Gruftis erobern Leipzig

Trotz unerbittlicher Hitze trafen sich schon zum 23. Mal etwa 21.000 schwarze Gestalten in Leipzig. Grund für diese Zusammenkunft war das diesjährige WGT, das Wave-Gotik-Treffen. Die Leipziger sind es inzwischen gewöhnt, dass jedes Jahr am Pfingstwochenende die Stadt geradezu belagert wird von ausgefallen gekleideten Menschen. Doch was passiert da eigentlich genau? Ist das einfach nur ein Musikfestival oder geht es doch um mehr? Der 0815-Tourist, der ausgerechnet zu dieser Zeit die Stadt Leipzig besucht wird sicherlich sehr irritiert sein und die Menschen fragen, was dort eigentlich los wird. 

Was macht ihr hier eigentlich?

Gefragt wird meist, was denn überhaupt los ist. Das ist schnell erklärt: Es handelt sich hier um ein Musik- und Kulturfestival der düsteren Art. Ratlose Blicke folgen auf diese Erklärung. Wenn ich dann einige Bands aufzähle, die über die ganze Stadt verteilt an verschiedenen Locations spielen, wird das Fragezeichen im Gesicht den Neugierigen noch größer. Was sind das denn für Bands? Nun ja, es handelt sich hier um ganz unterschiedliche Bands, die aber alle der „Schwarzen Szene“ zugeordnet werden können. Dazu zählen unter anderem die Genres Wave, Electro, Metal, Gothic und Mittelalter(rock). Natürlich gibt es noch einige mehr, aber inzwischen ist es ziemlich schwierig, die Bands einem festen Genre zuzuordnen, da die Musik immer von unterschiedlichen Einflüssen geprägt ist. Die diesjährigen Bands, die auch „Nicht-Grufties“ kennen könnten, sind: Primordial, Front Line Assembly, Umbra et Imago, Oomph!, Equilibrium, Varg, Anne Clark, Satyricon, The Klinik, White Lies und Tarja, die ehemalige Sängerin von Nightwish. Insgesamt waren knapp 250 Künstler mit dabei.

Was wollt ihr mit eurer Kleidung ausdrücken?

Jedes Jahr zum WGT sind gefühlt die Hälfte der Besucher Fotografen. Das ist auch kein Wunder, schließlich artet dieses Festival immer mehr zur alternativen Modenschau aus.  Die Hälfte aller Frauen hat sich schon Tage zuvor alle Outfits – für jeden der vier Tage – gut überlegt, zum Teil sogar selbst geschneidert. Auch die Männer sind oft sehr ausgefallen und aufwendig gekleidet. Generell kann man den Stil der Bekleidung nicht beschreiben, denn jeder sieht anders aus, auch wenn das bei dem vielen Schwarz vielleicht zunächst nicht zu verstehen ist. Da gibt es den Metaller, der mit Nieten und in Kutte herum läuft, aber auch die schneeweiße Vampirin. Steampunk ist derzeit sehr beliebt, aber auch Mittelalterfans und LARP (Live Action Role Play)-Krieger sind mit dabei. Was viele Menschen etwas befremdlich finden, sind die Menschen in Lack und Leder, die bisweilen sehr extrem gekleidet sind. Natürlich gibt es aber auch den Normalo mit Bandshirt. Aber schaut euch doch lieber selbst die Fotos an, denn jeder Besucher sieht anders aus.

Aber was soll die ganze Modenschau eigentlich? Was wollt ihr mit eurer Kleidung ausdrücken? Diese Fragen tauchen immer wieder auf, sind aber gar nicht zu beantworten, denn jeder will etwas anderes. Manche wollen auffallen, anderen gefällt es einfach. Natürlich gibt es auch Grufties, die eine Message vermitteln wollen, aber die müsst ihr dann wohl einfach mal selbst fragen. Immerhin beißen wir nicht. Meistens jedenfalls.

Was vielen Besuchern des WGT sicherlich sehr entgegen kommt ist, dass sie endlich mal herum laufen können, wie es ihnen gefällt. Ohne schräge Blicke oder gar Beschimpfungen. Die gibt es nämlich häufiger als ihr vielleicht denkt! Würde ich in Lederkorsett barfuß durch Bonn laufen, dann würde ich mich nicht so wohl fühlen, wie auf dem WGT, wo ich in dieser Bekleidung vielleicht fotografiert werde, aber auf keinen Fall negativ auffalle.

Kultur und Grufties passen nicht zusammen?

Das kulturelle Angebot des WGT ist ziemlich groß. Neben den vielen Bands gibt es noch einige Chöre und Orchester, die man sich anhören kann. Außerdem sind viele Museen für die Besucher zugänglich und bieten zusätzliche, thematisch abgestimmte Führungen und Vorträge an. Auch Kinos, Theater, die Oper und andere kulturelle Einrichtungen bieten verschiedene Veranstaltungen an. So kommt es dann auch zustande, dass im Völkerschlachtdenkmal viele schwarze Menschen sitzen und einer Interpretation des Herr der Ringe-Soundtracks lauschen. Leider muss ich sagen, dass zwar die Posaune super passte, dafür die Orgel meiner Meinung nach nichts in Mittelerde zu suchen hatte. Aber Kunst ist ja nun einmal Geschmacksache. Ebenso wie ein Spaziergang über den Südfriedhof, der sich dafür sehr lohnt. Der Friedhof liegt direkt hinter dem Völkerschlachtdenkmal und bietet neben wunderschönen Schattenplätzen einige sehr alte Grabsteine, Mausuleen, die Trauerhallen, einen schönen See und ist der perfekte Ort für eine Ruhepause. Um nun endlich mit allen Vorurteilen aufzuräumen: Nein, ich hatte keinen Sex auf dem Altar oder Grabstein. Ich benehme mich dem Ort entsprechend und genieße die Ruhe dort. Und das tut auch der mit Kunstblut überströmte Kerl, der da hinten dem Chor in der Trauerhalle lauscht. Auch Zombies brauchen Kultur.

Vielseitiges Programm

Ein Tag auf dem WGT kann in einem Zelt beginnen oder im Hotel. Danach shoppen in der agra-Halle, ein Besuch auf dem Heidnischen Dorf, einem Mittelaltermarkt und dann geht es erst richtig los. Während des ganzen Festivals kann man die Straßenbahn benutzen und kommt ziemlich herum in der Stadt. Empfehlen kann ich den Vortrag von Dr. Mark Benecke im Schauspielhaus. Der Kriminalbiologe berichtet so anschaulich von seiner Arbeit mit Leichen und Käfern, dass ich mich frage, ob ich nicht noch den Studiengang wechseln soll. Spätestens beim Vortrag  über Magie und Zauberei bei den Germanen merke ich jedoch, dass ich mit Germanistik doch nicht ganz so falsch bin. Ein weiteres Highlight war für mich die Band Hamferd, von den Färöer Inseln. Unglaublich emotionaler Doom-Metal mit hochkarätigem Gesang, der unter die Haut geht! Zu Gregor Seyffert’s „Wagner Reloaded“ mit Apocalyptica hätte ich gerne auch noch etwas sagen können, doch trotz langem Anstehen passten scheinbar nur sehr wenig Besucher in die Arena Leipzig. Das ist auch so etwas, dass man als WGT-Besucher wissen muss: Überall früh da sein.

Ihr seht, Grufties stehen nicht erst am Nachmittag aus dem Sarg auf und dröhnen sich mit depressiver Musik zu. Klar, solche gibt es sicher auch, aber auch unter den schwarz gekleideten Menschen gibt es sehr unterschiedliche Charaktere. Manche nutzen hauptsächlich das Konzert-Angebot. Andere machen lieber ein Picknick in viktorianischen Gewändern. Jeder findet hier seine Nische. Hier gilt das Motto: Tu was du willst aber schade Niemandem.

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