Einsteigen, bitte – „Linie 16“ im Theater Bonn

bonnFM hat zuletzt mit Regisseur Simon Solberg über seine Inszenierung “Linie 16 gesprochen. Am Freitag feierte das Stück Premiere im Theater Bonn und wir waren für euch dabei.

Ich bin zu früh, viel zu früh. Eine Dreiviertelstunde vor Beginn der Vorstellung sitze ich alleine im Foyer des Bad Godesberger Schauspielhauses. Hinter der noch verschlossenen Saaltür erklingt die Titelmelodie von Ghostbusters. Wie passt das zur Linie 16, frage ich mich, während Mitarbeiter Tabletts mit Schnittchen an mir vorbeitragen. Das von Simon Solberg inszenierte Stück “Linie 16” trägt den vielversprechenden Untertitel “Eine musikalische Achterbahnfahrt durch den rheinischen Untergrund”. Die ersten Gäste treffen ein. Man trinkt Sekt, Bier und Orangensaft, isst dazu Erdnüsse und Laugenbrezeln – klassisch. Das Publikum ist in Bezug auf Alter und Geschlecht bunt gemischt, nach Aussehen und Verhaltensweisen entstammen aber fast alle dem Bildungsbürgertum – irgendwie erwartbar im Theater. Viele sind auch nicht das erste Mal hier, man kennt sich bereits – vermutlich von der letzten Premiere. Der Saal ist ausverkauft und ich fühle mich mit T-Shirt und Lederjacke leicht underdressed, sitzen um mich herum doch überwiegend Menschen mit Hemden und Blazern, in Abendkleid und Anzug. Bevor ich weiter darüber nachdenken kann, heißt es dann aber auch schon: Handys aus, Ruhe bitte. Die Fahrt von Köln-Niehl nach Bonn-Bad Godesberg beginnt.

Figuren zwischen Tragik und Komödie

Die Bühne ist originaltreu einem Stadtbahnwagen nachempfunden, sogar an Ticketautomat und Entwerter wurde gedacht. Auch die Figuren könnten einer realen Bahn entstammen, changieren sie doch allesamt sehr überzeugend zwischen Tragik und Komödie. So lernen wir einen Zucker/Fett-Junkie kennen, der ungesundes Essen in sich hineinstopft, obwohl er es doch eigentlich besser weiß. Oder einen Mann, der immer eine Familienpackung Toilettenpapier in der Bahn dabei hat, seit er einmal wegen eines akuten Darm-Notfalls in Widdig (musikalisch untermalt mit dem Lied vom Tod) aussteigen musste und darüber beinahe seinen Verstand verloren hat. Dann ist da die junge Mutter, die von ihrem Kind nur angespuckt und ausgelacht wird, sich von ihm gestalkt fühlt – und damit einen Diebstahl im Supermarkt begründet. Wir treffen einen Mann mit einem schwarzen Balken vor den Augen, der für jedes entsprechende Foto gebucht wird und regelmäßig in Bild, Gala, Bunte zu sehen ist. Ihm gegenüber sitzt der Aluhutträger, der vor bösen Strahlen und der Macht des Mammon warnt („Ihr wartet doch nur darauf, euch im Elektromarkt das neue GoogleMacAlexaBluetoothUltraHD8KGesichtserkennungsKaffeekapselTablet kaufen zu können“) und sich am Ende doch nur als schnöder Bettler entpuppt. Der Überlebenskünstler Robinson Jugo vom Balkan jagt währenddessen Enten aus den Rheinauen, sammelt Bärlauch im Kottenforst und Pilze im Botanischen Garten.

Am Ende wird es absurd

Ein anderer junger Mann hat eine Keksdose in der Hand, in der seine Mutter wohnt – als Asche, versteht sich. Wegen des Amts. Und weil sie immer die besten Kekse gebacken hat. Oder zumindest die gesündesten („Sie war schon Bio, als Bio noch Öko hieß und als Masochismus galt“). Und dann ist da noch der Opa aus Wanne-Eickel, der in breitem Ruhrgebietsdialekt beklagt, von seinen Enkeln ins Rheinland abgeschoben und allein gelassen worden zu sein. Mit einer jungen Mitpassagierin schmiedet er Pläne, wie er sein Leben am besten und spektakulärsten beenden könnte. Eigentlich, merkt er am Ende, dass er doch gar nicht sterben will. Denn, da ist er sich mit dem Aluhutträger einig: „Wir wollen doch alle nur in Frieden leben“.

Absurd wird es, als plötzlich Horst Seehofer erscheint. Jemand ruft „Da ist die Mutter aller Probleme!“, alle Fahrgäste rennen schreiend davon. Zur Titelmusik von Ghostbusters wird „Seehofer“ schließlich vertrieben. Getoppt wird das nur noch von der personifizierten Erde, die wahllos Fahrgäste belästigt, mit einem Föhn verbrennt oder ihnen gleich ganze Körperteile abreißt – offensichtlich als Rache für den Umgang der Menschen mit ihrer Umwelt. Schließlich endet die Fahrt wegen technischer Probleme irgendwo an der Museumsmeile. Das Schlusswort „Der Mensch ist ein Herdentier und stirbt wegen der sozialen Kälte“ könnte treffender kaum sein.

Musikalische Achterbahnfahrt im Wortsinn

Musikalisch begleitet wird das Theaterstück, das stellenweise eher wie ein Musical wirkt, von live gesungenen Songs ganz unterschiedlicher Genres. Die Eröffnung macht eine Interpretation von Girl on fire, im Original von Alicia Keys. Später wechselt sich Marteria (Sekundenschlaf) mit Grönemeyer (Mensch) ab, auf den 90er-Hit Losing my religion folgt Eminems Lose yourself. Eine Achterbahnfahrt, also nicht nur was die völlig verschiedenen Figuren angeht, sondern wortwörtlich auch im musikalischen Sinne. Ein Wagnis? Vielleicht. Zugegeben, wegen der vielen angerissenen Themen (Plastikmüll, Bio-Lifestyle, Horst Seehofer, Umweltzerstörung,…) wirkt “Linie 16” stellenweise vielleicht etwas überladen. Und doch gelingt Regisseur Solberg und seinem Team am Ende ein einzigartiges Stück über menschliche Hinter- und Abgründe, das zeigt: der Spinner in der Bahn ist eben nicht immer nur irgendein Spinner, sondern kann ein Mensch mit einer bewegenden Lebensgeschichte sein – man muss ihm nur einmal zuhören. Und so unterschiedlich die einzelnen Figuren auch sein mögen, eines haben sie alle gemeinsam: Trotz aller Verzweiflung, trotz allen Ängsten und Sorgen sind sie am Ende des Tages doch irgendwie – zufrieden. Eine Haltung, von der man sich in diesen unruhigen Zeiten vielleicht etwas mitnehmen sollte. Das zu recht begeisterte Publikum jedenfalls reagiert mit minutenlangem Applaus und stehenden Ovationen. Und tatsächlich: Auf der Heimfahrt im Bus sehe ich die Menschen irgendwie mit anderen Augen, höre anders zu und bilde mir nicht vorschnell eine Meinung, sondern denke erst einmal nach über die Menschen und ihre Geschichten.

Wer sich das Stück „Linie 16“ selbst anschauen möchte, kann dies noch tun: am 19. und 31. Oktober sowie am 24. November jeweils um 19:30 Uhr. Tickets gibt es für Studierende ab 7,90 € auf www.theater-bonn.de.