Bis die Knochen brechen?

Gerade ist St. Paul and the Broken Bones mit ihrem inzwischen zweiten Album „Sea of Noise“ auf Tour. Am Donnerstagmorgen noch im Studio vom WDR Morgenmagazin, düste die Band aus dem Amerikanischen Süden am selben Tag noch nach Köln ins Luxor und heizte das Publikum ein. bonnFM hat sich das soulige, lautstarke Ensemble zu Gemüte geführt und für euch mitgegroovt.
 

Es ist wohl die Art Retro-Musik, bei der sich junge Erwachsene denken: Das ist die Definition von Papa-Mucke! Für diejenigen, die mit diesem Ausdruck nichts anfangen können: Wenn Papa bei ganz bestimmten Songs das Radio lauter dreht, auf geschmeidigen Disco-Tanzbären macht und sagt: „Kinder, das war noch gute Musik!“ Schaute man sich im ausverkauften Luxor um, so sah man schon mehrere „Papas“, tatsächlich war aber auch die jüngere Generation gut vertreten.

Gospel meets Big-Band

Auch wenn die Art von Musik es nicht vermuten lässt, ist St. Paul and the Broken Bones eine relativ junge Formation, die sich 2012 gründete. Sie scheinen es sich zum Auftrag zu machen, den Retro-Soul wieder aufleben zu lassen. Dies sieht man vor allem in der instrumentalen Besetzung. Trompete, Posaune und Bariton-Saxophon sorgen für einen knackigen Big Band-Sound, die elektrische Orgel gibt dem Ganzen den Touch einer Southern American Church. Als würde bald ein Gospelchor erscheinen. Aber nein, es ist nur der Sänger Paul Janeway, der mit Gospelrobe ins Scheinwerferlicht tritt.

Er macht den Mund auf und haut die Zuschauer erstmal vom Hocker. Wie kann aus so einem Mann so eine Stimmgewalt brechen? Schließt man die Augen, so würde man glauben, die Stimmen von Cee Lo Green, Anastacia und Brittany Howard (Alabama Shakes) haben sich vereint.

Qualitativ gut aber wenig Abwechslung

Janeway bietet aber nicht nur etwas fürs Ohr, sondern auch fürs Auge: In einem Ausbruch höchster Show-Emotion sah man ihn auf einmal auf dem Boden rollend singen (jedoch nicht für kleinere Leute oder die, die hinten im Saal standen), die Wand streicheln und mit theatralischer Wucht den Mikrofonständer umwerfen. Paul Janeway, der geborene Entertainer. Ein wenig befremdlich, aber okay.

Obwohl Janeway die schillerndste Person auf der Bühne gewesen sein mag und sehr viel Raum eingenommen hat, würde ich gerne ein paar Credits an die Brass-Section geben. Zum Beispiel an den Posaunisten, der leider kaum sichtbar, vom Vorhang halb verdeckt, an der Seite stand. Oder den Saxophonisten, der sowohl das Bariton als auch die Querflöte gut beherrscht. Die Solis waren nicht zahlreich, und doch waren sie eine willkommene Abwechslung zu der Gesangsperformance.

Alles in allem haben St. Paul and the Broken Bones gut abgeliefert. Allerdings stellt man sich nach einer Weile die Frage: „Haben die den Song nicht auch schon vorhin gespielt?“ Zugegebenermaßen kann das Gefühl fehlender Variation durch das Genre des Southern Soul bedingt sein, oder durch die Tatsache, dass man sich noch nicht vollständig in das Album reingehört hat. Auch wenn bei den meisten Liedern nicht getanzt wurde bis die Knochen brachen, war es trotzdem schwer den geschmeidigen Disco-Tanzbären zu unterdrücken.

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