„Die Leute wollen nicht mehr so viel Text“- Straßenrapper Sugar MMFK im Interview mit bonnFM

Der Bonner Rapper Sugar MMFK war zu Gast bei uns im Hip Hop Tuesday und heißt mit „Allô Allô“ alle seine Fans und die, die es noch werden wollen, willkommen. Er erzählt uns von seiner Zeit auf den Straßen von Bonn, seiner individuellen Musik und warum er zwei Jahre im Gefängnis war.

„Allô Allô“ heißt das vor einem Monat erschiene Tape von Sugar MMFK. MMFK steht übrigens für „Mit mir fickt keiner“.
Anders, als dieses aggressive Statement, ist allerdings der Titel seines Albums – oder Tapes – gemeint. Mit Allô möchte er sich der Rapszene vorstellen und bringt gleichzeitig seine eigene Kultur mit ein, denn so begrüßt man sich in seiner Heimat. Das Bantu-Nation Mitglied fühlt sich aber sehr viel stärker verbunden mit Bonn. Mit 14 Jahren kam der Rapper in die Stadt und wohnt jetzt in Medinghoven, wo er viel Inspiration für seine Songs sammelt. „Bonn hat mich schon sehr krass geprägt“ erzählt er uns und verarbeitet seine Gefühle z.B. in dem Song „Verlorene Stadt“. Damit ist Bonn gemeint, um genau zu sein spricht Sugar über seine alte Hood, die er verwahrlost vorfindet.

Seine Lines schreibt er per „Geisterhand“. Das heißt, selbst wenn ihm mitten in der Nacht noch gute Ideen kommen, schreibt er sie auf. Und obwohl der Rapper eher zuhause textet, läuft er erst im Studio, inmitten von den basslastigen Beats, zu Höchstform auf.

„Ich bin erst bei 40%!“

Seit dem „Ohrfeigenmixtape“, das noch stärker vom Boom Bap beeinflusst war, hat sich bei Sugar viel getan. Nun kann er in einem professionellen Studio aufnehmen und möchte sich auch technisch noch steigern. „Ich hab gar nicht so viel Zeit in einem Song so viel zu erzählen“ berichtet uns der Bonner, weshalb er in Zukunft noch mehr mit Metaphern in seinen Texten arbeiten möchte. Das heißt, er hat noch nicht seine finale Form erreicht, sondern hat noch Ambitionen weiter an sich zu arbeiten. „Ich bin, meiner Meinung nach, erst bei 40%“, lautet seine eigene Einschätzung dazu. Um internationale Bekanntheit zu erlangen, müsse er noch mehr Erfahrungen in dem Musikgeschäft sammeln.

Sein Tape „Allô Allô“ ist jedoch schon von seinem neuen Style geprägt. Dabei versucht er, den Musikgeschmack der Gegenwart zu treffen, denn die Musik verändert sich drastisch. Hip Hop wird immer melodischer, der Text spielt nicht mehr eine ganz so große Rolle und der Vibe ist von großer Bedeutung. „Die Leute wollen nicht mehr so viel Text“ lautet seine Einschätzung. Er möchte in seiner Musik die Ohrwurmhooks, die aktuell die Musiklandschaft definieren, und den Straßenrap verbinden.
„Ich bin genau in diesen Wechsel reingewachsen“ behauptet Sugar. Damit liegt vor ihm die schwierige Aufgabe, den Zeitgeist in seinen Songs widerzuspiegeln. Wenn man sich aber die Klickzahlen seiner Single anschaut, scheint er das geschafft zu haben.

„Ich bin in den Knast gegangen, weil da hatte ich Ärger mit einem Nazi“

Sugar macht Rap von der Straße, für die Straße und somit ist es selbstverständlich, dass er einiges gesehen hat. Realness und Authentizität sind ihm daher sehr wichtig. Zwar liebt er Bonn für seine Multikulturalität, kritisiert aber den Umgang in den Problemvierteln. „Sie sollten anfangen, für die Jüngeren schon viel mehr Optionen zu bieten“. Polizeieinsätze sind keine langfristige Lösung, die Jugendlichen, die in diesen Umständen aufwachsen, bräuchten Unterstützung. „Die meisten Jungs, die ich kenne, haben noch nie irgendwas von Steuern gehört“ erzählt er uns und wünscht sich, dass man die Bildung dort praxisnäher gestaltet.

Die Begegnung mit Rechtsradikalen steht zwar nicht auf seiner Tagesordnung, die Situation in Deutschland beunruhigt ihn aber trotzdem. Bis jetzt hatte er nur eine Konfrontation mit der rechten Ecke, und die ging für ihn leider schlecht aus. „Ich bin in den Knast gegangen wegen so einer Aktion“, erzählt Sugar. Im Bus sei er damals auf einen Nazi getroffen und habe die Situation auf seine Weise geregelt. Der Rapper beteuert aber, dass er immer auf der friedlichen Seite stehe. „Wir haben es jetzt schon so viele Jahre miteinander geschafft, es kann nicht sein, dass die Leute jetzt Angst um ihr Brot kriegen“. Damit spielt er natürlich auf die zunehmenden politischen Konflikte an, die in Deutschland durch das Schüren von Angst entstehen.

Wer hat im Hip Hop die Nase vorne?

Wenn man Sugar fragt, wer im Moment die Stilrichtung im Hip Hop vorgibt, lautet die Antwort: Die Franzosen! Das merkt man auch an seiner Musik, die stark vom französischen Vibe beeinflusst ist. „Was die Amis gerade machen pumpe ich nicht“ gibt er zu. Wenn schon Amirap, dann muss es für ihn Oldschool sein. Zu seinen Vorbildern und All-time-Favorites gehört 50 Cent. Sugar sieht sich selbst als internationalen Wettstreiter, der helfen könnte, Deutschrap wieder auf Kurs zu bringen. Das muss er aber vorerst allein schaffen, denn seine gewünschten Feature-Partner „sitzen im Knast oder sind tot“. Allerdings würde er zu einem gemeinsamen Track mit der britischen Rapperin Stefflon Don auch nicht Nein sagen.