Von Baumhäusern und Urlaubssperren – ein Tag im Hambacher Forst

Im Hambacher Forst findet zur Zeit einer der größten Polizeieinsätze NRWs statt. Dort kämpfen Aktivisten für den Erhalt vom “Hambi”. bonnFM war für euch einen Tag im momentan bekanntesten Wald Deutschlands unterwegs.

In den letzten Tagen fanden zahlreiche Demonstrationen und Waldspaziergänge in und um den Hambacher Forst herum statt. Fast täglich liest man Berichte in den Medien, die neue Meldungen über die Geschehnisse im Wald haben. Drei bonnFM-Reporter waren am Sonntag, den 16.09., vor Ort, als hunderte von Demonstranten die Polizeiblockade durchbrachen und in den Wald gelangten.

“Hambi bleibt!”

Bereits am Bahnsteig in Buir wird klar, wie viele Menschen an diesem Tag für den Stopp der Rodungen demonstrieren wollen. Die Teilnehmer sind bunt durchmischt, viele Eltern haben ihre Kinder mitgebracht und Senioren laufen neben jungen Studenten. Auf Transparenten fordern sie alle den schnellen Kohleausstieg, eine klimafreundliche Politik und vor allem, dass “Hambi bleibt!”. Laut Polizei nahmen rund 4.000 Menschen an den Demonstrationen teil, der Veranstalter spricht sogar von 7.000.

Während die Demonstration loszieht, machen wir uns auf den Weg in den Hambacher Forst. Als Pressevertreter haben wir dazu die Möglichkeit, den Demonstranten ist der Zugang zum Wald nicht gestattet. Wir begutachten eines der bisher geräumten Baumhäuser, das rund 10 Meter über uns hängt. Eine Hebebühne und ein Bagger stehen für die nun anstehenden Abriss-Arbeiten bereit.

Demonstranten durchbrechen die Blockaden

Währenddessen, ein paar hundert Meter von uns entfernt: Einige Demonstranten durchbrechen die Polizeiblockade und laufen in den Wald. Nicht nur eine Lücke hat sich gebildet, gleich an mehreren Stellen gelangen Demonstranten unerlaubt in den Wald. Letztendlich schaffen es rund 200 bis 300 Demonstranten hinein. In Gruppen ziehen sie durch das Gebiet, rufen lautstark “Hambi bleibt!” und stellen sich selbstbewusst der Polizei gegenüber. “Wir sind friedlich, was seid ihr?”, ertönt es im Chor. Die Beamten bleiben in dieser Situation ruhig und vergrößern als erste Reaktion das Sperrgebiet rund um die geräumten Baumhäuser. Einige lassen ihre Schlagstöcke bedrohlich vor den Demonstranten kreisen, zu einer Eskalation kommt es jedoch nicht. Das ist an dieser Stelle wohl beiden Seiten zu verdanken, denn sowohl die Demonstranten, als auch die Polizei bleiben friedlich und verzichten auf Gewalt.

Wir ziehen weiter und kommen irgendwann in Gallien an, eins der größeren Baumhausdörfer. Auch hier haben sich mittlerweile viele der Demonstranten eingefunden und werden von den Aktivisten auf den Baumhäusern mit Jubeln und Winken begrüßt. Man freut sich über den Besuch, schnell kommen Aktivisten und Demonstranten ins Gespräch. Ein junger Mann erzählt, dass er seit vier Tagen das Baumhaus aus Angst vor der Polizei und der damit einhergehenden Verhaftung nicht mehr verlassen hat. Ein anderer ist sich sicher: “Wir werden als nächstes geräumt”. Doch die Aktivisten wirken keineswegs verängstigt oder besorgt. Es wird viel gelacht, die Stimmung ist ausgelassen, aber vor allem auch eins: entschlossen. Hier ist jeder davon überzeugt, das Richtige zu tun, auf der richtigen Seite zu stehen und die Hunderten von Demonstranten, die an diesem Tag in den Wald gekommen sind, bestätigen ihnen dieses Gefühl.

Das Gefühl von Gemeinschaft

Angeleitet von den Aktivisten, fangen Demonstranten damit an, Barrikaden zu erbauen. Immer mehr Menschen durchsuchen den Wald nach heruntergefallenen Ästen oder Baumstämmen und tragen die stetig wachsenden Haufen zusammen. Solche Barrikaden sind einfach zu errichten, behindern aber die Arbeit der Polizei sehr effektiv und verschaffen den Aktivisten so mehr Zeit. Teilweise tragen Gruppen von 10 bis 20 Personen riesige Baumstämme quer durch den Wald. Das sind fremde Menschen, die sich vorher nie gesehen haben – hier im Hambacher Forst wachsen sie zu einer Einheit zusammen. Die Stimmung ist ansteckend, das gemeinsame Ziel vereint. Von den Baumhäusern aus jubeln die Baumbesetzer: “Ihr seid scheiße geil”.

Größter Polizeieinsatz NRWs

Die Polizei zeigt bei solchen Aktionen keine Präsenz. Die Beamten konzentrieren sich scheinbar darauf, die bereits geräumten Baumhäuser abzusperren und zumindest diese Blockaden lückenlos zu lassen. Für die Polizei ist der Hambacher Forst ein Großeinsatz, Medien sprechen von einem der größten Polizeieinsätze in der Geschichte NRWs. Manche der Beamten sind bereits seit Jahren hier im Einsatz. Jetzt, wo die Rodung kurz bevorsteht, wurde für alle Polizisten eine Urlaubssperre bis zum 23. Dezember verhängt. Überstunden gehören bei so einem Großeinsatz dazu, viele sind mit Sicherheit müde und überarbeitet. Aber sie bleiben ruhig. Manche Demonstranten berichten von Pfefferspray und aggressivem Verhalten seitens der Polizei, doch ernsthafte Verletzte gibt es an diesem Sonntag nicht. Stattdessen sieht man immer wieder, wie Demonstranten und Polizisten miteinander reden. In solchen Momenten stehen Demonstranten den teils schwer bewaffneten Beamten gegenüber und erklären: “Wir wollen doch nur diesen Wald schützen. Was ist daran falsch?”.

Eine Frau fragt einen Beamten: “Was sagt Ihre Familie dazu, dass Sie hier sind? Finden die das richtig?”. Die Demonstranten sehen die Polizisten in einem Gewissenskonflikt und sind davon überzeugt, dass einige Beamten lieber auf der anderen Seite stehen würden. Auf solche Fragen reagieren die Polizisten wiederum sehr professionell und betonen, dass sie lediglich ihren Job ausführen.

Mehr als nur ein Wald

Spricht man an diesem Tag mit Demonstranten oder Aktivisten, sagen viele das Gleiche: “Es geht nicht nur um Hambi”. Der Hambacher Forst ist mittlerweile international zu einem Symbol für den Kohlestopp, für Umweltaktivismus und für eine grünere Zukunft geworden. Dass sich so viele Menschen für den Erhalt des Waldes einsetzen, demonstrieren und ihre Stimme nutzen, gibt Hoffnung auf eine Zukunft, in der der Klimaschutz keine Nebenrolle mehr spielt. Hier vor Ort wird deutlich, wie wichtig einem großen Teil der Bevölkerung eine grüne Wende ist.

Doch der Hambacher Forst steht auch für alternative Lebensstile und eine neue Art des Zusammenlebens. Er wirft die Frage auf, wieso die Interessen eines Großkonzerns über den Wünschen von Tausenden Bürgern stehen und führt vor Augen, wie der Mensch die Erde Stück für Stück zerstört. Der Wald fordert uns heraus, aktiv zu werden und nicht alles einfach so hinzunehmen. Und genau das passiert momentan, 50 Kilometer Luftlinie entfernt von Bonn. Bei all der Politikverdrossenheit in diesem Land, an diesen Tagen wird im Hambacher Forst Demokratie gelebt.

Seitdem wir an diesem Sonntag im Hambacher Forst waren, ist viel passiert. Ein Journalist ist durch einen tragischen Unfall im Wald ums Leben gekommen, was kurzzeitig zu einem Stopp der Räumungsarbeiten geführt hat. Mittlerweile wurden die Arbeiten aber wieder aufgenommen (Stand: 24.09.2018).