Jazzomorphose

Bild: Lutz Voigtlaender

Das diesjährige „Jazzfest Bonn“ hat Vielfalt versprochen – und hält es auch. Vom 12. bis zum 27. Mai treten international renommierte und nationale Jazzmusiker auf den verschiedensten Bühnen in Bonn auf. Dabei stellt wird Jazz in den unterschiedlichsten Formen vorgestellt. bonnFM war am 18. und 19. Mai dabei und fasst die Eindrücke zusammen.

Die Auswahl an möglichen Eindrücken fällt großzügig aus. Mit insgesamt 23 Acts lockt Bonn nicht nur die Jazz-Liebhaber an. Auch die Kamera- und Audioteams der Deutschen Welle, des WDR und des Deutschlandfunks sind hier gern gesehene Gäste. Ob in dem edlen Setting des Post Tower oder in der gemütlichen Brotfabrik – es sind Momente, die eingefangen werden müssen.

John Pattitucci Quartet

Bild: WPR Schnabel

Bild: WPR Schnabel

Die Form der Doppelkonzerte hat sich schon in den letzten Jahren bewährt und wurde beibehalten. Im Post Tower stellt als erstes der US-amerikanische Bassist John Pattitucci sein Album „Brooklyn“ vor. Mit seinem Quartett (Adam Rogers und Steve Cardenas an den Gitarren, Nate Smith an den Drums) will er die Zuhörer in das Brooklyn der 60er Jahre zurückversetzen, in dem er aufgewachsen ist. B.B. King, Stevie Wonder und Thelonious Monk – dies sind die Einflüsse, die in sein Programm einfließen. Eine Mischung aus eingängigem Blues und komplexerem Jazz.
Die meisten kennen den Bass wohl als Hintergrundinstrument, das eine wichtige, aber dennoch zurückhaltende Rolle spielt. Pattitucci gibt sich aber nicht nur mit Walking-Bass-Lines zufrieden: der 57- Jährige zeigt, dass sich das E-Bass auch als filigranes Solo-Instrument eignet. Ganz ohne Begleitung und mit Feingefühl spielt er das Intro von Monks „Ugly Beauty“.

Viktoria Tolstoy Quartet

Bild: WPR Schnabel

Bild: WPR Schnabel

Der Abend gestaltet sich weiter international: Die Schwedin Viktoria Tolstoy, Ur-Ur-Enkelin des russischen Schriftsteller Leo Tolstoy, gilt als eines der großen Talente des Jazzgesangs. Obwohl sie keine besondere Gesangsausbildung genossen hat, beherrscht sie die typische Female-Jazz-Stimme perfekt. Sie präsentiert ihr Stimmvermögen und hat weder in den hohen, noch in den tiefen Lagen Schwierigkeiten.
Passend zum Titel ihres neuen Albums „Meet Me At The Movies“, interpretiert das Tolstoy Quartet eine Auswahl an Film-Soundtracks neu. Mit Klassikern wie „As Time Goes By“ aus Casablanca, oder auch einer etwas schnelleren Version von Seals „Kiss From A Rose“ aus dem Batman-Film, sorgt das Ensemble für Stimmung.
Allerdings stellt dich die Frage, ob die Form des Doppelkonzerts in dieser Kombination von Vorteil ist. Im Gegensatz zu John Pattitucci, in dessen Programm auch Improvisationsanteile sind, hat das Viktoria Tolstoy Quartet eher Coverband-Charakter (wenn auch auf sehr hohem Niveau). Der Überraschungseffekt bleibt aus.

DRA

Bild: © Walter Schnabel

Bild: © Walter Schnabel

#100, #102, #98, #99, #153, #77 – bei DRA läuft die Namensgebung der Stücke nach chronologischer Reihenfolge des Entstehens ab, ganz pragmatisch und simpel. Alles andere als simpel verhält es sich mit der Musik an sich. Seit fast 20 Jahren testet das deutsche Trio rund um den Vibraphonisten Christopher Dell (mit Christian Ramond am Kontrabass und Felix Astor am Schlagzeug) nach eigener Aussage die „Grenzen des Machbaren“. Allein das beweist schon, dass Jazz nicht immer aus groovigen, gut harmonierenden Akkordfolgen besteht. Ganz im Gegenteil: Der Großteil des Auftritts – Improvisation.
Das Werk entwickelt sich aus sich selbst heraus – auf der Bühne – und wird so immer anders klingen. Krasse Tempiwechsel, ein hoher Anteil an Dissonanzen, die sich unerwartet in Momente der Konsonanz morphen. Zugegebenermaßen muss man sich als Zuhörer erst einmal auf diese Art von Musik einlassen. Sieht man aber die rege Interaktion, den gegenseitigen Antrieb und (teils verbale) Kommunikation zwischen den Künstlern, so wird man in die musikalische Verdichtung mit eingewoben.

Organic Underground

Wenn man Musik schreibt, kann man nicht immer auf den Kuss der Muse warten, sagt der Saxophonist und Komponist Heiner Schmitz. Meistens reicht der Alltag als Inspiration. Ob an einem Mittwoch nach dem Mittagessen, einem Freitagabend oder Sonntagmorgen, dies liefert bereits den ausreichenden Gedankenstoß.
Tenorsaxophon (Heiner Schmitz) und Posaune (Ludwig Nuss) sorgen für einen gewissen Big Band Sound ohne dabei ins Klischee zu rutschen. Auf der Hammond B3 sorgte John Hondorp für gut gesetzte Soli. Mit einer anregenden Performance entlässt das Projekt „Organic Underground“ in den Freitagabend.

Weitere Infos zum Programm findet ihr hier.

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