Als man SMS noch per Telegramm verschickte

Am Dienstagabend (26.04.16) spielte Scott Bradlee’s Postmodern Jukebox in der Kölner Live Music Hall und nahm ihr Publikum mit auf eine kleine Zeitreise. Aktuelle Popsongs wurden in Vintage gekleidet und so hörte sich Lady Gaga an, als würde sie für den großen Gatsby singen.

Postmodern Jukebox nennt sich das amerikanische Ensemble rund um den Pianisten Scott Bradlee, dass es sich zur Aufgabe gemacht hat, Popsongs von heute in eine Zeit zu transportieren, in der man „SMS per Telegramm geschickt hat, Kameras einen eingebauten Instagram Filter hatten und man statt Auto Tune einfach richtig gesungen hat“, stellte der MC des Abends das Ensemble vor.
Jason Derulos „Talk Dirty“ klingt dann als Klezmer, als hätte man es schon immer so gespielt, vielleicht vom Text einmal abgesehen. Im Gegensatz dazu scheint der Text von MAGIC!s „Rude“ im Klang der Fünfziger gar nicht mehr so „oldfashioned“.

Von YouTube…

Die YouTube-Sensation von heute begann als kleines Projekt befreundeter Musiker. Nach seinem Jazzstudium arbeitete Scott Bradlee als Pianist in New York City. Mit seinem ersten YouTube Video – er alleine spielte ein Ragtime-Medley aus Popsongs der 80er Jahre – stellte er fest, dass online ein großes und begeistertes Publikum wartet: Die Idee zur Postmodern Jukebox war geboren.
Mittlerweile haben die MusikerInnen das Wohnzimmer von Scott Bradlee erfolgreich verlassen, wo die meisten Videos entstehen. Sie spielen ausverkaufte Konzerte in Europa und den USA und waren auch schon mehrfach in Köln zu Gast.

…auf die große Bühne

Die rot behängten Wände und Lüster der Live Music Hall passten ganz hervorragend zum Retroflair der Musik und im altersdurchmischten Publikum glitzerten vereinzelt Kopfbänder mit Federschmuck, andere Gäste ließen sich Hosenträger, Hüte und Fliegen stehen. Nachdem der energiegeladene MC des Abends das Publikum begrüßt hatte, stellte er die MusikerInnen vor und gab schnell die Bühne frei für eine Stepptanz unterstütze Version von Lady Gagas „Bad Romance“. Die Stimmung in der Halle baute sich auf und hatte ihren Höhepunkt zum einzigen rein instrumentalen Stück des Abends: Stepptänzerin und Schlagzeuger blieben alleine auf der Bühne zurück, um sich einen rhythmischen Wettkampf zu liefern. Nach und nach traten die verbliebenen MusikerInnen ins Licht zurück, stiegen mit ein und aus dem musikalischen Schlagabtausch entwickelte sich langsam aber sicher ein verjazzter Auszug der Star Wars Filmmusik. Das Konzert fand seinen Abschluss nach vielen Zugaben in einer ausgedehnten Motown Fassung von Justin Biebers „Sorry“.

Musikunterricht mit hohem Spaßfaktor

Was sich oberflächlich nach lustiger Unterhaltung und großem Spaß an der Musik anhört, ist eigentlich noch viel mehr. Scott Bradlee will mit seiner Musik die verschiedenen Musikstile des 20. Jahrhunderts erklären, er will zeigen, wie allgemeingültig die Melodien unserer Popkultur sein können. Manchmal soll es aber einfach nur Spaß machen, so Bradlee: “I re-imagine a song in another style because I want to hear it that way.” Das Konzept hat Erfolg: Die YouTube Videos wurden fast 500.000.000 angesehen und die veröffentlichten Alben schaffen es regelmäßig in die Top 10 der Billboard Jazz Charts.

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