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Ausstellung im Kunstmuseum: Künstler*innen auf der Suche nach erneuerten Diskursen
Bild: Tobias Zielony, Maskirovka, 2017 © KOW Berlin & Tobias Zielony

Ausstellung im Kunstmuseum: Künstler*innen auf der Suche nach erneuerten Diskursen

Das Bonner Kunstmuseum zeigt die neue Ausstellung „Refracted Realities“ zu zeitgenössischer Videokunst. Video – ein junges Medium für ein junges Publikum?

In einer kleinen Nische, etwas abseits der großen Leinwände, steht ein einsamer Fernseher. Der Bildschirm ist in die Horizontale gekippt. Das Video, dass er zeigt, passt perfekt in den Rahmen. Es ist ein Smartphone-Video im Hochkant-Format.

Dass der Künstler Eric Boudelaire dieses Format wählte, hat vermutlich ästhetische Gründe. In seinem Video geht es um die Diskrepanz von bewaffneten Soldaten und Bevölkerung im öffentlichen Raum in Italien und Frankreich. Und das Smartphone – obgleich es vor allem bei jungen Menschen weit verbreitet ist – ist nun mal das Mittel, wenn es darum geht den Alltag festzuhalten.

Und dennoch: Es ist erwartbar, dass das künstlerische Medium Video ein eher jüngeres Publikum anlockt. Noch 2015 verbrachten die 18- bis 49-Jährigen weniger Zeit vor dem Fernseher, dafür aber 74% mehr auf YouTube. Aber nicht nur das bewegt zu dieser Vermutung. Auch die Themenwahl der Werke in der Ausstellung „Refracted Realities“ scheint auf ein junges Publikum abgestimmt zu sein.

Worum geht es hier?

„Refracted Realities“, zu Deutsch ‚Gebrochene Wirklichkeiten‘, ist das Thema der diesjährigen Ausstellung zu dem Videokunst-Festival Videonale. Das Komitee des Vereins präsentiert 29 Arbeiten aus dem Bereich der zeitgenössischen Videokunst. 1100 Einsendungen aus 66 Ländern hat eine Jury dafür durchgesehen. Das Ergebnis lässt sich wohl kaum in nur einem Rundgang erleben: Alle Ausstellungsstücke zusammen erschlagen die Besucher mit einer Gesamtlänge von 14 Stunden und 33 Minuten.

‚Gebrochene Wirklichkeiten‘, das meint das Phänomen, dass unterschiedliche Ansichten in Bezug zu ein und derselben Sache existieren können. Wir alle teilen uns eine mediale Realität, leben aber in einer ganz eigenen, persönlichen Wirklichkeit. Offenbar ein Problem für viele Künstler*innen. In der Ausstellung gehe es darum, „die Kunst als Mittel und als Medium zu nutzen, um wieder über bestimmte Themen mehr ins Gespräch zu kommen“, erklärt die künstlerische Leiterin der Videonale Tasja Langenbach.

Bild: Mareike Bernien & Alex Gerbaulet, Tiefenschärfe/ Depth of Field, 2017 © Mareike Bernien & Alex Gerbaulet

So befasst sich eine der Arbeiten mit Nürnberg als Tatort von drei der insgesamt neun NSU-Morde. Dokumentarisch nähert sich das Werk von Mareike Bernien und Alex Gerbaulet mit dem Titel „Tiefenschärfe“ dem Ort, in dem die ermordeten Menschen einst lebten. In dem Video aus dem Jahr 2017 geht es auch um Kritik am NSU-Prozess.

In „Maskirovka“, zu Deutsch ‚Maskerade‘, stellt der Fotograf Tobias Zielony Aufnahmen des Ukrainekonflikts solchen der LGBT-Szene Kiews gegenüber. Hier geht es darum, „die aktuelle Gleichzeitigkeit von Krieg und Alltag in der Ukraine“ zu zeigen.

Anderes Medium – anderes Publikum?

Bild: Su Hui-Yu, The Walker, 2017 © Su Hui-Yu

Videokunst ist eine vergleichsweise junge Disziplin. Ihre Ursprünge hat sie in den 1960er Jahren. Das Medium Video eröffnet dem Künstler neue Möglichkeiten der Darstellung, gerade wenn man den Bereich der Virtual Reality hinzuzählt. Eine unterschiedliche Bedeutung ergebe sich daraus allerdings nicht, beteuert der Intendant des Kunstmuseums Stephan Berg: „Das digitale Prinzip, Wirklichkeit zu erfinden und zu simulieren, das hat die Malerei im 15. Jahrhundert auch schon gemacht – mit ihren Mitteln.“ Dennoch bemerkt Berg, „dass das Publikum während der Videonale deutlich jünger ist.“

Auch Tasja Langenbach sagt, dass ein jugendliches Publikum Interesse an Videokunst habe. Dennoch ist es so, dass bei Ihnen „eine Hemmschwelle besteht, wenn klar wird, dass dafür ins Museum gegangen werden muss.“ Nicht zuletzt haben Jugendliche im Bereich der Videokunst auch einen Vorteil dadurch, dass es ein meist schnelles Medium ist. Im Anschluss an einen Videoabend habe Langenbach von den älteren Gästen gesagt bekommen, ihnen sei Videokunst zu schnell. Das jüngere Publikum habe dieses Problem nicht gehabt.

Kunst, auch als Politikum

Die Videokunst ist jung, die verwendeten Medien und Methoden der Darstellung oft modern. An einer Stelle der Ausstellung sind die Besucherinnen und Besucher beispielsweise dazu aufgefordert, QR-Codes zu scannen und so die ausgestellten Videos digital zu begutachten. Locken solche Spielereien das junge Publikum?
Vielleicht ist es eine Mischung aus vielen einzelnen Faktoren. Sehr wahrscheinlich spielt dann auch mit rein, dass die hier bearbeiteten Themen oft Gegenstand politischer Diskussionen sind. So gesehen liegt die Ausstellung „Refracted Realities“ in vielerlei Hinsicht am Puls der Zeit.

Vom 21. Februar bis zum 14. April ist die Ausstellung im Kunstmuseum zu sehen. Das Festival Videonale findet vom 21. bis zum 24. Februar statt.

Robert Haase

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