Gameskompliziert?
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Gameskompliziert?

10 Jahre gibt es sie nun, die Gamescom wie man sie kennt und liebt. Doch ist dem überhaupt noch der Fall? Alljährlich geht die Messe einige Änderungen durch und wechselt dabei auch öfters ihre Philosophie – ist sie damit erfolgreich?

Lesezeit: 6 Minuten

Huch. Schon ist sie wieder vorbei. Die größte Videospielmesse der Welt fand letzte Woche erneut in Köln statt. Vom event-technischen Giganten hört man in NRW immer wieder aufs Neue – ein Mal im Jahr ist sie das große Ding in der Region. Einmal selbst dort zu sein, die Spiele und Menschenmengen mit eigenen Augen zu erleben, das hätte schon was. Aber nach einer Dekade Gamescom will ich mit diesem Text auch jene Zielgruppe ansprechen, der das Messegelände schon lange nicht mehr fremd ist. Jene abgehärteten Veteranen, die stundenlange Warteschlangen wie nichts wegstecken – stets mit einem Campingstuhl bewaffnet. Ja, ich will nach so vielen Jahren reflektieren.

Zum Jubiläum der Messe scheint ein Rückblick angebracht, eine Zusammenfassung ihrer spannenden Geschichte. Wie hat sie sich seit ihren Anfängen verändert, welche Umgestaltungen haben gerade erst angefangen und was bedeuten sie für alljährliche Besucher? Blickt man zurück, wirkt es so, als hätte die Gamescom lange unter einer Identitätskrise gelitten.

It's a me!

Dabei ist sie weit gekommen. Geboren aus der weitaus kleineren Games Convention in Leipzig, war der Andrang von Anfang an beeindruckend groß. 2009 zieht die Veranstaltung nach Köln, in ein fast 3 Mal so großes Messegelände wie zuvor. Ihr neuer, gekürzter Name, hat sich mittlerweile fest etabliert: Gamescom.  Die Menge an Besuchern macht aus der Veranstaltung schnell einen großen Spieler in der Szene der Gaming-Events. Bald übertrumpft sie sowohl die Paris Game Week, die Tokyo Game Show, sowie alle Veranstaltungen in Nordamerika. Darunter auch die E3 – das vermutlich bedeutendste Treffen der Videospielbranche. Dort präsentieren Entwickler jedes Jahr, in direktem Wettstreit, ihre neuen Produkte.

Für einige Zeit wirkt die Gamescom wie ein konkurrenzfähiger Mitstreiter im Kampf um die wichtigste Messe. Auch in Deutschland beginnen Entwickler ihre Spiele in internationalen Livestreams zu enthüllen. Doch mit nur 2 Monaten zwischen beiden Messen wird schnell klar: selbst große Entwickler haben nicht genug Projekte für zwei große Feuerwerke im Jahr. Einer nach dem anderen stellt seine Präsentationen wieder ein. Doch ein anderer Trend setzt sich als Besucherattraktion durch: Die Videodays. Mehrmals in Folge feiern Youtuber auf der Gamescom ihr eigenes Sub-Event, das jedoch ebenfalls einige Jahre später abgebrochen wird. Auch Musiker und Celebrities locken weitere Menschenmassen an, selbst Angela Merkel ist 2017 zum Start der Gamescom vor Ort.

Nicht genug? Wie wäre es dann mit dem Gamescom Congress (einer Konferenz zur Videospielentwicklung), dem Gamescom Camp (ein Camping-Areal für Messebesucher), dem Gamescom City Festival (einem einwöchiges Outdoor Event in der Kölner Innenstadt) oder der Gamescom App? All diese Neuheiten entwickeln sich zeitgleich mit dem kontinuierlichen Wachstum der Hauptmesse selbst. Der Preis: Bald scheint es als könnte selbst Köln die Menschenmassen nicht mehr halten, die von der Messe genutzte Fläche muss jedes Jahr erweitert werden. Trotzdem gibt es in den darauffolgenden Jahren harte Kritik: stundenlange Wartezeiten und maßlos überfüllte Hallen legen einen Schatten auf das Event. Dazu kommt, dass der damals ausgemachte Vertrag für das Kölner Messegelände sich langsam seinem Ende zuneigt. Eine Zeit lang weiß keiner, wie es um die Zukunft der Messe steht. Doch aus den vielen Experimenten hat man auf dem Gelände am Rhein definitiv gelernt.

Level up

Wer jetzt auf die Gamescom geht, erlebt eine Mischung der verschiedenen Philosophien der letzten Jahre – sowohl im Guten als auch im Schlechten. Statt Präsentationen der Entwickler selbst, hat die Gamescom 2019 zum ersten Mal ihren eigenen, offiziellen Livestream, moderiert vom Gründer der Game Awards. Youtuber haben mittlerweile keine eigene Sektion auf dem Gelände, sondern sind zu einer indirekten Aufmerksamkeits-Währung für Standbesitzer geworden. Gerade Stände für Gaming-Hardware oder kleinere Spiele, die nicht so viel Hype wie die großen Namen generieren können, bedienen sich der „Influencer“ als Kompensator.  Ihnen werden Auftritte auf den Bühnen der Firmen angeboten, um so Fans an die Stände zu locken. Kleinere Youtuber machen zudem gerne Treffen in den Outdoor-Bereichen. Nicht von der Hand zu weisen ist, dass die Gamescom einige ihrer Kinderkrankheiten kompetent überwunden hat. Trotz nach wie vor steigender Besucherzahlen fühlte man sich dieses Jahr weitaus weniger eingeengt als zuvor. Böse Zungen munkeln, dass das mit dem diesjährigen Fehlen von Entwickler Blizzard zusammenhängen könnte – der traditionell immer eine der größten Standflächen einnahm.

Nichtsdestotrotz: Wo früher richtungslose Menschenmassen gänzlich der eigenen Schwarmintelligenz ausgeliefert waren, um ihren Weg zu finden, arbeitet mittlerweile eine bemerkenswert große Menge an Personal rund um die Uhr als Aushilfen. Die kleine Armee gelb-gekleideter Aufseher signalisiert Richtungen, sperrt oder teilt Zonen und Treppen mit Trennstreifen, verlagert Menschenmassen, erschafft kleine Strömungen. Zu großen Staus kommt es nicht. Das war zwar auch letztes Jahr zu loben, dort waren einige der vorab geplanten Umwege allerdings frustrierend kompliziert und weit. Mittlerweile arbeitet das Team spontan und öffnet/schließt Routen flüssig je nach Andrang. Top.

Trotz Interesse seitens Berlin, die Messe an einen neuen Standort zu verlegen, gibt es auch eine zweite gute Nachricht für NRW: Der Vertrag in Köln wird verlängert – das Messegelände erwartet eine erneute Erweiterung. Wer sich Sorgen macht, Messe Deutz könnte den Andrang bald nicht mehr packen, sollte beruhigt sein: Etwa 20% des Indoor Messegeländes wurden selbst 2019 nicht benutzt.

New Try?

Und doch hat die Veranstaltung noch weitere Facetten. Ein Aspekt der Gamescom, der jedes Jahr solide bleibt, ist die soziale Komponente. Mit Freunden auf die Messe zu gehen, bekannte Gesichter vor Ort wieder zu treffen oder in der Masse an Menschen mit dem gleichen Hobby neue Kontakte zu knüpfen, ist immer wieder eine coole Erfahrung. Wenn eine Kritik bestehen bleibt, dann sind es die Ansteh-Schlangen, die nach wie vor lang und länger werden – ein Umstand der fast schon Tradition geworden ist. Wer ausschließlich für Spiele-Demos anreist, braucht Sitzfleisch. Auch der Trend für große Games, keine anspielbaren Levels, sondern lediglich Video-Präsentationen zu zeigen, entwickelt sich hoffentlich nicht weiter. Gegenpunkt: Sony lässt die Besucher mittlerweile über App Termine für ihre Spiele reservieren, eine erfrischende Abwechslung.  Der neue Livestream, der die Messewoche einleitet, brachte nur eine überschaubare Menge an großen Neuankündigungen. Vieles entwickelt sich also konsequent weiter. Die Gamescom erfindet sich nach wie vor jedes Jahr wieder neu, reagiert auf Trends und Entwicklungen in der nie stillstehenden Gaming-Branche.

Aber Realtalk: Für rund 10 Euro Eintritt und kostenlose Anreise mit der Bahn, ist die Gamescom für Studierende in NRW extrem zugänglich. Ob als Neuling oder Veteran ist sie – für Fans des Mediums – den Preis definitiv wert. Nach 10 Jahren mag es für manche so wirken, als wäre die Gamescom jedes Jahr dasselbe, höchstens mit anderen Spielen vielleicht. Doch weniges liegt der Wahrheit ferner, gerade ihr immerwährender Wandel macht sie unglaublich spannend. Immerhin sehen wir hier, nur einen Katzensprung entfernt, die Entwicklung der weltgrößten Messe der Videospiel-Branche. Und das ist schon irgendwie cool.

Ich gratuliere also zu 10 Jahren Gamescom in Köln – gespannt darauf, was die Zukunft bringt.

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