Hagen Rether ertappt die Philharmonie

Die eindrucksvolle Kölner Philharmonie öffnet einem großen deutschen Kabarettisten ihre Tore: Hagen Rether spielt sein Programm „Liebe“. Ausverkauft, versteht sich! bonnFM-Reporter Patrick Wira hat sich doch noch eine Karte verschafft und berichtet vom Ertappen seiner selbst.

Prolog: Ich sehe ihn am Künstlereingang rauchen und obwohl ich ihm ein Lob für sein Programm aussprechen möchte, lasse ich ihn doch – Soll er lieber in der Philharmonie abliefern. Hager, Hagerer, Hagen.

Ich sitze inmitten von Bildungsbürgertum, das Programm soll drei Stunden gehen. Auf der Bühne steht ein Drehstuhl, ein Flügel, auf ihm Bananen und scheinbar andere zufällige Utensilien wie Putztücher, und sonst erschreckend wenig auf der für ein Orchester ausgelegten Bühne. Gesellig warten die Menschen auf den aus Siebenbürgen, dem heutigen Rumänien stammenden Kabarettisten, scheinbar unwissend welche Gefühle Hagen Rether auslöst, wenn er spricht. Der in Essen lebende Rether ertappt dich. Seine Lieblingsfrage: Warum machen wir das? Er spricht uns als Gesellschaft an, lässt einen Zorn und die Abgabe der Verantwortung nach oben in die Politik und Wirtschaft nicht zu.

Von ihm habe ich auch einen Spruch, der besonders einem jugendlichen in der Gesellschaft kleiner oberbergischer Dörfer Halt gibt: Tradition ist die Weitergabe des Feuers, nicht die Anbetung der Asche. Damals für mich ein Rether in der Not! Und doch auch für mich, der immer behauptet, Bildung sei das Wichtigste, gibt es einen Rüffel: Bildung hilft nicht. Bringt nichts, wenn du schlau bist, wenn du doof bist.

Fragen Rether

Schade, dass Hagen Rether keine Interviews gibt.
Seine weiteren Fragen über Gesellschaftsethik und Klimapolitik entlarven: Glauben wir uns das eigentlich? Glauben wir, wir kommen damit durch? Wollen wir das nicht einmal ändern? Warum machen wir das? Haben sie eigentlich noch Winterreifen drauf? Warum Abitur mit 17 machen? Rether fragt so punktuell genau, dass man sich wünscht, er hätte eine Polit-Talkshow mit dem Namen „Fragen Rether“ oder so ähnlich.

Doch nicht nur politisches Kabarett entwaffnet den Zuschauer, auch Nachfragen zu Winterreifen und andere Situationskomik erreicht das Ziel. Todesstrafe für Selbstmordattentäter fordert Marine le Pen, Rether findet es super. Den Satz eines Meteorologen „Das Wetter ist außer Kontrolle“ findet er fantastisch. Er enttarnt die Cosa Nostra-artigen Strukturen bei der Kirche, der FIFA, dem ADAC und ja, der Mafia. Er wirft die Frage auf: Warum werden Edathy und Kachelmann jahrelang durch die Manege gezogen und die Priester noch nicht einmal namentlich erwähnt? Und auch das Gedicht Böhmermanns findet Platz in seinem immer wieder aktualisierten Programm: Warum sei „Ziegenficker“ denn so eine schlimme Beleidigung, fragt der bekennende Veganer. Warum sei es nicht schlimmer, ein Tier dem grausamen Prozess des zu essbarem Fleisch gemacht werden zu unterziehen? Man solle das jeweilige Säugetier doch einfach mal fragen, ob es Fellatio oder Schlachtung vorziehen würde. Aber mit der Antwort müsste man dann auch leben. Und während er die gesellschaftlichen Probleme seziert und man reflektiert, ob man ihm denn zustimmt oder er einfach nur ein sehr guter Rhetoriker (Den Wortwitz „Rethoriker“ kann ich nicht vorenthalten) ist, sagt er unvermittelt: „Oh, schon halb zehn, sollen wir mal anfangen?“

Ein hoffnungsloser Optimist

Hagen Rether spart aber auch nicht mit Selbstreflexion und richtigerweise auch nicht an Selbstkritik. Sein Satz „Leute die reden, wissen nichts“ geht ebenso gegen ihn (und mich), ebenso die Feststellung, es sei absurd, mit seinem Auto durch die Republik zu fahren und Ökologie zum Thema zu machen vor Leuten, die mit dem Auto zu der jeweiligen Location fahren.

Aber auch gegen andere geht es: Gegen Kabarettisten, die es sich einfach machen und nur nach oben meckern im Untertanen-Duktus. Es geht aber ebenso gegen die großen Konzerne Monsanto und Nestlé. Genau in diesem paradoxen schizophrenen Denken liegt vielleicht auch der Kritikpunkt an Hagen Rether: Er widerspricht sich zum Teil, hat seine links-liberale Grünen-Brille auf. Doch wer hat sich noch nicht dabei erwischt, Standpunkte zu vertreten und diese doch nicht einhalten zu können? Ich finde das gut  alle anderen müssen sich ein eigenes Bild schaffen. Hagen Rether thematisiert es wenigstens. Er thematisiert die Scham beider Protagonisten, während man dem Toiletten reinigenden Migranten aus Afrika einen Euro aufs Tellerchen schmeißt (genauso war es heute bei mir). Er kämpft aber ebenso dafür, dass der Zuhörer sein Recht auf freie Wahl schätzt und wahrnimmt, für welches in anderen Ländern blutig gekämpft wird.

Ich könnte euch kaputt spielen

Um 23.15 Uhr reflektiert er: „Ich könnte mal aufhören.“ Um 23.40 Uhr: „Ich könnte euch kaputt spielen“. Da läuft sein Programm exklusive Pause schon über drei Stunden. Und so lässt er den Flügel für fünf Minuten erklingen, singt den Freedom-Song von Michael Jackson und entlässt uns in die Nacht. Was wir daraus machen, liegt in unserer Hand – Hagen Rether lässt uns die Entscheidung. Einige Leute haben da die Philharmonie schon verlassen. Er hat wohl zu lange gespielt.

Sein Programm „Liebe“ ist auf drei Stunden angelegt und man ist durchaus beeindruckt wie mühelos, wie kurzweilig Rether die Zeit erscheinen lässt. Ob die interessanten Inhalte oder die tiefe Stimme dafür sorgen, müsst ihr selbst bewerten. Die diesjährige Liebe-Tour macht übrigens Stopp am 8. Juni im Comedia Theater Köln und am 28. August in der Oper Bonn.

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