„The 1975 sind die beste Band der Welt!“ – Deaf Havana im Interview

BIld: Fabian Wix

Zurück in der Erfolgsspur: Nach vier Jahren ohne neue Musik haben Deaf Havana im Januar ihr drittes Album „All These Countless Nights“ veröffentlicht, das fast schon so etwas wie ein kleines Comeback ist. bonnFM sprach mit dem Sänger James Veck-Gilodi über Deaf Havanas neues Album, den Einfluss der Popmusik und den Brexit.

James Veck-Gilodi ist auf gewisse Weise genauso, wie man sich einen englischen Rockmusiker vorstellt. Am ganzen Körper tätowiert, extrovertiert und redselig, dabei aber immer unglaublich sympathisch und höflich. Ein britischer Gentleman eben. Er empfängt mich im Tourbus von Deaf Havana, der direkt vor dem Eingang des Kölner Luxor parkt, da der Club keinen Hintereingang hat. Gut für die Fans, denn so kann man sich vor dem ausverkauften Auftritt noch mit den Bandmitgliedern von Deaf Havana und der Vorband Dinosaur Pile-Up unterhalten.
Deaf Havana ist eine Alternativ-Rock-Band aus dem englischen Norfolk. Die fünf Jungs sind momentan mit ihrem neuen Album „All These Countless Nights“ auf Europa-Tour. Wie sehr sich alle darüber freuen, merkt man der Band in jeder Sekunde an: Alle Bandmitglieder, allen voran Sänger James, äußern mehrmals am Abend ihre Freude darüber, wieder Musik zu machen und dass es Menschen gibt, die ihnen zuhören. Deaf Havana präsentieren sich spielfreudig, frisch und gut gelaunt – dabei ist es noch nicht einmal so lange her, dass sich die Band beinahe aufgelöst hätte. Wie sie dennoch die Kurve gekriegt haben und wieso James keine politischen Songs schreibt, erfahrt ihr im Interview.

bonnFM: Ihr habt gerade eine vierjährige Pause hinter euch, nach dem sehr erfolgreichen Album „Old Souls“ von 2013, und erlebt momentan so etwas wie eine Renaissance von Deaf Havana. Wie kam es dazu?

James Veck-Gilodi: Wir haben eigentlich nie beschlossen, eine Pause zu machen. Es ist irgendwie einfach passiert, wegen gewisser Umstände. Aber wir haben einfach angefangen, wieder rumzuhängen und zusammen zu schreiben, weil wir noch nicht einmal sicher waren, an einem neuen Album zu arbeiten. „Old Souls“ hat von außen vielleicht den Anschein erweckt, erfolgreich zu sein, eigentlich war es das aber nicht. Wir haben es nicht vernünftig vermarktet, wir haben keinen Einführungs-Plan gemacht. Wir haben das Album veröffentlicht und nur eine kleine Tour in England gemacht, das war’s. Dazu noch ein paar schreckliche Touren an anderen Orten. Also hatten wir irgendwann wirklich keinen Bock mehr und darauf, Musik zu machen. Aber dann haben wir wieder mehr miteinander rumgehangen und ich hab angefangen, wieder ein bisschen was zu schreiben. Wie du schon gesagt hast, es war wirklich wie eine neue Version von uns. Aber ich bin sehr froh darüber, dass das alles passiert ist, weil vieles von diesem Album („All These Countless Nights“, Anm- d. Red.) wäre nicht geschrieben worden, wenn wir diese Pause nicht gehabt hätten.
bonnFM: Also hatte diese Pause einen direkten Einfluss auf die Musik des neuen Albums?
James: Hundertprozentig, Mann! Bestimmt 50 Prozent der Songs wurden über Dinge, die passiert sind geschrieben. Vielleicht sind sogar alle darüber geschrieben, was in diesem Zeitraum geschehen ist. Manche von ihnen sogar speziell über Band-Zeug und was damit zusammenhängt. Ich bin dankbar dafür, dass es passiert ist, weil es unsere Musik auf großartige Weise beeinflusst hat. Es hat uns eine Sichtweise von außen gezeigt, um dann zu unseren Ursprüngen zurückzukehren. Ich glaube, wenn wir einfach weitergemacht hätten, wäre einfach nur ein scheiß Album rausgekommen, das nicht so gut wäre wie es hätte sein können. Also ich bin echt froh, dass es passiert ist.

bonnFM: Habt ihr trotzdem an einem gewissen Zeitpunkt gedacht, dass es mit Deaf Havana vorbei ist?
James: Ja, Mann, sehr lange sogar. Wir hatten nämlich sehr hohe Schulden und haben einigen Labels und Leuten viel Geld geschuldet. Weißt du, einfach gesagt, mache ich Musik, weil ich es liebe. Ich mache Musik für den Spaß, um mit meinen Freunden rumzuhängen und um Leuten dabei zuzusehen – ich liebe es, zu sehen, dass es Leuten helfen kann! Ich weiß, was Musik mit mir als Kind gemacht hat, und ich will das gleiche auch bei anderen Menschen bewirken. Aber irgendwann wurde es einfach zu monoton, es war als würden wir nur spielen, um diese verdammten Schulden zu bezahlen. Es wurde einfach ein Job, es wurde alles irgendwie seelenlos. Ich war also echt bereit, aufzugeben, zu sagen „Das war’s“. Dann haben wir ein paar Gigs gespielt, unter anderem auf den Reading and Leeds Festivals, und diese Festivals bezahlen recht viel Geld. Also wusste ich, dass wir danach alle unsere Schulden begleichen können. Ich habe gesagt: Lasst uns da spielen, das Geld nehmen, und sobald wir bei null sind und alle unsere Schulden zurückgezahlt haben, bin ich raus. Ich will das nicht mehr machen. Ich will irgendwas anderes machen, damit ich Musik wieder genießen kann. Und dann haben wir die Shows gespielt, und es hat echt Spaß gemacht! Wir haben wieder angefangen, mehr rumzuhängen, mehr zusammen zu schreiben, und irgendwie sind wir dann in das neue Album reingerutscht. Aber ja, ich war wirklich so nahe dran, die Band zu verlassen.
    Der Sound des Albums hat sich viele Male geändert. Als ich angefangen habe, die Songs zu schreiben, wollte ich den Sound von Placebo, ich wollte es elektronisch und irgendwie heavy. Dann hat sich das geändert, und ich wollte den Sound der Kings Of Leon. Also hab ich alle elektronischen Elemente herausgenommen, und einfach Rocksongs geschrieben.

bonnFM: Eine radikale Veränderung während der Entstehung also?
James: Ja, eigentlich schon. Das war so im Zeitraum von einem Jahr. Danach hatte ich dann eine Pause und hab wieder angefangen, zu schreiben. Heraus kam dann so etwas wie eine Mischung all dieser Dinge, auf die ich so fokussiert war, und irgendwie ist es dann alles viel besser geworden. Es hat also wirklich angefangen, dass ich wie andere Bands klingen wollte, aber dann haben wir alles einfach fließen lassen. Am Ende war dann alles sehr natürlich, ich habe die Songs geschrieben, aber wir haben uns alle zusammengesetzt, sie verändert, durchgespielt und sichergestellt, dass sie funktionieren. Wir haben viel Zeit damit verbracht, darüber nachzudenken, was wir vorher noch nie gemacht haben. Wir sind immer einfach ins Studio gegangen und meinten „Yeah!“. Auf dem ersten Album sind nur ich und Tom zu hören, wir haben alles aufgenommen. Die Anderen waren noch nicht einmal anwesend. Es war einfach so seelenlos (lacht).  Aber dieses Mal haben wir wirklich alles live aufgenommen. Da war viel mehr Energie und es war eher die Arbeit der ganzen Band.
bonnFM: „All These Countless Nights“ ist dann doch sehr poppig geworden. Ist das etwas Gutes oder Schlechtes? Glaubst du nicht, dass es alte Deaf-Havana-Fans gibt, die den neuen Sound einfach nicht mögen?
James: Ja, die gibt es definitiv. Man muss aber offen der Tatsache gegenüber sein, dass sich eine Band entwickelt und ihren Sound verändert. Ich habe vor vier Tagen bei einem Gig in London einen Typen getroffen, und er hat mich gefragt: „Warum screamt ihr nicht mehr? Warum ist eure Musik nicht mehr heavy?“ Und ich nur so: „Alter, wir screamen seit acht Jahren nicht mehr. Warum hängst du so daran? Geh und hör dir eine andere Band an, wenn du das willst.“ Ich bin 26, ich spiele solche Musik nicht mehr. Wir werden erwachsen, wir entwickeln uns als Menschen weiter, wir hören andere Musik, was offensichtlich in der Musik, die wir schreiben, durchscheint. Es macht mir also nicht so viel aus. Ich mache mir nicht so viele Sorgen, wenn einige Leute es nicht mögen. Andere Leute werden es tun. Es macht mir nicht so viel aus, wenn einige Leute an diesem Sound hängen. Wenn sie wirklich Fans unserer Band wären, würden sie auch die meisten Dinge mögen, die wir machen. Es sind immer noch die gleichen Prinzipien, es ist immer noch die gleiche Message und die gleichen Elemente davon. Es ist einfach eine andere Art von Musik, weil wir nicht mehr verdammte 17 sind. Aber naja, es ist ihre Entscheidung.
bonnFM: Ist Pop denn eine künstlerische Entscheidung? Macht ihr euch über so etwas Gedanken?
James: Du meinst kommerziell zu klingen? Nein, ich mache nie Musik, um zu versuchen, radiofreundlich zu klingen. Ich glaube, das ruiniert Bands. Ich kenne nämlich viele Bands, die das machen, und irgendwie nimmt es ihnen das, was sie waren, was sie besonders gemacht hat. Aber klar, wenn ich auch mal einen Song schreibe, der sich so anhört, ist es wahrscheinlich deshalb so, weil ich Popmusik und Zeug, das so klingt, höre. Aber ich sage nicht sowas wie „der Refrain ist nicht massentauglich genug, lass uns einen neuen schreiben, um ins verdammte Radio zu kommen.“ Wir haben gelernt, dass das nicht funktioniert. Wir können das nicht machen, wir müssen einfach das spielen, was sich gut anfühlt. Mein Geschmack ist aber schon Pop-orientiert geworden. Ich schreibe vielleicht jetzt ein bisschen poppiger, aber das ist nicht absichtlich. Ich denke, das ist einfach ein natürlicher Einfluss.
bonnFM: Hörst du denn viel Popmusik?
James: Nicht so viel wie die anderen aus der Band. Die hören nur Popmusik! Sie lieben Rock, aber Max hört nur HipHop und Pop, Tom hört Popmusik, mein Bruder hört komische Sachen. Ich höre auch viel Popmusik. Ich glaube, The 1975 sind die beste Band der Welt.
bonnFM: Und die mit dem längsten Albumtitel („I Like It When You Sleep, For You Are So Beautiful Yet So Unaware Of It“, Anm. d. Red.).
James: Das ist echt lächerlich! Als ich zuerst davon gehört habe, dachte ich, es wäre ein Witz. Er ist wirklich so lang. Aber ja, sie sind echt die beste Band, die es gibt.
bonnFM: In eurem Song „England“ gibt es die Zeile, die sagt: Ich habe genug/Oh England, geh mir aus dem Kopf. Inwieweit hat euch der Brexit getroffen? War es ein Schock für euch, mit euren Fans überall in Europa?
James: Es war ein riesiger Schock für mich, dass wirklich dafür gestimmt wurde. Ich lebe in London, also in einer Blase. Niemand in London ist Engländer. Meine Freundin ist nicht englisch, viele meiner Freunde sind es nicht. Man kann eine Straße entlanggehen und sechs verschiedene Sprachen hören. In London ist jeder von überall. London ist eine eigene kleine Blase. Aber wenn man dann aufs Land geht, ist jeder sehr stolz darauf, englisch zu sein. Und natürlich wollen die die EU verlassen, denn sie sind nicht sehr gebildet, und sie denken, dass Ausländer kommen und ihre verdammten Jobs stehlen. Die Jobs, die zu machen sie sowieso zu faul sind. Es ist einfach lächerlich. Also ja, es war ein Schock für mich, und es brachte mich sehr auf. Aber ich habe einen italienischen Pass, also ist es eh egal. Ich bin noch nichtmal Engländer (lacht)! Es hat mich aber wirklich aufgebracht. Ich habe den Song geschrieben, bevor der Brexit passiert ist. Ich habe darüber nachgedacht, ihn umzuändern, um ihn etwas politischer zu machen, aber ich glaube nicht, dass ich intelligent genug bin, um so etwas zu tun. Aber das Ganze ist echt ein Witz, es ist scheiße, es ist beschämend.
bonnFM: Welche Verantwortung habt ihr denn als Künstler, wenn es um Politik und insbesondere Ereignisse wie den Brexit geht?
James: Ich bin die schlechteste Person, die man so etwas fragen kann. Wie gesagt, ich bin wirklich nicht intelligent.
bonnFM: Man muss ja keine bestimmte politische Botschaft transportieren, um politisch zu sein, und um Menschen zu helfen.
James: Es wäre echt cool, darüber zu schreiben. Und ich habe darüber nachgedacht, ein bisschen mehr über politische Themen zu schreiben. Aber ich bin einfach so verdammt dumm, ich würde dem nicht gerecht werden. Mein Bruder ist wirklich intelligent, er kennt sich mit dem ganzen Zeug aus. Also ja, er könnte es tun. Aber um für mich zu sprechen, ich versuche, die Seele der Leute zu treffen, so cheesy das auch klingen mag. Weil das sind echt universelle Dinge. Wenn man immer nur über das schreibt, was momentan relevant ist, ändert sich ständig das, worüber man schreibt. Wenn man aber über das schreibt, was jeden etwas angeht, dann gilt das für immer. So etwas ist unsterblich, es hallt in den Menschen immer mehr nach. Wenn man über den Brexit schreibt, werden ihn die Leute in zwei jahren wieder vergessen haben. Wenn man aber über wirkliche Emotionen und echte Erlebnisse schreibst, die jedem passieren, dann bleibt das für immer. Ich habe versucht, mich darauf zu fokussieren. Und außerdem ich bin zu dumm, um über Politik zu schreiben (lacht)! Viele Bands machen es, meine Freunde von Architects schreiben sehr politische Musik und das ist großartig, ich wünschte ich könnte das. Aber das, was mich berührt, ist das Emotionale. Ich werde etwas verloren, wenn es zu politisch wird. Mir geht es eher um das Reale-Welt-Zeug.
bonnFM: Letzte Frage: Ist das Tour-Leben so toll, wie man denkt?
James: Um Gottes Willen, nein! Was haben wir heute den ganzen Tag gemacht? Hier sitzen. Es ist so langweilig. Man hat wirklich ein oder zwei Nächte, die großartig sind, wo man einfach nirgendwo anders hin will. Aber meistens sitzt man einfach rum, hört Musik und trinkt. Es ist schon langweilig (lacht).

bonnFM: Da gibt es aber auch Schlimmeres.
James: Das ist wahr, es gibt definitiv Schlimmeres! Versteh mich nicht falsch, ich liebe es wirklich. Es macht echt Spaß, aber es ist nicht Sex, Drugs and Rock’n’Roll. Überhaupt nicht!

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