Wie der Wind sich hebt

Nach einer Wartezeit von einem Jahr erreicht Hayao Miyazakis neuer Anime-Film auch die deutschen Kinos. „Wie der Wind sich hebt“ löste bei Anime-Fans nicht nur Freude, sondern vor allem auch Trauer aus, denn mit der Erstveröffentlichung im September 2013 gab der japanische Anime-Regisseur und Gründer des Studio Ghibli seinen Rücktritt bekannt.

Schluss mit flauschigen Tieren und bösen Hexen

In seinem voraussichtlich letzten Spielfilm zeigt sich Hayao Miyazaki mal von einer anderen Seite: Kein flauschiges Riesentier wie in „Mein Nachbar Totoro“ und auch keine furchteinflößende Hexe Yubaba wie in „Chihiros Reise ins Zauberland“. Der Film handelt vom Leben des jungen Kampfflugzeugingenieurs Jiro Horikoshi, der von klein auf den Traum hat, frei in der Luft zu fliegen. Miyazaki orientiert sich an der Biografie der historischen Figur Jiro Horikoshi, der als Konstrukteur des Jagdflugzeugs „Zero-Sen“ gilt, das im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurde. Miyazakis Liebe zu Flugzeugen, die einst in „PorcoRosso“ zu beobachten war, kommt hier erneut zur Geltung.

Eine Liebesgeschichte zu Kriegszeiten

Es gibt Stimmen, die behaupten, dass Miyazaki mit seinem Film politische Debatten ausgelöst habe. Dass die Zero-Sen Kriegsmittel waren, mit denen die Japaner im Zweiten Weltkrieg nach Pearl Harbor zogen, sollte natürlich nicht völlig unter den Teppich gekehrt werden. Allerdings kann man an dieser Stelle nur betonen, dass „Wieder Wind sich hebt“ kein reiner Kriegsfilm mit lauter Kampfszenen ist, sondern zugleich eine traurige Liebesgeschichte. So zeigt der Film auch wider Erwarten viele Liebesszenen, die für Ghibli-Filme eher untypisch sind. Das verrät bereits der Filmtitel, bei dem sich Miyazaki auf Tatsuo Horis gleichnamige Novelle (jap. „Kaze Tachinu“) stützt. Im Film trifft Jiro die stets heitere Nahoko kurz vor dem großen Kantō-Erdbeben. Wie vom Winde verführt, sehen sich die beiden wieder und verlieben sich. Doch das Schicksal ist hart, denn Nahoko erkrankt an Tuberkulose und hat nicht mehr lange zu leben. Der Titel der Novelle geht auf ein Zitat des Poeten Paul Valéry zurück: „Le vent se lève !… Il faut tenter de vivre !“ (dt. „ Der Wind hebt an!… Wir müssen versuchen zu leben! “). Jiro verliert Nahoko und muss mitansehen, wieseine Flugzeuge nicht mehr nach Japan zurückkehren. Doch ihm wird klar, dass trotz vieler Verluste das Leben weitergeht.

Ein verfluchter Traum

So wie Miyazaki von Flugzeugen fasziniert ist, träumt auch Jiro Tag und Nacht vom Fliegen. In seinen Träumen trifft er den italienischen Luftfahrtingenieur Gianni Caproni, der ihn lehrt, dass Flugzeuge kein Mittel für den Krieg, sondern etwas Schönes sind, die den menschlichen Traum des Fliegens realisieren. Ein zentraler Konflikt im Film sind die zwiespältigen Gefühle Jiros: Einerseits träumt er einfach nur davon, das perfekte Flugzeug zu bauen, andererseits machen die politischen Umstände aus seinem Traum eine Kriegswaffe. Jiro muss der traurigen Wahrheit ins Gesicht sehen: Sein geliebtes Flugzeug ist wie verflucht. Auf ähnliche Weise widerspricht sich Jiro, wenn er seine Beziehung mit Nahoko anfängt, da er sich darüber bewusst ist, dass ihm seine Arbeit als Flugzeugingenieur nicht viel Zeit für Nahoko übrig lässt.

Erfüllt nicht alle Erwartungen, bleibt aber ein erstklassiges Kunstwerk

Es mag überraschend sein, dass Miyazaki gerade mit so einem kontroversen historischen Thema seine Arbeit bei Studio Ghibli abschließt. Unklar bleibt auch, weshalb es zur Fusion der tragischen Liebesgeschichte von Tatsuo Hori und der Biografie von Jiro Horikoshi kam. Über den Inhalt kann weiterhin diskutiert werden. Die Qualität des Werks als Anime-Film ist jedoch erste Klasse. Mit handgezeichneten Bildern schafft es Studio Ghibli mal wieder beeindruckende Szenen darzustellen, darunter die Katastrophe des Kantō-Erdbebens aus dem Jahr 1923. Mit der meisterhaften bildtechnischen Umsetzung bleibt der Film ein Muss für Anime-Fans. Der Film läuft seit dem 17. Juli 2014 im Kino.

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