Ein Album zum richtigen Zeitpunkt: „Open“ von den Grandbrothers

Aufgeschlossenheit, frische Impulse und neu ausgerichtete Perspektiven. Unter diesen Gesichtspunkten erscheint am 20. Oktober 2017 das zweite Album des Duos Grandbrothers namens „Open“. Darauf zu hören ist eine Mischung aus organischen Klavierklängen und elektronischen Sounds, die in dieser Weise einzigartig ist und die die Erwartungshaltung an den Nachfolger des 2015 erschienen Debüts „Dilation“ hoch ansetzt. 

Ohne Zweifel ist die Herangehensweise der Grandbrothers an das Musikmachen eine besondere. Erol Sarp sitzt am Flügel und spielt auf den Tasten des Instruments. Lukas Vogel bedient derweil eine Vielzahl an kleinen Hämmerchen, die er über elektromechanische Signale von seinem Computer aus steuert und die allesamt an verschiedenen Stellen desselben Flügels befestigt sind. Über den Saiten, am Resonanzkörper usw. Die entstandenen Klänge werden mitunter aufgenommen, geloopt, rückwärts abgespielt und auf zahlreiche weitere Arten bearbeitet. Daraus entsteht eine sehr eigene Klangwelt, die den beiden ehemaligen Studenten der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf zurecht zugesprochen werden muss. Aus dem Uni-Projekt ist mittlerweile ein international gefragter Act geworden. Nach einer veröffentlichten EP und dem ersten Longplayer „Dilation“ erscheint nun also am 20.10. das zweite Album „Open“ bei dem Berliner Label City Slang.

Fortschritt in entscheidenen Aspekten

Auf insgesamt zehn Songs führt die Reise von zarten und leisen Momenten bis zu opulenten und kräftigen Soundlandschaften. Den Aspekt der dynamischen Abwechslung erfüllt das Zweitwerk der Grandbrothers also definitiv, wenngleich zunehmend auf komplexe Rhythmen verzichtet wird, wie sie noch auf den vorausgegangenen Veröffentlichungen zu hören waren. Einen merklichen Fortschritt offenbart darüber hinaus die technische Umsetzung. Einerseits gestaltet sich die Produktion als differenzierter und detailreicher als auf „Dilation“ und andererseits bewegen sich die beiden Musiker im Hinblick auf die Verwendung der vielen kleinen Hämmerchen und der Verarbeitung der aufgenommenen und bearbeiteten Töne auf merklich ausgereifterem Gebiet. Diese Umstände veranlassen zur der Feststellung, dass der Nachfolger des Debüts diesbezüglich zum richtigen Zeitpunkt erscheint. Weder lassen die Grandbrothers ihre durch „Dilation“ gewonnene Aufmerksamkeit versanden, noch wird unter vermeintlichem Zeitdruck ein unausgereiftes Album präsentiert.

Ausgelassenes Potenzial im Songwriting

Nichtsdestotrotz fällt beim Hören von „Open“ ein Wermutstropfen ins Auge bzw. ins Ohr. Harmonisch befinden sich die Songs zum Großteil in einem etwas arg bekömmlichen Bereich und bieten selten eine Überraschung oder einen hervorgehobenen Spannungsbogen. Das Album überzeugt demnach eher durch seine allgemeine Atmosphäre als durch innovative oder originelle Melodien. Ohne Zweifel reicht das Spektrum auch hier von gelungener Melancholie bis zu einer sicher umgesetzten Düsternis, doch meist geschieht dies mehr oder weniger vorhersehbar. Dabei haben die Grandbrothers mehrfach bewiesen, dass das Potenzial für eine Weiterentwicklung im Songwriting vorhanden ist. Was im Hinblick auf die Arrangements durchaus hörbar ist, fehlt an mehreren Stellen in der Harmonieführung.

Insgesamt haben die Grandbrothers trotz allem ein Album geschaffen, das ihren Status als eine der interessantesten Künstler im gegenwärtigen Aufgebot deutscher Popularmusik unterstreicht. Unbedingt ist ein Besuch eines der im Herbst und Winter stattfindenden Konzerte zu empfehlen, die das Duo durch ganz Europa und auch ins Vorprogramm von Bonobo führt!

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