„Jackie“ – Das Trauma der First Lady

Bild: TOBIS Presse-Service

Am 26.01. lief Jackie von Pablo Larraín bei uns in den Kinos an. Ein Film über Jacqueline „Jackie“ Kennedy kurz nach dem Attentat auf den US Präsidenten John F. Kennedy.

Die First Lady von Camelot

Eine Woche nach dem Mord an John F. Kennedy macht sich ein Reporter auf den Weg zu Jackie Kennedy (Natalie Portman). Eine ernsthafte und empfindliche Frau mit eingefallenen Wangen öffnet die Tür. Während des Interviews wird von nun an in vielen Rückblenden eröffnet, mit was Jackie Kennedy nach der Ermordung ihres Mannes zu kämpfen hatte: mit einem Erlebnis, das man nicht verarbeiten kann. Rauchend und orientierungslos stolziert diese wunderschöne Frau fortan immer wieder in erinnerungsträchtigen Kleidern durch das Weiße Haus, während der Plattenspieler John F. Kennedys Lieblingslied aus dem Musical Camelot spielt: „Ask every person if he’s heard the story, and tell it strong and clear if he has not. That once there was a fleeting wisp of glory, called… Camelot“.

In „A Tour of the White House with Mrs. John F. Kennedy“ führte Jackie einst Amerika durch ihr Camelot spazieren. Sie zeigte auf das antike Mobiliar, das schon Abraham Lincoln gehört hatte, und verwies auf Geschichten, die sich in den Räumen zugetragen haben. Während Natalie Portman als Jackie Kennedy in den nachgestellten Szenen durch das Haus geht, steht hinter der Kamera immer ihre Assistentin, die deutlich auf das Lächeln verweist, das Jackie vor lauter Nervosität zu vergessen droht. Aber Jackie lächelt tapfer weiter, bis ihr Ehemann vor die Kamera tritt und sich ihr Lächeln von der Nervosität erleichtert.

Natalie Portman brilliert

In vielen Rückblenden wird die Ästhetik des Filmes deutlich: die Kamera lässt von Anfang bis Ende nicht von Natalie Portman ab. Zwei Stunden lang ist man ihrem Leid ganz nah. Natalie, Natalie, Natalie – wohin das Auge reicht. Zugegeben, man muss das aushalten können. Aber genau das ist das Erfolgsgeheimnis dieses Filmes: dem Zuschauer wird es möglich, ein Trauma anzufassen. Jeder im Kinosaal wusste, was vor rund 50 Jahren in Dallas passiert ist. Natalie Portman reißt einen jedoch in eine andere Welt. In eine intensive und irreparable Welt – plötzlich kann man mit Jackie Kennedy mitfühlen, was es heißt, den eigenen Mann zu verlieren. Was es heißt, seinen Kopf wie eine Wassermelone zerplatzen zu sehen und hektisch seine Gehirnstücke vom Heck des Cabrios aufzusammeln. Was es heißt, Dinge zu erleben, mit denen man nicht Schritt halten kann. Kurz, was es heißt, ein Trauma zu erfahren.

Natalie Portman gelingt es, das Unfassbare nahezu fassbar zu machen – es zumindest für einen kurzen Augenblick behutsam anzutasten. Während sich Natalie Portmans blutunterlaufene Augen bis zum Rand mit Wasser füllen und dabei saftig glänzen, steigt auch im Zuschauer das saure Gefühl hoch, das sich seit jeher kurz vor einem Tränenausbruch ankündigt. Und analog zu Kennedys Kopf zerspringt einem das Herz, wenn man mitansehen muss, wie Jackie Kennedy in blutigen Kleidern mit leerem Blick danebenstehen muss, während Lyndon B. Johnson blitzschnell zum neuen Präsidenten gekürt wird. Der Zuschauer beginnt zu verstehen und versteht es doch nicht.

Goodbye Camelot

Der Film endet mit dem Auszug der verwitweten First Lady aus dem Weißen Haus. Man sieht Jackie Kennedy durch die Scheibe eines Autos, die auf den Verweis ihrer ehemaligen Assistentin daran scheitert ein Lächeln hervorzubringen. Im Hintergrund erklingt Camelot: „Dont let it be forgot, that once there was a spot, for one brief shining moment that was known as Camelot.“ Das einst so heitere Lied bekommt einen wehmütigen Unterton. Genau wie Jackie Kennedys Leben, dem die Heiterkeit entschwunden ist.

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