Was ist eigentlich Autismus?
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Was ist eigentlich Autismus?

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Albert Einstein, Anthony Hopkins, Courtney Love. Sie alle haben eines gemein: Sie sind autistisch. Aber was heißt das überhaupt – in der Liebe, in der Uni, im Alltag? Im Audiobeitrag erklären Dr. Inés von der Linde und Kristina Marquass, was zum autistisch sein dazugehört. Matthias und Lewis geben mir außerdem Eindrücke davon, was autistisch zu sein für sie bedeutet. Ein paar Themen aus den Expertinnen-Interviews könnt ihr hier nochmal nachlesen.

Sind Autismus und Asperger-Syndrom eigentlich das gleiche?

Dr. von der Linde: Asperger-Syndrom ist eine Subgruppe von Autismus, genauso wie frühkindlicher Autismus und atypischer Autismus. Es ist aber so, dass man diese in der Praxis nicht valide voneinander unterscheiden kann, weil die Grenzen zwischen ihnen verschwimmen. Deswegen kommen wir heute zu der Bezeichnung: Autismus- Spektrum-Störung.

Und was sind die Gemeinsamkeiten von Menschen in diesem Spektrum?

Dr. von der Linde: Menschen des Spektrums weisen eine Beeinträchtigung in den sozialen Interaktionen und der Kommunikation auf. Beispielsweise meiden sie Blickkontakt und der mimische Einsatz ist reduziert. Es fällt ihnen zum Beispiel auch schwer, wechselseitige Interaktionen zu initiieren und aufrecht zu erhalten. Und sie zeigen spezifische Muster bei der Ausbildung von Interessen und Verhaltensweisen. Viele faszinieren sich zum Beispiel für naturwissenschaftliche und technische Zusammenhänge und ihre hohe Motivation führt zu einer intensiven Beschäftigung und dadurch zu hohem Wissen in diesen Gebieten.

Man kennt ja zum Beispiel Albert Einstein oder auch den Charakter Sheldon Cooper aus „The Big Bang Theory“. Aber sind Spezialinteressen denn immer naturwissenschaftlich?

Marquass: Das zeigt sich ganz unterschiedlich. Bei Frauen hat man zum Beispiel festgestellt, dass auch Pferde ein beliebtes Spezialinteresse sein können. Das ist ja erstmal nichts Auffälliges. Wenn man genauer hinschaut sieht man aber, dass sie sich nicht fürs Streicheln oder Reiten interessieren, sondern den kompletten Körperbau des Pferdes auswendig lernen oder alle Pferderassen aufzählen können.

Kann man davon ausgehen, dass Autismus bei Frauen dann auch weniger auffällt?

Marquass: Teilweise, ja. Das liegt aber auch daran, dass Frauen oft schneller lernen müssen, sich anzupassen, weil die Gesellschaft ein soziales Verhalten von Ihnen erwartet. Viele meiner Patientinnen lernen zum Beispiel komplette Seriendialoge auswendig und platzieren diese dann im echten Gespräch, weil sie keine Ahnung haben wie Smalltalk funktioniert. Häufig ist dieses Verhalten so automatisiert, dass sie gar nicht merken, dass dieses „maskieren“ Zusatzenergie erfordert. Es kommt dann zu einem „autistischen Burnout“ wegen der ständigen Anpassungsleistung. Das führt manchmal auch zu Depressionen, weil sie es gar nicht mehr gewohnt sind, sie selbst zu sein.

Aus dem Grund ist es gut, auf beiden Seiten ein Bewusstsein für Autismus zu schaffen. Besonders das Umfeld kann lernen, im Alltag auf ein paar Dinge zu achten, um autistischen Menschen entgegen zu kommen. Frau Marquass und Frau Dr. von der Linde, welche Ratschläge haben Sie?

Marquass: Viele Autist*innen leiden an einer Reizfilterschwäche. Es kann daher hilfreich sein, am Arbeitsplatz das Radio oder andere Beschallung auszuschalten. Einige haben auch eine Schmerzüber- oder Unterempfindlichkeit. Ich habe schon vor vielen Jahren aufgehört, einigen meiner Patient*innen die Hand zur Begrüßung zu geben, weil sie den Händedruck noch Stunden später spüren.

Dr. von der Linde: Viele Autist*innen neigen auch zu Konkretismus. Das heißt, sie verstehen etwas auf einer semantischen Bedeutungsebene. Wenn der Kollege reinkommt und sagt „Die Luft ist hier aber zum Schneiden“ meint er „Bitte mach das Fenster auf“. Er hat es aber so nicht gesagt. Es kann gut sein, Klartext zu sprechen, dann kommt es nicht zu Missverständnissen.