Hilfsorganisation hilft Schleppern? „Jugend Rettet“ im Interview

Mitte letzter Woche wurde das Schiff IUVENTA der Hilfsorganisation „Jugend Rettet“ von der italienischen Regierung beschlagnahmt und durchsucht. „Jugend Rettet“ wird vorgeworfen, mit libyschen Schleppern zusammen zu arbeiten.
bonnFM hat zwei Botschafterinnen der Organisation zu Gast und spricht mit ihnen über die Vorwürfe.

bonnFM: Hallo! Wollt ihr zwei euch vorstellen?

Anna: Ich bin Anna, ich bin seit 2015 bei Jugend Rettet. Ich habe mit Natalie zusammen beim Umbau des Schiffes zum Rettungsschiff geholfen, die medizinische Planung für das Schiff gemacht und war letztes Jahr auch mit vor Ort auf Malta.

Natalie: Ich bin Natalie. Ich studiere auch in Bonn, bin 21 Jahre alt, seit Anfang 2016 dabei und habe auch beim Umbau des Schiffes geholfen. Und ich bin Botschafterin der Organisation.

bonnFM: Botschafterin, das ist ein sehr gutes Stichwort. Was genau ist eine Botschafterin von „Jugend Rettet“?

Natalie: „Jugend Rettet“ hat ein Botschafternetzwerk mit 63 Standorten in ganz Deutschland und wir sind dafür da, den Verein so lokal wie möglich zu vertreten. Wir weisen auf die Situation im Mittelmeer hin, erklären die Arbeit von „Jugend Rettet“ und organisieren Aktionen um Spenden für die Missionen zu sammeln.

Bild: Jule Müller / Jugend Rettet

Bild: Jule Müller / Jugend Rettet

bonnFM: Reden wir doch mal über das was letzte Woche passiert ist. „Jugend Rettet“ war viel in den Medien und wurde als NGO praktisch raus gepickt. Anna kannst du sagen, was deine Meinung zu den Vorkommnissen und den Beweisen ist?

Anna: Die Situation war so, dass die IUVENTA-Crew am 31.7 von der MRCC angewiesen wurde, zwei geflüchtet Syrer von der italienischen Küstenwache zu übernehmen und diese nach Lampedusa zu transportieren. Das hat die Crew auch gemacht und auf Lampedusa ist das Schiff dann empfangen worden und es hat eine Befragung statt gefunden, was der normale Verlauf ist beim Ausschiffen von Flüchtlingen. Im Laufe des Gesprächs wurde dann ein Durchsuchungsbefehl für die IUVENTA vorgelegt und die italienischen Behörden haben das Schiff beschlagnahmt, welches dann nach Sizilien überführt wurde. Die Crew der IUVENTA ist auf Lampedusa zurück geblieben.

bonnFM: Das ist jetzt der aktuelle Stand der Dinge. Was könnt ihr denn generell zu den Vorwürfen sagen?

Anna: Uns liegen keine konkreten Anschuldigungen von Richtern vor. Man kann die Geschehnisse aber zeitlich einordnen. Das Schiff ist einen Tag nach der Ablauffrist zum Unterschreiben des „Code of Conduct“ beschlagnahmt worden. Zeitgleich ist die „C-Star“ das Schiff der Identitären Bewegung im Mittelmeer angelangt. Ob es da aber Zusammenhänge gibt. können wir nicht sagen.

NGOs sollen bewaffnete Polizisten mit an Bord nehmen

bonnFM: Das ist also der einzige Anhaltspunkt den ihr habt. Wenn wir jetzt schon auf den „Code of Conduct“ zu sprechen kommen; was genau ist das?

Natalie: Der „Code of Conduct“ ist ein Verhaltenskodex. der die Arbeit von NGOs im Mittelmeer regeln soll und da gab es auch lange Verhandlungen in Rom zu. Sechs von acht Hilfsorganisationen haben diesen nicht unterschrieben, wozu auch „Jugend Rettet“ gehört, weil wir uns nicht dazu in der Lage gefühlt haben, den einzuhalten. Unsere Prämissen sind immer, dass wir eine humanitäre Organisation sind. Das heißt, dass wir unabhängig und neutral sind. Der Kodex hat vorgeschrieben, dass wir bewaffnete Polizisten mit an Bord haben, aber das wäre unmöglich, da wir neutral sind und die Menschen, die aus den Booten kommen, sind meist traumatisiert und können nicht direkt befragt werden. Das kann immer noch auf Malta oder Lampedusa statt finden. Der zweite Punkt ist, dass der Kodex für uns nicht mit geltendem Seerecht vereinbar ist und er würde unsere Effizienz beeinträchtigen, da wir Flüchtlinge nicht mehr an größere Schiffe übergeben dürften, sondern sie selber in die Häfen bringen müssten. Dadurch würde unser Boot ganz lange im Suchgebiet fehlen und in der Konsequenz würden mehr Menschen sterben.

bonnFM: Dazu anhängend würde ich gerne wissen, ob es eine Definition von Seenot gibt. Habt ihr da eine für uns? Das ist ja auch immer eine große Frage. Was ist Seenot und was sind da die Grenzen?

Anna: Es gibt eine Definition des wissenschaftlichen Dienst des Bundestags die besagt, dass Seenot besteht, wenn ein Schiff und die auf ihr befindlichen Personen ohne Hilfe von außen nicht in Sicherheit gelangen können und auf See verloren gehen. Und es gibt auch ein offizielles Frontex Dokument, was ganz klar sagt, dass Boote, die in Libyen ablegen, in Seenot sind beziehungsweise als Seenotfall einzustufen sind, da die Schlauchboote, die benutzt werden, nicht hochseetauglich sind, keiner der sich auf dem Boot befindenden Menschen eine nautische Ausbildung hat und die Boote meistens total überfüllt sind. Treten diese drei Faktoren auf, ist das Boot definitiv als Seenotfall einzustufen. Das heißt, alle Boote, die in Libyen ablegen, sind in Seenot.

Bild: Jule Müller / Jugend Rettet

Bild: Jule Müller / Jugend Rettet

bonnFM: Das ist jetzt die offizielle Definition an der sich „Jugend Rettet“ auch orientiert. Wir müssen jetzt natürlich nochmal auf die Fotos die gemacht wurden, zurück kommen. Da fiel oft der Begriff „Engine-Fisher“. Könnt ihr zu dem Zusammenhang etwas sagen?

Anna: Engine-Fisher sind Libyer, die auch im Bereich des „Search and Rescue“ Gebiets unterwegs sind und Flüchtlingsboote, beziehungsweise deren Motoren klauen. Diese Menschen sind meistens bewaffnet und fast täglich dort anzutreffen. Es ist auch schon vorgekommen, dass diese Personen während laufender Rettungsaktionen versucht haben, Boote von „Jugend Rettet abzudrängen“. Es ist eine alltägliche Situation für uns und die suchen uns aus, nicht wir die. Dadurch, dass wir im Gegensatz zur libyschen Küstenwache unbewaffnet sind, haben wir keine Ambitionen, uns mit denen anzulegen.

Plan libyscher Küstenwache verstößt gegen Genfer Flüchtlingskonvention

bonnFM: Gut, dass du auf die libysche Küstenwache zu sprechen kommst, denn da wollte ich sowieso nochmal nachhaken. Libyen ist  kein souveräner Staat wie zum Beispiel Deutschland [In Libyen herrscht zurzeit Bürgerkrieg und eine Übergangsregierung, Anm. d. Red.]. Kann man da was zu sagen, wie das ganze finanziert wird und wie die Zusammenarbeit ist?

Anna: Die libysche Küstenwache, untersteht einer von der EU tolerierten Einheitsregierung. Italien und auch die EU beteiligen sich an der Ausbildung der Küstenwache und stellen Schiffe. Das Ziel ist es, dass die libysche Küstenwache soweit ausgerüstet und ausgebildet ist, dass sie die Seenotrettung alleine betreibt und die Flüchtlinge nach Libyen zurück bringt. Das sehe ich als problematisch an, da es gegen die Genfer Flüchtlingskonvention und gegen jedes geltende Seerecht verstößt, da es in internationalen Gewässern passiert.

bonnFM: Natürlich müssen wir jetzt auch über die Rolle der Medien in dem Fall sprechen. „Jugend Rettet“ bekam in der letzten Woche sehr viel Aufmerksamkeit. Natalie, kannst du uns da vielleicht deine Meinung zu schildern?

Natalie: In einem Statement von „Jugend Rettet“ wurde davon gesprochen, dass wir so ein bisschen zum Spielball europäischer Politik geworden sind. Für uns ist das alles eine schwierige Situation aber besonders für unser Kernteam in Berlin, an welches die Presseanfragen gehen. Es wurden viele Artikel und Spekulatives veröffentlicht, mit Hinweisen und Nachweisen, die wir so nicht verifizieren können. Dadurch kamen viele Gerüchte auf und in den Social Media gab es viele Anschuldigen aus dem rechten Metier, Vertreter von uns haben persönliche Morddrohungen bekommen und manche haben sich auch darüber gefreut, dass das Schiff beschlagnahmt wurde.

Bild: Jule Müller / Jugend Rettet

Bild: Jule Müller / Jugend Rettet

bonnFM: Danke schonmal für euer Statement zu dem, was letzte Woche passiert ist und zu den Vorwürfen gegen „Jugend Rettet“. Aber lasst uns jetzt auch nochmal über die lokale Ebene sprechen. Ihr wart jetzt in Deutschland und europaweit in den Medien; aber wie kann man denn Kontakt mit euch aufnehmen? Wo seid ihr anzutreffen?

Natalie: Auf unserer Homepage also jugendrettet.org, gibt es eine Liste mit all unseren Standorten in Deutschland, wo auch Email-Adressen hinterlegt sind, über die man uns dann erreicht. Wir treffen uns regelmäßig alle zwei Wochen und sind auch auf vielen Veranstaltungen präsent, wo man uns auch ansprechen kann. Wir sind immer froh über neue Mitglieder, die uns unterstützen.

bonnFM: Das klingt nach sehr viel ehrenamtlicher Arbeit. Ich bedanke mich bei euch, dass ihr bei uns im Studio wart und Stellung zu der ganzen Sache genommen habt.

bonnFM bleibt an der Sache dran und wird weiter darüber berichten.

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