Hip-Hop im Sitzen

In Düsseldorf fand vom 16. bis 19. November zum siebten Mal das New Fall Festival statt. Hier werden bekannte Künstler in eine Umgebung gesteckt, in der sie normalerweise nicht anzutreffen sind. bonnFM war dabei, als sich der deutsche Rapper Megaloh in einer Umgebung zurechtfinden musste, die dem Hip-Hop so fremd ist, wie ‚Headbangen‘ zu Beethovens Klaviersonate ‚Pathétique‘.

Die Anreise ist lang. Die Bahnfahrt nach Düsseldorf kommt nicht ohne die üblichen Verspätungen aus, aber bonnFM ist eben nicht nur ein Lokalradio, sondern reist für Euch auch in die Landeshauptstadt des kriminellsten Bundeslands Nordrhein-Westfalen (laut dem Bonner Rapper ‚Xatar‘). Die Erwartungen sind hoch. Der Rapper Megaloh ist zur Zeit eine der Koryphäen der deutschen Rap-Szene. Den Durchbruch schaffte er 2013 mit seinem Studioalbum ‚Endlich Unendlich‘ und 2016 legte er das Album ‚Regenmacher‘ gleich nach. Er ist bekannt für seinen unverwechselbaren Flow. Plosive klingen bei ihm wie die ‚Base‘ Trommel des Schlagzeugs. Es sind die amerikanischen Größen Notorious B.I.G. und Guru, an die er erinnert. Seine Stimme ist ein ‚Drum Kit‘, dass mit der deutschen Sprache jongliert. Er vokalisiert ein Schlagzeug und nebenher reiht er Alliteration an Anapher und Anapher an Alliteration und das ganze dann in einem Chiasmus verhakt.

Welche Erwartungen hat man an ein Rap Konzert?

Stilecht wäre eine alte marode Fabrikhalle. Der Putz bröckelt von der Wand und der Rauch tanzt über den Köpfen der springenden Menge – Arme wippen im Takt. Im Kopf spielt sich ein Film ab: New York – die Bronx in den Neunzigerjahren. Zwei Rapper stehen vor einer brennenden Tonne. Eine aufgebrachte Menge feuert die beiden an – aus einer Jukebox strömt der Sound eines schlecht abgemischten monotonen Beats. Die beiden ‚freestylen‘.

Aber nicht mit dem New Fall Festival. Der Veranstaltungsort ist das Capitol Theater. Von außen könnte es noch als ehemalige Fabrikhalle gelten. Aber der Eindruck täuscht. Sobald man das riesige Bogentor durchschritten hat, eröffnet sich ein feudales Foyer. Piekfeine Kellner in schwarzen Anzügen bedienen das Publikum. Nur, dass das Publikum an diesem Tag tiefsitzende Hosen und schiefe Kappen trägt.
Dann anstellen und warten, dass der Einlass beginnt. Das teure Bier ist beim Eintreten schon leer. Im Saal stehen Stühle. Sessel. Gut erhaltene alte Kinosessel. Ein Blick auf die Karte. Tatsächlich, es stehen feste Sitzplätze auf der Vorderseite. Man lässt sich ungläubig in die zugeteilten Sitze fallen. Es ist ruhig im Saal. Manche unterhalten sich mit gedeckten Stimmen. Es wirkt, als warte man auf eine Shakespeare Schulaufführung. Jemand hält eine Rede. Er ist über sechzig Jahre alt und philosophiert über den Flow Megalohs. Zu guter Letzt deklamiert er gewichtig seine Lieblingsstrophe.

Megaloh lässt sich von der Atmosphäre nicht einschüchtern

Dann wird das Licht gelöscht und bevor Megaloh überhaupt die Bühne betreten hat, fordert er die Menge zum Stehen auf. Alle springen auf. Da ist der unverwechselbare Sound. Nach drei Liedern sickert die Menge langsam nach vorne. Acht bis zehn Reihen stehen vor der Bühne und bekommen ein Gefühl von Privatsphäre mit einem der bekanntesten Rapper dieser Zeit. Man kann seine Schweißperlen zählen. Megaloh gibt alles und lässt sich von der Atmosphäre nicht einschüchtern. Obwohl auch er seine Zweifel hatte. Kurz vor Schluss gesteht er, dass er Angst gehabt hatte, alle zum Stehen aufzufordern.

Megalohs Themen sind alltagsphilosophisch. Doppelschichten schieben, Vergangenes verarbeiten, Neues erwarten und Träume verfolgen. Und das alles mit dem denkenden Ich in Einklang bringen, das jedes Thema auf eine Metaebene stemmt. Das neue Album Regenmacher nimmt einen Großteil des Programms in Anspruch. Dieses Album verbindet Blasmusik mit Rap. Es ist ein bisschen wie dieses Konzert – zwei unvereinbare Dinge vereinen. Zur Unterstützung ist das RheinBrass Orchester mit auf der Bühne. Eine Truppe von Anzug tragenden Strebertypen begleitet den muskelbepackten und Jogginghose tragenden Rapper.

Ist das noch Rap oder schon Kunst?

Die Atmosphäre bleibt trotzdem gleich. Megaloh und sein Publikum schaffen es nicht, sich von der Location zu befreien. Man könnte argumentieren, dass die Atmosphäre unter der Umgebung leidet. Man könnte sagen, dass der Rap hier in eine Zwangsjacke der Kunst gesteckt wurde. Aber man kann auch anders argumentieren. Denn der Zuschauer wurde durch diesen Paradigmenwechsel durchgehend mit seinen Erwartungen konfrontiert. Diese wurden alle gebrochen. Bis auf eine – die der Musik. Denn auch wenn alles anders war, die Musik blieb gleich. Und damit schafft die Atmosphäre einen Raum, in dem man sich ausschließlich mit der Musik auseinandersetzen kann.
Das Konzept des Festivals geht auf. Es lenkt die Wahrnehmung und ist damit Kunst. Ob Zwangsjacke, ‚Hoodie‘ oder Frack, muss jeder selbst wissen.

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