„Den typischen Alltag gibt es nicht – unsere Arbeit ist bunt und vielfältig“: Interview mit der Fachstelle Queere Jugend NRW

Am ersten Augustwochenende findet der Bonner CSD „Beethovens Bunte“ statt. Aus diesem Anlass hat bonnFM sich mit Angeboten für queere Jugendliche/junge Erwachsene in Bonn und NRW befasst (Audio). Gesprochen haben wir dazu unter anderem mit Jan Gentsch von der Fachstelle Queere Jugend NRW.

bonnFM: Was ist die Fachstelle Queere Jugend und was macht ihr?

Jan Gentsch: Die Fachstelle Queere Jugend NRW ist ein Arbeitsbereich im Schwulen Netzwerk NRW, dem großen Dachverband der schwul-lesbischen Selbsthilfe in Nordrhein-Westfalen. Zu den Aufgaben der Fachstelle Queere Jugend gehört die fachliche Beratung, Begleitung und Qualifizierung von Einrichtungen für junge Lesben, Schwule, bisexuelle und trans* Jugendliche. Das umfasst sowohl die Jugendzentren für LSBTIQ*-Jugendliche in NRW, aber auch die ganz vielen ehrenamtlichen und selbst organisierten queeren Jugendgruppen.

bonnFM: Viele Jugendgruppen sind also selbst organisiert, wo verläuft denn die Abgrenzung zwischen der Fachstelle Queere Jugend und der Queeren Jugend selbst?

Jan Gentsch: Die Abgrenzung zwischen der Fachstelle und den Jugendgruppen besteht darin, dass es die Fachstelle zeitlich früher gegeben hat als das Netzwerk. Das Netzwerk Queere Jugend NRW ist im Grunde der Zusammenschluss von allen diesen ehrenamtlich organisierten Jugendgruppen. Und dieser Zusammenschluss agiert ganz autonom. Die haben ein eigenes Sprecher_innengremium, den sogenannten Beirat, der repräsentative Aufgaben für diesen Zusammenschluss wahrnimmt. Und wir verstehen uns vor allen Dingen als Struktur im Hintergrund, die dieses Netzwerk begleitet und unterstützt. Zum Beispiel übernehmen wir gewisse Serviceaufgaben und Dienstleistungen, damit die jungen Menschen vor Ort ihr Ehrenamt gerne ausüben und sich sicher bei allem fühlen, wofür sie in die Verantwortung gehen. Und auch, damit bestimmte Dinge wie regelmäßige Vernetzungstreffen und Schulungen stattfinden können.

bonnFM: Was war die Motivation, damals die Fachstelle Queere Jugend NRW zu gründen?

Jan Gentsch: Die Fachstelle Queere Jugend wurde 2014 gegründet. Mit dem Auftrag und der Idee, dass es in Nordrhein-Westfalen noch viel mehr Angebote für junge queere Menschen geben müsste. Es gab damals schon in den großen Städten wie Köln, Düsseldorf, Essen… queere Jugendzentren. Aber in den kleineren Städten, in den ländlichen Regionen, auf den Dörfern gab es nichts. Da gibt es auch in weiten Teilen immer noch nichts. Aber es ist seither viel besser geworden und das liegt daran, dass wir als Fachstelle in vielen kleineren Städten und auch jenseits der Rhein-Ruhr-Schiene ehrenamtliche queere Jugendgruppen entweder selber aufbauen konnten oder bestehende Gruppen unterstützen und stärken konnten. So dass das Netz von Angeboten für diese Zielgruppe in NRW immer dichter wird.

„Fokus auf Menschen mit Fluchterfahrung oder Behinderung

bonnFM: Wenn wir über „Queere Jugend“ reden, in welchem Altersbereich bewegen wir uns da? Was ist Jugend, von wann bis wann bin ich jugendlich?

Jan Gentsch: Das achte Sozialgesetzbuch ist da ziemlich eindeutig: Jugendliche sind Personen zwischen dem 14. und 21. Lebensjahr. Das Gesetz kennt aber auch einen erweiterten Jugendbegriff, das können in Ausnahmen auch Personen bis zum 27. Lebensjahr sein. So ist das auch bei uns in der Queeren Jugend an vielen Orten. Das hängt damit zusammen, dass das Thema coming out mit Blick auf sexuelle Orientierung oder Identität oft ein Thema ist, was nicht unbedingt mit 14 oder 15 Jahren schon nach außen getragen wird, sondern erst mit Beginn der Volljährigkeit ein größeres Thema für junge Menschen wird. Unsere Angebote sind daher vielfach auch geöffnet noch für Personen, die schon älter als 18 oder sogar älter als 21 Jahre sind.

bonnFM: Wie sieht so ein typischer Alltag in der Fachstelle Queere Jugend aus? Was sind so die typischen Aufgaben?

Jan Gentsch: Es gibt eigentlich wenig Routine und wenig wiederkehrende Aufgaben. Natürlich lesen wir unsere Emails, beantworten Telefonanrufe. Aber die Aufgaben insgesamt die sich uns stellen, sind schon sehr vielfältig. Wir beantworten Anfragen von Organisationen, die von uns eine pädagogische Fachberatung zu queeren Jugendlichen haben möchten. Wir werden für ein Fachmagazin einen Artikel zu schreiben oder uns in einer Stellungnahme zu irgendeinem Sachverhalt zu äußern. Es kann sein, dass wir finanzielle Probleme lösen müssen von einzelnen Jugendgruppen. Oder dass wir bei Gesprächen in verschiedenen Kommunen NRWs mit eingeladen sind, mit am Tisch sitzen und etwas besprechen sollen. Für uns ist immer ganz wichtig: wir sitzen zwar hier in Köln und das ist auch so ein Ballungszentrum, aber wir wollen ganz bewusst hier nicht im Elfenbeinturm sitzen. Sondern wir kommen ganz viel rum in NRW, sitzen viel in Zügen, in Autos, sind bei Jugendgruppen vor Ort, sind bei wichtigen Gesprächen dabei. Also es gibt auch Wochen, wo wir kaum im Büro sind, sondern jeden Tag in einer anderen Stadt NRWs.

bonnFM: Ihr seid also auf jeden Fall sehr aktiv. Gibt es denn auch eine Form von politischem oder öffentlichem Aktivismus durch die Fachstelle?

Jan Gentsch: Es gibt Aktivismus in Form von Öffentlichkeitsarbeit und öffentlicher Sichtbarkeit, zum Beispiel im Rahmen von CSDs. Es gibt bestimmte Themen, die uns sehr wichtig sind, nämlich dass queer als neues Label anstelle von LSBTIQ* verwendet wird. Sondern dass es darum geht, dass Gemeinsame in den Vordergrund zu stellen was uns alle verbindet – also Marginalisierung und Ausgrenzungserfahrung. Aber auch eine Vision davon, wie wir als Personen die nicht einer bestimmten Norm entsprechen, gut und gerne gemeinsam zusammen leben möchten. Uns geht es insbesondere darum, alldiejenigen in den Blick zu nehmen, die bislang noch nicht von den Errungenschaften und Emanzipationskämpfen profitieren konnte. Zum Beispiel junge queere Menschen mit Behinderung, die oft genug noch übersehen werden. Oder auch Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, die queer sind. Die sehen wir nämlich noch nicht so oft, wie wir das gerne möchten.

„Wir müssen unsere erkämpften Rechte verteidigen“

bonnFM:Stoßt ihr in eurer Arbeit auf Probleme oder Widerstände? Zum Beispiel durch die AfD oder ähnliche Gruppierungen, die sich gegen Rechte für queere Menschen einsetzen?

Jan Gentsch: Es gibt natürlich Probleme, so wie sich zum Beispiel die AfD äußert. Aber keine, die aktuell unmittelbare Konsequenzen für uns hatten. Das ist sehr erfreulich und wir hoffen, dass das so bleibt. Wir sind aber insgesamt doch auch in großer Sorge, dass sich die politischen Verhältnisse weiter nach rechts verschieben und es zunehmend schwieriger werden könnte. Es gibt aber etwas anderes was wir beobachten: und zwar dass es mitunter schwieriger wird, junge Menschen für queeren Aktivismus zu mobilisieren und zu begeistern. Weil es gerade in Städten mit großer LGBTIQ*-Community doch auch viele Menschen gibt, die denken „Wir haben doch jetzt alles, es gibt die Ehe für alle, was wollen wir denn noch mehr?“ und die das nicht mehr notwendig finden, sich zu engagieren. Das ist eine Entsolidarisierung und eine Bedrohung von innen heraus, weil auf einmal alles egal wird.

bonnFM: Inwieweit sieht sich die Fachstelle Queere Jugend selbst bedroht oder gefährdet durch wechselnde politische Mehrheiten? Wenn man jetzt mal davon ausgeht, dass die konservative Mehrheit weiter zunimmt und irgendwann eine künftige Landesregierung das alles wieder abschaffen will?

Jan Gentsch: Wir machen uns da wenig Illusionen. Ich bin mir sehr sicher, dass der ganze gesellschaftliche Fortschritt der letzten Jahre und Jahrzehnte auf tönernen Füßen steht. Wenn es zu drastischen Regierungswechseln oder einem massiven Rechtsruck kommt, können diese gewonnen Freiheiten sehr schnell wieder verschwunden sein. Für die nahe Zukunft bin ich vorsichtig optimistisch, was unsere konkrete Arbeit angeht. Mittelfristig und mit Blick auf Gesamtdeutschland bin ich aber in großer Sorge, dass offen homo- und transfeindliche Äußerungen salonfähig und selbstverständlich werden. Dass bereits erteilte Rechte wieder in Frage gestellt werden, dass gehetzt wird. Ich würde mir da noch mehr Zusammenhalt in der Community wünschen, um diesen Tendenzen mit vereinten Kräften entgegenwirken zu können.

bonnFM: Was siehst du denn noch als wichtig an über die Ehe für alle hinaus, was jetzt noch zu tun wäre?

Jan Gentsch: Mir ist es ganz wichtig, dass es in der Szene ein Engagement gibt für all diejenigen, die aus Ländern zu uns geflohen sind in denen queere Menschen verfolgt, gefoltert, getötet werden. Und dem etwas entgegenstellen, wenn eine Regierung behauptet, dass bestimmte Staaten – wie zum Beispiel die Maghreb-Staaten – sichere Herkunftsstaaten sind. Für queere Menschen sind diese Staaten weiterhin nicht sicher, weil es da diese Verfolgung definitiv gibt und auch von Amnesty nachgewiesen wurde. Und die Situation von queeren Jugendlichen mit Behinderung liegt mir auch sehr am Herzen. Weil ich doch immer wieder beobachte, wie sehr dieser Personenkreis behandelt wird, als wären das gar keine sexuellen Wesen mit sexuellen Wünschen und Bedürfnissen. Wie sie es dann doch sehr schwer haben in der Community zurechtzukommen, die viel Wert legt auf perfekte, tadellose, schöne Körper. Wo körperliche oder geistige Behinderung nicht mitgedacht wird. Da ist noch eine große Baustelle, da müssen wir ran.

„Wir sind mit einer Vielzahl von Organisationen vernetzt“

bonnFM: Wie sieht denn die Vernetzung mit anderen Organisationen aus?

Jan Gentsch: Die Vernetzung findet mit einer Vielzahl anderer Organisationen statt. Als Landesfachstelle sind wir natürlich vor allem vernetzt mit anderen Landesorganisationen auch, mit denen wir die gleichen Perspektiven teilen. Zum Beispiel SchLAu NRW, die Landesarbeitsgemeinschaft Mädchenarbeit, die Landesarbeitsgemeinschaft Jungenarbeit, die FUMA-Fachstelle Gender, oder die Arbeitsgemeinschaft der offenen Türen und offenen Jugendhäuser. Das alles bewegt sich auf Landesebene und zum Teil aber auch über die NRW-Grenze hinaus, zum Beispiel gibt es Kontakte zum Bundesverband Lambda. Außerdem hat sich in Niedersachsen im vergangenen Jahr eine Queere Jugend Niedersachsen gegründet, zu der wir Kontakt haben. Was die Parteien angeht, sind wir gegründet worden unter einer rot-grünen Regierung. Wir hatten also gute Kontakte zur SPD und zu den Grünen und haben da auch viel Wertschätzung erfahren. Wir freuen uns aber sehr, dass das mit der neuen Landesregierung bisher genauso weitergegangen.

Bild: Fachstelle Queere Jugend NRW

bonnFM: Wie ist denn generell das Verhältnis zur Landesregierung? Findet zum Beispiel finanzielle Förderung statt?

Jan Gentsch: Wir werden gefördert durch das Land NRW, bislang über den Kinder- und Jugendförderplan. Die rot-grüne Regierung hat einen Aktionsplan zur Verbesserung der Lebenswirklichkeit von LSBTIQ* auf den Weg gebracht und ein Teil davon war eben auch die Schaffung unserer Stelle. Das war und klasse und genauso klasse ist es, dass es nach dem Regierungswechsel nicht zur Einstellung dieser Arbeit gekommen ist. Sondern im Gegenteil, sie wird fortgesetzt und soll auch verstetigt werden. Das ist der Wunsch der neuen Landesregierung. Unsere Trägerschaft liegt aber weiterhin beim Schwulen Netzwerk NRW und der LAG Lesben in NRW, also den beiden großen Dachverbänden schwul-lesbischer Selbsthilfe in unserem Bundesland. Wir sind somit ein freier Träger, der aber in engem Austausch mit dem Jugendministerium steht.

bonnFM: Gibt es da auch eine Art beratende Funktion der Fachstelle? Dass ihr zum Beispiel für die Landesregierung oder im Landtag als Experten auftretet?

Jan Gentsch: Von der Idee und der Haltung her gibt es das schon. Wenn das Jugendministerium Fragen hat zur Lebenswirklichkeit von queeren Jugendlichen oder zu bestimmten Aspekten, dann befragen die schon ihre Landesfachstellen. So gibt es regelmäßig Gespräche zwischen dem Ministerium und den einzelnen Fachstellen, aber auch große Runden mit Ministerium und allen Fachstellen gemeinsam. Dort besprechen wir dann die Situation von queeren Jugendlichen, aber auch die Veränderungen und Fortschritte und NRW. Und schauen: was braucht es als Nächstes, was sind die nächsten Schritte die wir gehen müssen.

bonnFM: Gibt es denn auch manchmal einen Dissens mit den anderen Organisationen und Fachstellen, dass man auch mal unterschiedlicher Meinung ist? Oder ist es eher so, dass jeder einen anderen Aspekt im Fokus hat und man sich insoweit ergänzt?

Jan Gentsch: Ich sehe eher die Ergänzung der Perspektiven. SchLAu zum Beispiel ist ein Projekt zur Aufklärung in Schulen und Jugendeinrichtungen, und die Menschen von SchLAu kriegen natürlich ganz genau die Stimmung in den Schulen in NRW mit. Ob die Themen Homo- und Transphobie präsent sind oder sich eher subtil auswirken. Der Fokus ist ein anderer als bei uns, wir wollen die queere Jugendarbeit und damit die Schutzräume für queere junge Menschen voranbringen. Wir verweisen aufeinander und tragen eher Perspektiven zusammen, um ein rundes Bild von den Lebensbedingungen der jungen Menschen zeichnen zu können.

Im Audio hört ihr einen Beitrag über Angebote für queere Jugendliche und junge Erwachsene in Bonn und NRW. Darunter befinden sich auch das Jugendzentrum GAP und das LBST*-Referat im AStA, mehr dazu unter:
www.gap-in-bonn.de https://www.facebook.com/GapInBonn
http://www.lesbischwul-bonn.de
https://www.facebook.com/LBSTBonn