„Abblättern! Bis zum Schluss eben einfach dieses leere, kahle Hirn steht.“

bonnFM hat die Premiere der Inszenierung „Der Fall“ von Albert Camus im Euro Theater Central besucht und ein langes Gespräch mit der Regisseurin geführt. Einen Ausschnitt daraus haben wir für Euch aufgeschrieben. Dabei geht es vor allem um jeden von uns und wie wir mit uns selber umgehen können. Erwartet keine Antworten, die müsst ihr selber finden. Aber vielleicht hilft ein bisschen Verständnis für den Egoismus der Hauptfigur, uns in unserer heutigen Zeit zurechtzufinden: Für einen heimlichen Egoismus, der sich hinter der Vorstellung von Moral versteckt.

Nach der Premiere ziehen die Zuschauer mit einem nachdenklichem Hoffnungsschimmer im Gesicht aus dem Saal. Manche sind verwirrt und wollen uns keine Fragen beantworten, sondern haben selber welche. Manche wiederum haben eine Menge Antworten für uns. Ich trinke erstmal ein Glas Rotwein, der umsonst ausgeschenkt wird und lasse mich in das große Diskutieren mit hineinziehen. Die Stimmen aus dem Publikum sind gemischt, aber es sind doch alles eingefleischte Camus-Fans. Deswegen sind viele der Antworten in jahrelanger Auseinandersetzung mit Camus und seinem Werk vorgebastelt. Die Inszenierung dient hierbei lediglich als unterstützendes Beiwerk. Sie ist die Mikrowelle, die vorgegarte Meinungen wieder aufwärmt. Und wenn diese zu der Aufführung nicht passt, dann war die Aufführung eben schlecht. Während eines gelangweilten Griffs zum zweiten Rotweinglas, wird es still im viktorianisch eingerichteten kleinen Foyer. Die Regisseurin Bärbel Stänzenberger und die Schauspieler Raphael Traub und Olaf Reinecke kommen dazu. Sie lächeln erleichtert. Es wird sich bedankt und angestoßen. Eine kleine Familie feiert einen besonderen Tag.

Bild: Bärbel Stenzenberger / Tanzkompanie bo komplex

Dann kommt die Regisseurin auf uns zu und erklärt, dass sie nun Zeit für ein kurzes Gespräch habe.

Das Weinglas geschnappt und weg vom Trubel, steigen wir ein Stockwerk höher. Hier kommt der morbide Scham des Theaters noch besser zur Geltung und nach einem langen Flur setzen wir uns an einen Marmortisch. Blau-grüner Teppichboden. Abblätternde goldene Verzierungen an den Stuhllehnen. Ein Aschenbecher auf dem Tisch und Ruhe. Ich zünde mir eine Zigarette an, es knistert beim Ziehen. Bärbel Stänzenberger raucht nicht mehr, hat sie aber jahrelang.

„Eigentlich bin ich ja ein Mensch, der total vertraut.“

bonnFM: Zuallererst, wie schätzt Du die Premiere ein? Wie hast Du dich während der Aufführunggefühlt?

Bärbel: Eigentlich bin ich ja ein Mensch, der total vertraut (lacht), aber die Premiere ist immer etwas Besonderes. Dort kommt auch immer die Stimmung der Zuschauer dazu. Vielleicht war es ganz gut, dass ich nur hinter der Bühne stand und nicht alles mitbekommen habe. Aber einmal bin ich an meine nervlichen Grenzen geraten. Im Foyer sind ein paar Gläser umgeworfen worden und ich hatte das Gefühl, jeder im Saal konnte das hören.

bonnFM: Keine Angst, man hat nichts davon gehört.

Bärbel: Zum Glück, allerdings habe ich dann die Kollegin völlig zu unrecht angekeift.  Aber ich habe mich im Nachhinein ja auch entschuldigt.

Man merkt, hier möchte jemand wirklich quatschen. Keine vorgefertigten Meinungen, kein Abrattern von auswendig gelernten intellektuellen Phrasen. Damit können wir arbeiten, also ab in die Materie.

 „Aber dann klopft da plötzlich jemand von hinten an seiner Stirn an.“

bonnFm: Wie bist Du mit dem Zwiespalt umgegangen, dass Camus nicht nur Schriftsteller, sondern auch Philosoph ist?

Bärbel: Ich muss ehrlich sagen, ganz am Anfang waren mir das zu viele Statements von Camus.

bonnFm: Dem Philosophen Camus?

Bärbel: Richtig. Das ganze hat mich dann dazu gebracht, mal von oben unterhalb des Wasserspiegels zu schauen. Dann hat das Ganze auf einmal eine erzählerische Form bekommen.

Bild: Bärbel Stenzenberger / Tanzkompanie bo komplex

bonnFM: Und welche Form?

Bärbel: Die literarische Vorgabe spielt in einer Amsterdamer Kneipe und der Protagonist Clamence erzählt und erzählt. Er erzählt jemandem, der nie auftaucht in dem Roman. Es ist ein Monolog als Dialog getarnt. Und im Laufe des Erzählens öffnet er sich gegebenüber sich selbst. Deswegen habe ich nur ihn als Figur auftreten lassen, diese Figur aber doppelt besetzt.

bonnFM: Du erzählst also von der Selbsterkenntnis einer Figur, die eigentlich immer nur an sich selbst gedacht hatte, aber sich das niemals eingestanden hätte.

Bärbel: Er hatte ja vielen Menschen geholfen früher, aber eben immer nur, um sich dabei selber zu helfen. Er wusste was gesellschaftlich anerkannt war, und das hat er gemacht. Aber dann klopft da plötzlich jemand von hinten an seiner Stirn an. Jemand, dem er nichts mehr vormachen kann, weil er es selber ist.

„Ihr Menschen seid sowieso zum Scheitern verurteilt.“

bonnFM: Und was zieht er daraus für Konsequenzen?

Bärbel: Hauptgegenstand ist ja dieses Abblättern, bis zum Schluss dieses leere, kahle Hirn steht und einfach ganz klar ist, ihr Menschen seid sowieso zum Scheitern verurteilt. Also was ich Euch jetzt hier gezeigt habe, was ich durchlebt habe, braucht ihr erstmal gar nicht. Macht es doch direkt so, wie ich jetzt. Weg. Alles weg.

Das war ein kleiner Einblick in das Gespräch, dass wir mit der Regisseurin Bärbel Stänzenberger geführt haben. Wie Clamence es am Ende macht, und wie er mit der erkannten Sinnlosigkeit umgeht, dass könnt ihr in den nächsten Vorstellungen selber herausfinden. Am 23. und 24. Oktober oder am 20. und 21. November finden die nächsten Vorstellungen im Euro Theater Central, im Mauspfad, zwischen Tee Gschwendner und Fielmann, statt. Eine Reportage mit Einblicken in das Stück und Zuschauerstimmen, die tatsächlich was zu sagen hatten, haben wir Euch noch gleich zu dem Artikel mitgeliefert.

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