Geisterstunde
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Geisterstunde

Die bonnFM-Kolumne

Letztens war der Bonner Hauptbahnhof anders als sonst, zeigte sich in ungewohnter Leere aber auch unheimlich ähnlich zur Rush-Hour. Kennst du das, wenn dein Blick zu einer anderen Tageszeit oder in einem ungewohnten Licht die vertrauten Eigenschaften eines Ortes auf einmal in Frage stellt?

Gut, Hauptbahnhöfe sind zwar vertraut, selten aber Vertrauensorte. Außerdem ist die am ehesten wahrgenommene Beleuchtung dort wohl die hinter dem Smartphone-Display. Passend zur Kulisse fährt man mehrgleisig: Körper und Aufmerksamkeit an verschiedenen Orten – oft sind Reisende schon lange abwesend, bevor und während der Zug sie fortträgt. Ich wünsche ihnen, dass ihre Ankunft irgendwo sie wieder mit sich vereint. Während sie aufbrechen, versuche ich zu formulieren, was dem Bahnhof von ihnen als bleibende Eigenschaft anhaftet.

Spärlich belebt – eine Unterstellung 

Als ich also letztens am Bonner Hauptbahnhof ankam und es anders als sonst war, bin ich vormittags bei leichtem Sonnenschein auf das Gleis getreten. Der Zug hatte etwas Verspätung, aber das wusste ich noch nicht.
Es sollte einer dieser verloren-machenden-Momente werden, wo weder Ansagen, noch Anzeigen etwas über den Verbleib des Fahrzeugs verlieren, genauso wie man selbst die Überzeugung einbüßt, überhaupt pünktlich gewesen zu sein und dafür nur langsam die Ahnung gewinnt, vergeblich zu warten.

Eine Wolkendecke milderte zwar das für das Frühjahr ungewohnt viele Licht, ich musste aber trotzdem blinzeln, um mich zu zurechtzufinden. In der Erwartung vielleicht jeden Moment einfahrender Waggons blieb ich in Bewegung. Wahrscheinlich hatte ich nur deswegen mein iPhone nicht in der Hand. 

Spärlich belebt, empfand ich den Bahnsteig. Keine typische Zeit, um auf dem Weg zur oder von der Arbeit, Schule, Uni, etc. zu sein. Erst nachdem ich auch körperlich zur Ruhe kam merkte ich, wie still es blieb. Spärlich belebt, so gemein es klingt, bezieht sich nicht allein auf die Anzahl von Menschen auf dem Bahngleis; sie selbst scheinen es auch. 

Auf dem äußeren von ein paar Metallsitzen neben mir schlief jemand: Flasche noch in der Hand und Mund geöffnet, bei auf die Brust gesunkenem Kopf. Gesunken streunten auch die wenigen Anderen zwischen den Treppen und den Mülleimern auf Gleis, manchmal noch von einem Blick oder Griff hinein gefolgt. Undeutlich wurde mir bewusst, dass ich zwar wartete, sie aber waren. Jemand könnte mit mir in den Zug steigen, aber es ginge nicht eigentlich darum, irgendwohin zu gelangen.

Noise cancelling (ghosts)

Der Bahnhof wird Aufenthalt, aber hat sich den Zusatz ,,Ort’’ nicht mehr verdient. Jedes Verweilen ist begrenzt. Auch für uns Pendler wird er zum Nicht-Ort, wir versuchen die Dauer unserer Anwesenheit auf ein Minimum zu begrenzen. Roger Willemsen schrieb dazu, dass das Warten aussterbe. 
Normalerweise lässt sich das gut beobachten. Jeder für sich und am liebsten jeder nicht – zumindest nicht hier, über die innere Bewegung schon weit entfernt: Als wäre es wie im Buchtitel bei Milan Kundera – ,,Das Leben ist anderswo’’. 

Die Geräuschkulisse derjenigen, die man ohnehin nicht mehr ansehen mag, gehört zum ,,noise’’, dass aktuelle Kopfhörer in der Werbung gerne zu ,,cancellen’’ versprechen. Und wenn es eh nur ,,noise’’ ist, nicht das Lebenszeichen anderer Menschen – dann hat jeder erst recht Verständnis, wenn man sich dem nach einem langen Tag verschließt.

Passanten & Stationäre

Von der Seite raunte mich jemand an, etwas mit Kleingeld und ich schüttelte noch nichtmal eingeübt den Kopf, als die Fragende schon wieder an mir vorbeigehumpelt war. Ihre Mütze tief ins Gesicht gezogen und Haut um die zusammengekniffenen Augen herum gerötet. 

Ich fühlte mich fremd, so aufrecht kam ich mir vor im Vergleich mit den gebeugt Gehenden oder noch wenigeren, die gekrümmt saßen und lagen. 
Kurz darauf kam wieder jemand an mir vorbei – zu mir wäre schon zu zielhaft – um seine Bitte vorzutragen, weniger an mich, mehr in den Raum hinein. Sein Blick war glasig und als er nach kleiner Runde erneut in meine Richtung murmelte, kaum fragend, eher automatisch, war mir die Fremdheit der Situation so angewachsen, dass ich ihm es nicht übel nehmen konnte, mich nicht wiedererkannt zu haben. 

Die Bleibenden sind am unbeachtetsten, obwohl sie hier noch zu-, wenn auch nicht den Menschen ansprechen. Wahrscheinlich werden sie schon lange als einer der Grundtöne im ,,noise’’, der eben zum Bahnhof gehört, wahrgenommen. Charakteristisch sind sie höchstens als Landmarken und uns, egal als wie heimatlich wir die Stadt empfinden, im Zuge unserer Routen und Tagesabläufe nur unseren Passantenstatus im öffentlichen Raum beweisend: Ihre gefühlt immer währende Anwesenheit als Kontrast.

Ein Zuhause geben 

Es sind Obdachlose unter diesen verloren Wirkenden, aber einige, die trotz der Möglichkeit eines Dachs über dem Kopf kein ,,Wohin’’ mit sich zu führen scheinen. Als ich mich bei der Einfahrt des Zuges noch einmal umdrehe, sehe ich gegenüber den, im ungewohnten Licht über den altbekannten Bahnsteig schlurfenden, Mitmenschen in Hundeaugen. Das zugehörige Tier, auf einem Banner am Bauzaun des Gleis 1, ist riesig. 

,Tieren ein Zuhause geben’’ steht daneben und die Ironie der Situation ist deutlich wie flach, ein zynischer Kommentar liegt nahe: einer, der diese ominöse ,,Gesellschaft’’ in die Verantwortung und Menschen von der Straße (bzw. Bahnhof) bei sich aufnähme – oder formuliert, dass wir alle mehr hinsehen sollten, auch, wenn gerade kein Licht anders oder Stoßzeit ist.

Aber auch das fühlt sich fremd an und behebt nicht, wie sehr wir die kaumbeachteten Mitmenschen unsichtbar und unhörbar, ja, zu Geistern machen, die zumindest mich in Gedanken an diesen Vormittag immer noch heimsuchen. Denn darin nähern wir uns einander an, wir Pendler in gewollter Abwesenheit, die Bleibenden für unsere Sinne beinahe schon ausgetrübt.
Was ich mich letztendlich damit frage ist, warum und wohin wir alle so sehr verschwinden wollen.

Weder Display noch Bahnhof sind Auswege, sich vom Selbst, und dem anderen, an dem es deutlich wird, zu distanzieren. 

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