„Man sieht doch, dass ich eine Frau bin“

Kaum ein Wort sorgt an deutschsprachigen Universitäten für so viel Unmut wie „Studierende“. Warum geschlechtsneutrale Formulierungen wie diese vielleicht gar keine schlechte Idee sind, zeigen große empirische Studien. Ein bonnFM Selbstversuch und Interview.

In letzter Zeit wurden viele „Studentenwerke“ in Deutschland in „Studierendenwerke“ umbenannt, in Bonn vor etwa einem Jahr (Mitte 2015). Zu dieser Zeit wurden diese Begrifflichkeiten vielerorts diskutiert, so auch off-air im bonnFM Studio. Während dort viele die geschlechtsneutrale Formulierung begrüßten oder ihr mindestens neutral gegenüberstanden, konnten andere der neuen Ausdrucksweise nichts abgewinnen. Eine Kritikerin beendete für sich die Diskussion mit einem knappen „Wer mich sieht, der sieht doch, dass ich eine Frau bin“.

Studentinnen werden verschluckt

Auch in der Redaktion der ZEIT muss die Diskussion wieder aufgekommen sein, denn im Juni veröffentliche man einen e-Mail-Verlauf der Journalistin Anna-Lena Scholz und des Redakteurs Thomas Kerstan. Kerstan ersetzte mehrfach den Begriff „Studierende“ in einem Originaltext durch „Studenten“, was die Autorin kritisierte. Im Verlauf der Unterhaltung vertreten beide zwei weit verbreitete Positionen: Frau Scholz befürchtet, „das generische Maskulinum [Verwendung der maskulinen Wortendung im Plural] verschluckt die Studentinnen“, worauf Herr Kerstan antwortet: „Das Wort [Studenten] ist kurz und hat sich bewährt. „Studierende“ klingt für mich hingegen gestelzt und bürokratisch“.

Eine Studie zum Nachmachen

Für bonnFM habe ich einen simplen Versuch zum generischen Maskulinum im kleinen Rahmen durchgeführt: Ich habe verschiedene Personen gebeten, sich eine „Gruppe von Studenten“ und eine „Gruppe von Professoren“ vorzustellen, sie genau zu beschreiben und ihnen – zur unauffälligen Bestimmung der Geschlechterverteilung – Vornamen zu geben. Die beschriebenen „Studenten“ haben nur zu 28% weibliche Vornamen bekommen, obwohl in Deutschland etwa gleich viele Frauen und Männer studieren. Von den imaginären „Professoren“ waren nur 27% weiblich, was die deutsche Realität sogar übertrifft: Nur etwa 20% der Professuren hierzulande haben Frauen inne. Wegen der kleinen Anzahl von Versuchspersonen hat diese Umfrage jedoch kaum Aussagekraft, aber es konnten ähnliche Ergebnisse in großen Studien demonstriert werden.

Eine leicht gerechtere Welt

Gespräch mit Jana Klein, Referentin für Frauen und Geschlechtergerechtigkeit des AStA Bonn vom 28.06.16

bonnFM: Ist eine geschlechtergerechte Sprache überhaupt möglich?

Jana Klein: Ich kann dazu sagen, dass die Sprache, so wie die deutsche Sprache angelegt ist, nie ausreichend repräsentieren wird. All die Forderungen, eine gerechte Sprache möge doch bitte ‘fertig und elegant’ wirken und ‘in allen Fällen anwendbar’ sein, ignorieren die Tatsache, dass unsere Welt voller Widersprüche ist und dass eine gerechte Sprache dann nicht immer elegant sein kann. Sprache sollte einfach selber gewürdigt werden und wir sollten darüber nachdenken, wie wir mit Sprache umgehen.

bonnFM: Was ist der Vorteil von geschlechtsneutralen Formulierungen?

Jana Klein: Der Vorteil von neutralen oder wie auch immer gerechten Formulierungen, ist natürlich einfach der, das zeigen ja auch die empirischen Untersuchungen zu dem Thema, dass in unseren Gehirnen, so banal das ist, bei gerechten Formulierungen einfach Männer und Frauen tatsächlich repräsentiert sind. Und wir einfach intuitiv an Männer und Frauen denken. Was bei Formulierungen im generischen Maskulinum faktisch einfach nicht der Fall ist, das kann man sehr sehr, deutlich zeigen. Der Vorteil ist dann im Grunde derjenige, dass die Formulierungen zu einer leicht gerechteren Welt beitragen. Dass wir gerechter oder vielfältiger denken, wenn wir mit Formulierungen konfrontiert sind, die mehrere oder beide Geschlechter repräsentieren.

bonnFM: Wie steht es um Formulierungen wie „Studentinnen und Studenten“, die Frauen und Männer erwähnen?

Jana Klein: Grundsätzlich finde ich es erstmal gut, wenn neben Männern eben auch Frauen sprachlich repräsentiert sind. Das schließt ja schon mal den allergrößten Teil der Menschen ein. Problem ist einfach dasjenige, dass bei den Formulierungen von Frauen und Männern, Menschen, die sich da nicht einordnen können oder wollen, wieder ins Unsichtbare abgedrängt werden. Da gibt es dann so ganz nette Techniken in der Sprache, dass man z.B. einen Stimmabsatz einbaut, z.B. nicht “Studenten und Studentinnen” sagt, sondern dass man “Student_innen” sagt. Dieser kleine Absatz beim Sprechen ist – sowohl beim Sprechen, als auch beim Hören – ein kleiner Stolperer, der vielleicht darauf hinweisen kann, dass hier einfach etwas gar nicht ganz abgeschlossen ist.

Vielen mag der Begriff „Studierende“ aufgesetzt oder umständlich scheinen, doch sind die Universitäten nicht der erste Ort, wo neutrale Bezeichnungen eingeführt werden. Anfang der 1970er Jahre wurden in ganz West-Deutschland aus den „Lehrlingen“ die „Auszubildenden“, wenn auch aus anderen Gründen als nur der Geschlechtergerechtigkeit. Heute stört sich an den „Azubis“ niemand mehr.

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