilnehmer in unseren Verband reinfahren. Dann muss man sich schon einmal davor stellen und so eine Art Sperre bilden. Das nennt man dann „korken“ und das sollte auch jeder Teilnehmer mal gemacht haben, man kriegt dann auch ein Dankeschön von den anderen Teilnehmern.

 „Konflikte mit Autofahrern bleiben nicht aus“

bonnFM: Eure nächste Tour ist am 31. August, mit wievielen Mitfahrern rechnest du etwa?

Yannick: Ich gehe mal von mindestens 250-350 Personen aus, es könnten aber auch 400 oder mehr werden. Das kommt auf das Wetter an: wenn es regnet, gehen die Zahlen natürlich ganz schnell in den Keller. Außerdem ist auch noch Ferienzeit. 200 Leute werden es aber auf jeden Fall sein.

bonnFM: Das klingt nach einer wirklich großen Masse. Euer Motto lautet „We are not blocking the traffic. We are the traffic.“ Gibt es negative Erfahrungen mit anderen Verkehrsteilnehmern, wenn ihr in dieser großen Masse fahrt?

Yannick: Ganz sicher. Wie bereits erwähnt, muss man ab und zu mal „korken“, weil es eben andere Verkehrsteilnehmer – meistens Autofahrer – gibt, die in den Verband hinein wollen um ihn zum Beispiel zu durchqueren. Das wollen wir nicht und das müssen wir auch nicht zulassen, deshalb „korken“ wir ab und zu. Da kommt es natürlich bei ungeduldigen Menschen auch zu Konflikten, es gab sogar schon Handgreiflichkeiten mit Autofahrern, die warten mussten und nicht wollten. Im Prinzip versuchen wir aber, den Verkehr nicht zu blockieren, sondern zu zeigen, dass wir Teil des Verkehrs sind. Die Autos auf der Autobahn verabreden sich ja auch nicht, sondern sind eben einfach alle da.

bonnFM: Jetzt hast du gerade schon gesagt, dass einige Fahrzeuge versuchen in euren Verband reinzufahren oder durchzufahren. Wenn die Leute im Auto ungeduldig sind, geht das bestimmt nicht immer ganz glimpflich ab. Gab es schon Zusammenstöße?

Yannick: Ja, ich bin auch selbst schon von Autofahrern angefahren bzw. kurz angetitscht worden. Das war nur keine besonders kluge Idee, weil ich ja mehr als 100 potentielle Zeugen dabei habe. Ich habe mir dann zwei Zeugen gesucht und den Autofahrer angezeigt, er hat dann auch eine Strafe bekommen dafür. Dieses Verhalten gibt es also durchaus, es macht nur keinen Sinn. Es ist einfach besser abzuwarten und alle vorbeifahren zu lassen, um dann seinen eigenen Wege zu fahren.

bonnFM: Viel Erfolg für die nächste Tour und vielen Dank für das Interview!