Rassismus ist ansteckend
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Rassismus ist ansteckend

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Seit Beginn der Pandemie und der Berichterstattung rund um Corona erleben asiatisch gelesene Personen verstärkt rassistische Gewalt – auch bei uns in Deutschland.

Laut einer Umfrage im Rahmen eines Kooperationsprojektes der Berliner Humboldt- Universität , der Freien Universität Berlin und des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung hat seit Beginn der Corona-Pandemie jeder zweite Befragte, der asiatisch gelesen wird, Rassismus erlebt. In 62 Prozent der Fälle blieb es bei verbalen Angriffen; elf Prozent erlebten aber auch körperliche Gewalt. Die Betroffenen gaben an beleidigt, bespuckt oder mit Desinfektionsmitteln besprüht worden zu sein. Weitere 27 Prozent wurden sozial ausgeschlossen, beispielsweise setzte sich in Bus und Bahn niemand mehr neben sie.

Rassistische Narrative gegenüber Asiat*innen wurden im letzten Jahr vor allem durch die mediale Berichterstattung befeuert, so zierte der Schriftzug „Made in China. Wenn die Globalisierung zur tödlichen Gefahr wird“ eine Ausgabe des Spiegels im letzten Jahr. Abgebildet auf dem Cover war ein als asiatisch gelesener Mann im Schutzanzug. Ein anderes deutschsprachiges Medium fragte, ob man überhaupt noch Glückskekse essen dürfe. Am meisten für Aufruhr sorgte der Satireartikel von Stefan Kuzmany auf Spiegel Online , wo es hieß: „ [ … ] ein wenig Rassismus ist schon in Ordnung […]. Jetzt ist nicht die Zeit für falsche Zurückhaltung, schließlich haben wir es nur diesen gelbhäutigen Schlitzaugen zu verdanken, dass wir womöglich bald alle tot sind.“ Es handelte sich bei diesem Artikel zwar um Satire, nichtsdestotrotz kam in den Kommentarspalten zum Ausdruck, dass viele als asiatisch gelesene Menschen täglich solchen Zuschreibungen ausgesetzt sind und dieses stereotypisierende und klischeebeladene Framing schlichtweg ihre Lebensrealität darstellt.

Anti-asiatischer Rassismus erst seit Corona?

Der anti-asiatische Rassismus war auch schon lange vor der Corona-Pandemie existent. Die strukturelle Diskriminierung asiatisch gelesener Menschen in Deutschland reicht bis in die Kolonialzeit zurück. Im Zuge des zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland wurden Asiat*innen aus Deutschland vertrieben oder in Konzentrationslagern interniert. Später wurden vor allem Vietnames*innen, die im Rahmen der Werbung um Arbeitskräfte in die DDR gekommen waren, Opfer rassistischer Gewalt. Der Höhepunkt der rassistischen Gewalt nach 1945 wurde mit den Pogromen in Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen in den Jahren 1991/ 1992 erreicht. Dort griffen Rechtsextremist*innen bei Anwesenheit applaudierender Zuschauer*innen Wohngebäude an, in denen viele Vietnames*innen lebten. Viele Menschen wurden dabei verletzt. Diese Vorfälle wurden bis zum Ausbruch der Corona- Pandemie als „allgemeine Fremdenfeindlichkeit gegenüber Ausländer*innen“ bezeichnet. Erst die rassistischen Diskriminierungen asiatisch gelesener Menschen in jüngster Zeit führte zur Einordnung der Vorfälle als „anti-asiatischer Rassismus“.

Gängige Vorurteile

Westliche Industrieländer bezeichnen asiatisch gelesene Menschen oder Bevölkerungsgruppen gerne als die sogenannte „Gelbe Gefahr“ („Yellow Peril“), von der eine Bedrohung für die weiße Mehrheitsgesellschaft ausgehe. Zudem sind auch rassifizierte Zuschreibungen nach Geschlecht weit verbreitet. So werden u.a. die Körper asiatischer Frauen häufig in Filmen sexualisiert und infantilisiert. Paradoxerweise gelten Asiat*innen gleichzeitig , in Abgrenzung zu anderen migrantischen Gruppierungen , als vorbildlich, sehr fleißig und integrationsfähig. Damit entsprechen sie dem Bild des sogenannten „Model Minority Myth“ , in dessen Rahmen sie als Vorzeigemigrant*innen gelten.

ichbinkeinvirus.org

Auf den verstärkten anti-asiatischen Rassismus im Zuge der Corona-Pandemie reagierte auch das Internet. Es entstand ein Netzwerk gegen anti-asiatischen Rassismus: ichbinkeinvirus.org. Auf dieser Plattform können Asiat*innen ihre eigenen rassistischen Erfahrungsberichte hochladen. Es geht darum , individuelle Stimmen sichtbar zu machen. Die Initiatoren des Projektes haben sich im März 2020 für den Hackathon der Bundesregierung #wirvsvirus beworben. Als einziges von über 1500 Projekten hat das Team von ichbinkeinvirus.org sich mit dem Thema Rassismus und Corona beschäftigt. Das Projekt wurde für beide Förderprogramme des Hackathons abgelehnt und ist noch nicht einmal unter die Top 200 gekommen. Die Jury des Hackathons war komplett weiß besetzt. Trotz der Ablehnungen hat das Team das Projekt ins Leben gerufen.

Korientation

Neben ichbinkeinvirus.org ist auch der Verein Korientation zu nennen. Dabei handelt es sich um ein Netzwerk für a siatisch-deutsche Perspektiven. Diese Webseite ist eine erste Anlaufstelle für Interessierte, um sich in das Thema „ a nti-asiatischer Rassismus“ einzulesen, Projekte zu entdecken und an Online-Seminaren teilzunehmen. Daneben können Betroffene auf dieser Plattform Akteur*innen finden, die sich gegen Rassismus positionieren oder engagieren und ihre *n lokale*n Ansprechpartner*in heraussuchen.

Der strukturellen Diskriminierung von Asiat*innen entgegenwirken

In Deutschland leben etwa eine Millionen Asiat*innen oder Deutsche mit asiatischem Migrationshintergrund. Diese Menschen werden täglich mit rassistischer Diskriminierung konfrontiert.

Nicht nur Corona hat sich innerhalb der Gesellschaft verbreitet, sondern auch der Rassismus. Die bereits bestehenden Vorurteile gegenüber asiatisch gelesener Menschen sind im Zuge der Pandemie sichtbarer und durch die mediale Berichterstattung verstärkt worden.

Der anti-asiatische Rassismus ist, wie jede andere Art von Rassismus, nicht nur für die betroffene Gruppe von Bedeutung, sondern Teil eines gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Systems und damit ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Es gibt einen Impfstoff gegen Corona, gegen Rassismus gibt es diesen jedoch nicht. Es gibt aber gute Möglichkeiten der strukturellen Diskriminierung von Asiat*innen entgegenzuwirken und damit ein Vorbild für andere westliche Staaten zu sein. Ein Anfang wäre sicherlich die Aufarbeitung deutscher Kolonialpolitik in Südostasien und eine frühe Sensibilisierung mit Migrationsgeschichten von Asiat*innen in Kindergärten und Schulen. Daneben wird heute sehr viel über Diversity gesprochen. Diversität sollte aber nicht nur theoretisch gedacht werden, sondern auch tatsächlich gelebt werden. Dies kann zum Beispiel durch Repräsentation asiatisch gelesener Menschen auf Werbeplakaten, als Moderator*innen im Fernsehen oder durch die Beteiligung von Asiat*innen in Entscheidungsgremien, wie etwa der Jury beim Hackathon der Bundesregierung, geschehen.