„Mit der Ehe für alle ist es noch lange nicht getan“

Zum Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie am 17. Mai hat bonnFM mit Anika Schaefer vom LesBiSchwulen- und Trans*-Referat im AStA der Uni Bonn gesprochen.

bonnFM: Anika, vielleicht am Anfang mal für das Verständnis: was ist denn eigentlich das LBST Referat? Was macht ihr, was sind eure Aufgaben?

Anika Schaefer: Das LBST-Referat ist ein Uni-Referat, was im Grunde verschiedene Events organisiert für queere Studierende. Zum Beispiel machen wir die Kaffeestunde, dass man in das Referatszimmer, was auf dem AStA-Flur ist, kommen kann und dort Kaffee, Tee bekommt und mal ein bisschen quatschen kann. Wir organisieren auch Themenabende zu verschiedenen queeren Themen, wo es dann auch Diskussionsrunden gibt und auch einmal im Semester eine queere Party, nämlich die „Don’t Tell Mom“.

bonnFM: Das klingt ja alles schon mal sehr interessant, sehr vielfältig auf jeden Fall. Seit wann gibt es denn das Referat? Und wie viele Leute seid ihr momentan?

Anika Schaefer: Momentan sind wir so 14 Personen. Wie lang es das Referat gibt – nächstes Jahr hat es glaub ich den 30. Geburtstag. Also ich bin mir gerade auch nicht tausendprozentig sicher, aber das müsste so sein.

„Ich glaube, dass formale Sachen, wie die männlichen oder weiblichen Formulierungen auf Studierendenausweisen oder die Toiletten, Themen sind“

bonnFM: In der Tat schon so lange, das ist ja doch überraschend. Ich denke mal, dass ein großer Teil eurer Arbeit sich auch damit befasst, gegen Diskriminierung einzusetzen, auf jeden Fall. Gibt’s denn aktuell oder vielleicht auch früher schon mal Diskriminierungserfahrungen oder vielleicht auch generell negative Erfahrungen im Zusammenhang mit LBST* so an der Uni?

Anika Schaefer: Ich bin noch nicht so lange dabei, deshalb hab ich noch nicht so viel mitbekommen – wobei wir natürlich für Beratungen bereitstehen und auch da sind. Und ich bin auch beispielsweise in einem Studiengang, der sich sehr viel mit queer studies beschäftigt, deswegen passiert da eher weniger. Ich glaube aber, dass solche Geschichten wie formale Sachen, dass beispielsweise die Studierendenausweise immer noch ein männliches oder weibliches Geschlecht draufstehen haben oder die Toiletten beispielsweise, dass das eher so Themen sind wo man vielleicht schon von Diskriminierung sprechen könnte. Oder zumindest die Frage, ob man da vielleicht noch was tun kann um queeren Studierenden entgegen zu kommen in der Hinsicht.

bonnFM: Also negative Erfahrungen gar nicht so sehr, gibt’s denn vielleicht positive Erfahrungen und Erlebnisse?

Anika Schaefer: Positiv kann ich schon mal sagen dass der Studiengang den ich mache, also English Studies, sich sehr viel mit queeren Themen beschäftigt und auch sehr viele Kurse zu dem Thema hat. Auch mein anderer Studiengang Medienwissenschaft beschäftigt sich da sehr viel mit. Auch die Tatsache, dass wir als das Referat solche Sachen ausrichten können, würde ich definitiv als positiv bezeichnen.

„Gerade für andere Personengruppen, wie trans* und inter*, muss einfach noch sehr viel getan werden“

bonnFM: Auf jeden Fall. Grundsätzlich ist es ja so, dass in den letzten Jahren schon sehr viel erreicht wurde, jüngst zum Beispiel die Ehe für alle sowohl in Deutschland als auch in Australien inzwischen. Aber bleiben wir hier in Deutschland: Braucht man denn das Referat überhaupt noch? Braucht man generell noch queeren Aktivismus oder kann man das nicht auch langsam mal einstellen?

Anika Schaefer: Ich glaube definitiv, dass mit solchen Schritten noch nicht alles getan. Auch wenn es die Ehe für alle gibt, ist es noch so, dass es auf der Straße manchmal anders aussehen kann. Und dann gibt es noch andere Personengruppen, die in diesem LGBTQ*-Term mit einbezogen sind, für die noch sehr viel getan werden muss. 2018 wurde vom Bundesverfassungsgericht, dass es das Dritte Geschlecht bald geben soll, um auch inter*-Personen das Recht zu geben, als Person existieren zu können auf dem Papier. Das sind Sachen, wo noch sehr viel getan werden muss. Auch die Prozesse, die beispielsweise trans*-Personen durchlaufen müssen, bis sie wirklich ihr Geschlecht anerkannt bekommen. Das sind noch Sachen, wo sehr viele Hürden sind und wo man als queere Person gucken muss, dass wenn man beispielsweise schwul oder lesbisch ist und nicht trans*, dass man trotzdem noch im Hinterkopf hat, dass es noch viel anderes gibt wofür man kämpfen kann. Auch wenn man nicht queer ist, dass es noch andere Personengruppen gibt für die noch viel getan werden kann. Ich glaube, damit ist es noch nicht getan und es gibt noch sehr viele andere Menschen, für die auch erstmal Sichtbarkeit geschaffen werden muss. Damit man sehen kann, was überhaupt noch getan werden muss.

bonnFM: Insgesamt gibt es also noch einiges zu tun. Wer engagiert sich denn noch im Bereich LBST* jetzt speziell an der Uni oder generell in der Bonner Studierendenszene außer des Referats?

Anika Schaefer: Außer des Referats gibt es beispielsweise SchLAu, das ist eine Organisation, die an Schulen Workshops zu sexueller Orientierung und geschlechtlicher Vielfalt macht. Und dann gibt es noch das GAP, das ist ein queeres Jugendzentrum.

„Es wäre schön, wenn das Thema auch im Stoff an den Universitäten den Platz bekommt, den es haben sollte“

bonnFM: Wie kooperiert denn das Referat mit diesen anderen Organisationen in Bonn? Wird generell kooperiert? Wenn ja wie? Und was kann man vielleicht auch noch verbessern in der Kooperation?

Anika Schaefer: Es wird kooperiert. Beispielsweise laufen diese Themenabende in Kooperation mit SchLAu, dass da manche Methoden genutzt werden um am Anfang einen Wissensgrundstein zu legen.
Beispielsweise Begriffserklärungen, oder sowas. Mit dem GAP gibt es auch Projekte, zum Beispiel gibt es jetzt im Sommer einen Queer Slam, einen queeren Poetry Slam. Und es ist auch ein gemeinsames Theaterstück in Arbeit, was freiwillig produziert von den Leuten die Lust haben, dabei mitzumachen. Es heißt „Under Control“ und wird auch in Kooperation mit dem GAP und der Aids-Hilfe in Bonn gemacht.

bonnFM: Das ist ja schon mal sehr schön, sehr interessant. Wenn sich das Referat jetzt irgendwas wünschen könnte für die nächsten Jahre an Entwicklungen insbesondere im LBST*-Bereich hier an der Uni, aber vielleicht auch allgemein in Bonn: was wäre das?

Anika Schaefer:Ich weiß nicht genau, inwiefern ich für das Referat sprechen kann. Aber als Person, die da tätig ist, gibt es eine Sache die ich mir wünsche. Weil ich schon von anderen Studierenden manchmal Sachen höre, wie das in deren Studiengängen ist und das ist sehr interessant zu hören, dass das so unterschiedlich verläuft. Und da sind manche Studiengänge dabei, die absolut keinen Wert auf queere Themen legen oder das nicht erwähnen, oder es kurz erwähnen und dann sagen „Ja aber das ist ja nicht so wichtig, wir beschäftigen uns trotzdem eher mit dem was als ‚normal‘ bezeichnet wird“. Und das ist so ein bisschen schade, dass es bestimmte Zweige gibt, die sich da super mit beschäftigen und andere wiederum eher weniger. Und das wäre ganz super, wenn man das ein bisschen ausweiten könnte. Dass das auch im Stoff an Universitäten den Platz bekommt, den es haben sollte – und nicht einfach verschwiegen wird.

Anika Schaefer vom LBST*-Referat im AStA der Uni Bonn, Dankeschön für das Interview!