Hymnen für die verlorene Jugend

The Libertines feiern ihre Reunion und das dritte Studioalbum im Kölner Palladium. Nachdem sich die vier Briten 2004 im Streit getrennt hatten, bedeutet Anthems for doomed Youth und die dazugehörige Tour den Neustart. Peter Doherty, Carl Barât, John Hassall und Gary Powell zeigten in Köln, dass sie trotz mehrjähriger Pause noch einiges zu sagen haben.

Bevor noch die vielseitige und dynamische Vorband Reverend and the Makers, unter anderem schon Support für die Arctic Monkeys, Oasis und die Red Hot Chili Peppers, dem Kölner Publikum einheizen durfte, betrat der Hauptact die Bühne. Für ein kurzes Akustikset setzte sich Doherty ans Schlagzeug, Barât sang und spielte Gitarre, und Hassall und Powell begleiteten die beiden Frontmänner an Bass und Tamburin. Und den Besuchern wurde nicht zum letzten Mal an diesem Abend klar, dass endlich wieder zusammen ist, was zusammen gehört.

Ob John Lennon und Paul McCartney bei den Beatles, Liam und Noel Gallagher von Oasis oder Benny Andersson und Björn Ulvaeus, die beiden Bs von ABBA: In der Geschichte der Musik gab es schon immer Duos, die zusammen – und nur zusammen – Songs von zeitloser Schönheit erschaffen konnten. Nach dem Ende von ABBA zogen sich Andersson und Ulvaeus größtenteils aus dem Rampenlicht zurück, die Soloprojekte der Gallagher-Brüder reichen längst nicht heran an das Erbe von Oasis und selbst Lennon und McCartney schrieben ihre größten Hits zusammen.

Nowhere’s on our way

Nach ihrem traumhaften Aufstieg in den Rock-Olymp Anfang der 2000er hatten sich die Libertines zwar nie offiziell getrennt, doch das Tischtuch zwischen den ehemals besten Freunden Carl Barât und Peter Doherty schien auf ewig zerschnitten. Mit ihren Nachfolgeprojekten Babyshambles (Doherty) und Dirty Pretty Things (Barât) konnte keiner der beiden Sänger und Songwriter an die gemeinsamen Erfolge anknüpfen. Umso größer war die Erleichterung, als ab 2010 eine Wiedervereinigung immer wahrscheinlicher wurde. Das Bild der beiden Frontmänner, die sich Nasenspitze an Nasenspitze ein Mikro teilten, ließ Fanherzen auf der ganzen Welt höher schlagen.

Mit Anthems for doomed Youth erschien im letzten September nach elf Jahren erstmals wieder neues Material, auf das viele Fans sehnsüchtig gewartet hatten. Ihre Hymnen für die Jugend hatten die Libertines dann auch dem Kölner Publikum mitgebracht, wobei sie zwischen neue Songs wie Barbarians oder dem titelgebenden Anthem for doomed Youth auch viele alte Klassiker wie What Katie did oder Boys in the Band in die Setlist einstreuten.

The World’s fucked but it won’t get me down

Bemerkenswert war, wie gut auch das neue Material von den Fans aufgenommen wurde. Besonders bei den Singles Gunga Din und Heart of the Matter war das Publikum kaum zu halten. Ebenso effektiv, aber deutlich emotionaler wurde es, als Barât Gitarre gegen Klavier eintauschte und die Ballade My Waterloo anstimmte. Spätestens als bei der Zugabe die ersten Takte von Music when the Lights go out und Don’t look back into the sun erklungen, war da wieder dieses Gefühl vom Anfang: Solange diese beiden genialen Songwriter zusammen sind, kann eigentlich gar nichts passieren.

Ein paar Wehrmutstropfen gab es dennoch zu beklagen. Zum einen war der Sound im nicht ganz ausverkauften Palladium alles andere als optimal. So war der Gesang nur selten deutlich zu hören, während es von den Gitarren vermehrt unangenehme Rückkopplungen gab. So hatte sich die Band ihr „Web of Sound“ wohl eher nicht vorgestellt. Andererseits hatten die Musiker selbst zeitweilig kleinere Schwierigkeiten, den Takt zu halten, was das Tanzen für so manchen Gast erschwert haben dürfte.

The Road is long

Nach über anderthalb Stunden blieb im Palladium dennoch ein zufriedenes Publikum zurück. Es überwog die schiere Freude darüber, dass sich Doherty und Barât wieder zusammengerafft haben, dass Bassist John Hassall nichts von seiner lockeren Souveränität verloren hat und Schlagzeuger Gary Powell noch immer wie ein verrückter Berserker auf sein Schlagzeug eindrischt, kurz: Die Freude darüber, dass die Libertines endlich wieder zusammen Musik machen.

Die Libertines klingen 2016 so, wie man sie sich 2005 gewünscht hätte: Im Gegensatz zu anderen Verfechtern des Britrocks, die sich mittlerweile weitestgehend von ihren Wurzeln gelöst haben und sich an Stoner Rock (Arctic Monkeys), 80er-Jahre Pop (Franz Ferdinand) oder Popschnulzen (Razorlight) abarbeiten, sind sie noch immer genauso rotzig, laut und dennoch melodisch wie damals. Außerdem darf man wohl gespannt sein, was ein Dreamteam wie Barât/Doherty in Zukunft noch auf Lager hat, denn ihr Weg ist noch lange nicht vorbei. Oder, wie sie es sagen würden: „I’ll take you anywhere you wanna go.“