Animal Collective „Tangerine Reef“ – Eine Kritik

Ein Öko-Trip par excellence. Animal Collective laden mit ihrem neu erschienenen audiovisuellen Album „Tangerine Reef“ zum Internationalen Jahr des Riffs 2018.

Grün fluoreszierende Korallen füllen das Bild. Einheitlich bewegen sie sich mit einer hypnotisierenden Wirkung von links nach rechts, nach links und nach rechts. Ein neues Bild. Dieses Mal schimmern sie lila und grün. Wie Blumen sehen sie aus und so bewegen sie sich. Nur eben unter Wasser.

Die Rede ist vom Film zu Animal Collectives neuem audiovisuellen Album Tangerine Reef. Für ihr elftes Studioalbum haben sich die Bandmitglieder Avey Tare, Deakin und Geologist (dieses Mal ohne Panda Bear) mit Coral Morphologic zusammengeschlossen, einem „art-science duo“ aus Miami, das sich mit solchen Filmen für die Wahrung des hiesigen Korallenriffs einsetzt. Die Musik zum Film (oder vielleicht auch anders herum) liefern die drei Musiker der im musikalisch spannenden Baltimore gegründeten Band. Ambiente Sounds, ein Meer von Synthesizerklängen und die mit Effekten beladene Stimme Avey Tares führen durch den Trip.

Wütende Kritiken aufgebrachter Musikkritiker

Animal Collective polarisieren die Sphäre der Musikkritiker. Begibt man sich auf die Suche nach ersten Einschätzungen und Meinungen zu „Tangerine Reef“, stößt man nicht selten auf schonungslos schimpfende Kritiken bekannter Blätter. Immer wieder wird man freundlicherweise auf andere Alben der Gruppe hingewiesen. Allen voran natürlich „Merriweather Post Pavillion“ aus dem Jahr 2009, das wohl ‚poppigste‘ all ihrer Experimente, das aber gleichfalls für seine mehr definierten Klänge gelobt wird.

Für manch einen scheint es wohl übliche Praxis zu sein, eine seit 20 Jahren in unterschiedlichen Formationen agierende Band auf weniger als eine Handvoll Alben zu beschränken. Dass Animal Collective außerdem wieder einen Schritt in die Welt des Ambient wagen würde, war nach der 2017 erschienenen EP „Meeting Of The Waters“ wohl auch kaum zu erwarten.

Der Trend zum Gesamtkunstwerk

 „Tangerine Reef“ ist nicht das erste Projekt synästhetischen Ausmaßes der Band. Im Jahr 2010 veröffentlichten sie gemeinsam mit Danny Perez den Film mit dem Titel „ODDSAC“. Vergeblich wird man jedoch auf der Streaming-Plattform seiner Wahl nach einem gleichnamigen Album suchen. Der Film erlebte seine Prämiere auf dem Sundance Filmfestival und wurde anschließend auf DVD veröffentlicht. Die Message: Bild und Ton, Film und Musik gehören unweigerlich zusammen. 

Animal Collective gemeinsam mit Coral Morphologic / Bild: Jacob Boll

Auch im Falle von „Tangerine Reef“ harmonisieren die beiden Medien miteinander – mehr oder weniger. Denn sie bedingen einander nicht. Hier zeigen sich erste Schwächen des Albums. Im Gegensatz zu „ODDSAC“, bei dem sich Perez und Animal Collective voneinander haben inspirieren lassen, wirkt es hier eher so, als habe man das Eine dem Anderen, in welcher Reihenfolge auch immer, lieblos beigefügt. Daran ändern auch thematisch einheitliche Titel wie „Coral Understanding“ oder „Hip Sponge“ nichts. Der etwa 50-minütige Film, der nichts anderes zeigt als Korallen in allen vorstellbaren Farben und Formen, bleibt doch eher ein Extra, eine Art von nice-to-have Zugabe, die den surrealen Klängen unterlegen ist. Die Musik kommt, wenn man sie kauft, sowieso alleine. Der Film kann auf ihrer Website gestreamt werden

Fans der Band, Liebhaber psychedelischer (Pop)Musik und Menschen offenen Ohres kommen hier zweifellos auf ihre Kosten. Aber: „Tangerine Reef“ ist kein Selbstläufer. Wer den Willen besitzt, die Musik (und den Film) wirklich zu erfahren, sollte sich Zeit nehmen. Licht aus, Fenster zu. Alles, was nicht unbedingt Teil des Kunstwerks ist – ein Gesamtkunstwerk ist es dann wohl doch nicht – sollte ausgeblendet werden.

Psychedelic trifft Umweltaktivismus

Sensibilisierung für Pluralität in einer scheinbar immer breiter aufgestellten Musikkultur ist wichtig. Korallenriffe sind wichtiger und auch sie bedeuten Pluralität. Ihre Zerstörung ist gleichzusetzen mit der existenziellen Bedrohung für eine Unzahl von Meereslebewesen. Wenngleich „Tangerine Reef“ von Animal Collective nicht Jeden musikalisch mitreißt, schafft es der Film von Coral Morphologic vielleicht die Sinne seiner Zuschauer zu aktivieren.

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